ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2015Notfallversorgung: Der Kern des Disputs
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In dem oben genannten Artikel fassen die Autorinnen die gegenwärtige kontroverse Debatte zusammen, die sich nicht zuletzt nach dem Gutachten der DKG zum Thema ambulanter „Notfallpatienten“ am Krankenhaus nochmals verschärft hat. Dabei werden äußerst positive Beispiele von Kooperationen der KV mit Krankenhäusern unter anderem am Beispiel Schleswig-Holstein („Anlaufpraxen“) ins Feld geführt. Es ist jedoch aus meiner Sicht so, dass der Kern des Disputs nur indirekt zur Sprache kommt, nämlich die Verteilung von Ressourcen und Kompetenz. Es wird zum Beispiel Dr. Jürgen Zastrow zitiert, der behauptet, die „Krankenhäuser gebrauchen den Notdienst auch, um ihre Betten zu füllen“. Hier wird unterstellt, dass in den Notaufnahmen aktiv Akquisition von Patienten betrieben würde, die sonst nicht in dem betreffenden Krankenhaus zur Aufnahme kämen. Es wird dabei ignoriert, dass die verpflichtend vorgehaltenen Notaufnahmen der Krankenhäuser de facto durch einen unkontrollierten und nicht regelbaren Patientenzustrom ambulante Versorgung leisten müssen, die wie an anderer Stelle ausgeführt wird, massiv finanziell unterdeckt ist (32 Euro Erlös/Fall versus 120 Euro durchschnittliche Fallkosten). Darüber hinaus sind zahlreiche nachts, an Wochenenden oder Feiertagen aufgenommene Patienten durch hohe Kosten der Vorhaltung, Diagnostik zur ungünstigen Zeit und verlängerter Liegedauer belastet und die entsprechenden DRGs zum Teil unterdeckt.

Schließlich suchen die Patienten selbst aus zahlreichen Gründen selbstständig oder sogar auf Anraten ihres Hausarztes die Notaufnahmen auf und demonstrieren damit faktisch zumindest Schwierigkeiten in der ambulanten Versorgung.

Darüber hinaus ist es so, dass die Positivbeispiele guter Kooperation vor allem aus ländlichen Regionen stammen. Hier besteht bekannterweise eine Versorgungslücke. Vorhandene Budgets können nicht bedient werden und stehen daher für Innovationen zur Verfügung. Im städtischen Bereich sieht es komplett anders aus. Die Budgets sind ausgereizt und jede Verlagerung in Richtung der Notfallversorgung wird verhindert. Die KV Berlin hat in der Vergangenheit den Aufbau einer Notfall-ambulanz mit niedergelassenen Ärzten an der Charité aktiv verhindert. Ein detailliert ausgearbeitetes Projekt wurde mit Schreiben der Vorstandsvorsitzenden der KV Berlin wie folgt erledigt: „Aufgrund der anhaltenden Überversorgung in Berlin ist eine Entscheidung zugunsten eines ausgelagerten Praxissitzes vom Vorstand der KV Berlin nicht vertretbar.“

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Univ.-Prof. Dr. med. Martin Möckel, Ärztlicher Leiter Notfallmedizin, Rettungsstellen Campus Virchow-Klinikum und Campus Mitte, Charité – Universitätsmedizin Berlin,
10117 Berlin

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