THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Biomedical Research Goes Mobile: App-Baukästen für die Forschung

Dtsch Arztebl 2015; 112(17): A-774 / B-653 / C-627

Albrecht, Urs-Vito

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Eine einfache Rechnung: Hunderte Millionen Smartphone-Nutzer entsprechen hunderten Millionen potenziellen Datenspendern für die unterschiedlichsten Zwecke. Im Fokus der öffentlichen Diskussion standen bisher der unrühmliche Datenhunger der Sicherheitsbehörden und der Datenhandel auf kommerzieller Seite, beispielsweise durch Werbenetzwerke. Der große Datenschatz, den es zu heben gilt, weckt Begehrlichkeiten – auch im Gesundheitssektor. Jüngst stellten Versicherungsunternehmen Modelle vor, die den Transfer von Aktivitätsdaten vom Smartphone monetär belohnen. Schon jetzt drängen sich Fragen auf, ob es sich hier um die richtigen Anreize handelt und ob es in Zukunft zur Benachteiligung derjenigen kommt, die sich dem Modell verweigern und nicht mitmachen? Und das „Mitmachen“ ist wesentlich für Mobile-Health-Strategien, denen Politik und Gesundheitswirtschaft viel Potenzial zusprechen im Hinblick auf die Effizienzsteigerung der Versorgung bei geringeren Kosten und größerer Patientenpartizipation. Hinweise auf Erfolge gibt es, Beweise zur Nachhaltigkeit stehen noch aus. Es herrscht Aufbruchstimmung in der Gesundheitsindustrie, und unternehmungslustig stehen die großen Konzerne bereit, die Werkzeuge zur Umgestaltung allzu selbstlos bereitzustellen – auch diejenigen, die sonst eher eine restriktive, patronisierende und wenig altruistische Geschäftspolitik verfolgen.

Am 9. März hat etwa Apple das für die iOS-Plattform nutzbare „ResearchKit“ angekündigt, das seit April auch in Deutschland Forschern zur Verfügung steht. Es handelt sich um ein Framework, das die Durchführung „medizinischer Studien revolutionieren soll“ (1). Als neuer Partner stellt zudem IBM Watson Health hierfür künftig Analyse-Tools bereit. Mit Einverständnis der Nutzer soll Zugriff auf persönliche Gesundheitsdaten ermöglicht werden. Diese werden im „HealthKit“ zentral auf dem Gerät gesammelt und können dann von extern abgerufen werden. Ferner soll den Wissenschaftlern ein modulares Open-Source-Baukastensystem für Studien-Apps zur Verfügung gestellt werden. Diese Module umfassen die Dokumentation und Einholung der informierten Einwilligung, digitale Fragebogen-Sets und „Active-Tasks“, in denen die verbaute Sensorik in den Geräten zur Datenerhebung von Aktivitäten abgefragt wird. So sind etwa Algorithmen zur Ganganalyse, 6-Minuten-Gehtests, Kognitionstests und Phonation im Kit integriert (2). Bisher sind fünf Apps mit ResearchKit-Bezug über den amerikanischen App-Store erhältlich. Hierbei handelt es sich um Apps zu Asthma, Brustkrebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Parkinson, die von namhaften (vornehmlich US-amerikanischen) universitären Partnern mitentwickelt wurden. In der begleitenden Pressemitteilung des Konzerns äußern sich die beteiligten Forscher durchweg positiv und loben die Rekrutierungsmöglichkeiten und den einfachen Zugang zu vielschichtiger Gesundheitsinformation als besonderen Vorzug dieser neuen Methode.

Diese Begeisterung ist sicherlich begründet und die damit verbundenen Hoffnungen ebenso. Die Idee, mobile Technologie zur biomedizinischen Forschung zu nutzen, ist auch nicht neu und wird bereits vielfältig betrieben (3). Doch sind die besonderen Anforderungen an die Studienplanung solcher Vorhaben zu berücksichtigen, die sich aus den eher schlechter zu standardisierenden Bedingungen ergeben. Die Umgebungseinflüsse sind mannigfaltig und müssen vom Nutzer kontrolliert werden, was diesen mitunter überfordern dürfte. Die Manipulation im Testlauf und die Steuerung in erwünschte Richtungen sind leichter möglich, eine methodische Verblindung eher schwierig. Auch die Überprüfung der Einschluss-/Ausschlusskriterien ist eine Herausforderung, ebenso die Identifizierung der Person, die gerade die Testungen durchführt. Es wird schwerer, Verletzungen des Studienprotokolls zu prüfen. Dies sind Aspekte, die nur begrenzt durch eine hohe Fallzahl kompensiert werden können. Letztlich sind neben rechtlichen Fragen zur Durchführung auch die unklare Validität und Reliabilität der vorgehaltenen Tests und eine mangelnde Normierung zu beachten.

Eine Verzerrung lässt sich schon jetzt benennen, die die Verallgemeinerung der Ergebnisse beeinträchtigen wird: iPhone-Nutzer unterscheiden sich hinsichtlich ihres sozioökonomischen Status deutlich von den Nutzern anderer Mobilplattformen (4). Nach forschungsethischen Grundsätzen muss Forschung aber gerecht sein, und das heißt auch, dass etwa einkommensschwache Bevölkerungsanteile nicht aufgrund fehlenden Zugangs ausgeschlossen werden dürfen. Wünschenswert wäre eine plattformübergreifende offene Lösung, die es erlaubt, möglichst alle Bevölkerungsschichten einzubeziehen. Der Forschungsansatz mit Smartphones ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung – doch steht dem Gewinn der einfachen Durchführung der Aufwand einer guten methodischen Planung und einem besonders verantwortungsbewussten Umgang mit den Daten gegenüber. Diese Interessen müssen schwerer wiegen als ein kommerzieller Gewinn.

@Literatur im Internet:
aerzteblatt.de/lit1715
oder über QR-Code

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1.
www.apple.com/de/pr/library/2015/03/09Apple-Introduces-ResearchKit-Giving-Medical-Researchers-the-Tools-to-Revolutionize-Medical-Studies.html
2.
https://developer.apple.com/researchkit/researchkit-technical-overview.pdf
3.
www.aerzteblatt.de/pdf.asp?id=144646
4.
exemplarisch: www.pewinternet.org/data-trend/mobile/cell-phone-and-smartphone-ownership-demographics/ oder http://betabait.com/changes-in-smartphone-ownership
1.www.apple.com/de/pr/library/2015/03/09Apple-Introduces-ResearchKit-Giving-Medical-Researchers-the-Tools-to-Revolutionize-Medical-Studies.html
2. https://developer.apple.com/researchkit/researchkit-technical-overview.pdf
3.www.aerzteblatt.de/pdf.asp?id=144646
4. exemplarisch: www.pewinternet.org/data-trend/mobile/cell-phone-and-smartphone-ownership-demographics/ oder http://betabait.com/changes-in-smartphone-ownership

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