ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2015Internistenkongress: Aufbruch in eine molekulare Ära

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Internistenkongress: Aufbruch in eine molekulare Ära

Dtsch Arztebl 2015; 112(17): A-762 / B-644 / C-624

Siegmund-Schultze, Nicola

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Die Innere Medizin wird sich grundlegend wandeln. In der Initiative „Klug entscheiden“ überdenkt das Fachgebiet, was medizinisch notwendig ist.

Die Erkenntnisse über molekulare und zelluläre Veränderungen haben in den letzten Jahren das Verständnis der Pathophysiologie in allen Bereichen der Inneren Medizin so tiefgreifend verändert, dass die weitere Entwicklung des Fachgebiets durch die Biomedizin maßgeblich geprägt sein wird: wissenschaftlich, strukturell, in der praktischen Tätigkeit des Arztes und in der Ausbildung der Internisten. „Molekulare Prinzipien der Inneren Medizin – Aufbruch in eine neue Ära“ war das Leitthema des 121. Internistenkongresses, der in diesem Jahr in Mannheim stattfand. Der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) dient der Kongress auch zur Bestimmung des Standorts und der Perspektiven.

Innovation als Glücksfall, nicht als Bedrohung sehen

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Kongresspräsident Prof. Dr. med. Michael Hallek, Direktor der Klinik I für Innere Medizin an der Universität Köln, beschrieb die Entwicklung des Fachgebiets in seiner Festrede. Die immer stärkere Nutzung der Molekularbiologie in der Praxis, aber auch die Erkenntnis, dass bei verschiedenen Erkrankungen dieselben Signalwege eine Rolle spielen könnten, bei Diabetes und Krebs zum Beispiel, werde die Innere Medizin verändern: „Grenzen zwischen den internistischen Schwerpunkten werden neu bewertet“, sagte Hallek. Es werde eine neue Interdisziplinarität entstehen, „wie es sie in der Geschichte der Medizin noch nie gegeben hat“. Das „Fach“ werde sich zu einer „Systemmedizin“ auf Basis der Lebenswissenschaften entwickeln.

Dabei werde es hohen Bedarf an Ärzten geben, die eine molekulare Ausbildung ebenso absolviert haben wie eine gute und breite medizinische Ausbildung. Es werde darum gehen, bestimmten Gruppen onkologischer Patienten zum Beispiel eine maßgeschneiderte Medikation nach sorgfältiger klinischer, aber eben auch molekularbiologischer Untersuchung zu verabreichen. Es werde ebenfalls notwendig werden, die teilweise atemberaubenden Innovationen zu vertretbaren Kosten in das Gesundheitswesen einzuführen. „Daher werden wir Ärzte aufgefordert sein, an Lösungen mitzuwirken, die eine möglichst genaue Zuteilung des medizinisch Notwendigen für jeden Patienten erlauben“, sagte Hallek. „Gleichzeitig werden wir überlegen müssen, welche diagnostischen Verfahren oder welche Therapie man unterlassen werden kann: evidenzbasiert, ohne Verlust an Qualität der ärztlichen Versorgung, ohne Rationierung, sondern allein orientiert am ethischen Anspruch unseres Berufs“, sagte Hallek.

„Klug entscheiden“ ist eine Initiative der DGIM, die diese Diskussion ankurbelt und eine „enorme Resonanz mit konstruktiven Debatten in der Ärzteschaft“ gefunden hat, sagte Hallek (siehe Ausgabe DÄ 16/2015). Die im Sommer vergangenen Jahres gebildete Task Force „Klug entscheiden“ habe sich zum Ziel gesetzt, bis zum Ende des Jahres ein komplettes Paket der „Top Fünf“ für die Über-, aber auch für die Unterversorgung aus den Bereichen aller Subspezialisierungen in der Inneren Medizin vorzulegen.

Ein Fehlschluss auch von Ärzten sei, den medizinischen Fortschritt nicht als Glücksfall für den Patienten zu interprestieren, sondern als bedrohliche Kostensteigerung, als Fortschritt, den wir uns nicht leisten dürfen. „Dieser Sicht müssen wir uns entgegenstemmen. Patienten in Deutschland müssen sich auch in Zukunft darauf verlassen können, dass wir Ärzte ihnen unabhängig vom Einkommen und vom gesellschaftlichen Status die optimale Therapie anbieten.“

Eine unabhängige Forschung sei dafür ebenso ganz wesentlich. „Wenn wir Innovationen, also neue Verfahren und Medikamente, richtig bewerten wollen bezüglich ihres Nutzens zum Beispiel bei älteren Patienten, dann müssen wir diese auch nach der Zulassung in unabhängigen klinischen Studien kritisch prüfen “, sagte Hallek. Dadurch werde eine Wissensbasis erarbeitet, die sowohl von industriellem Profitstreben als auch von politischen Sparvorgaben unabhängig sei.

Der Internist arbeitet in einem extremen Spannungsfeld

Das Gesundheitswesen habe eine wichtige soziale Funktion und leiste einen Beitrag zum gesellschaftlichen Frieden. „Wir Ärzte haben eine medizinische, politische und wissenschaftliche Verantwortung, das Gesundheitswesen gerade in Zeiten starker Innovationen und zunehmender sozialer Ungleichheiten weiterzuentwickeln. Es liegt an uns, die richtigen Konzepte zu entwickeln.“ Überbürokratisierung, knappe Kassen, rasante medizinische Innovationen, hohe Ansprüche von Patienten an solidarisch finanzierte Gesundheitsleistungen, aber keine Definition der medizinischen Grundversorgung oder eine Priorisierung von Leistungen – das ist nach den Worten von Dr. med. Wolfgang Wesiack, Präsident des Berufsverbandes Deutscher Internisten, das extreme Spannungsfeld, in dem der Internist arbeite. Die Innere Medizin könne diese Herausforderungen nur in enger Kooperation von Wissenschaft und Berufspolitik bewältigen, sagte Wesiack. Mit Hilfe der Initiative „Klug entscheiden“ könne versucht werden, Teile der Grundversorgung zu definieren. Es gebe aber auch medizinisch sinnvolle Leistungen, die im GKV-Katalog nicht enthalten seien.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

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