ArchivDeutsches Ärzteblatt22/1996Vergangenheit: Verdrängnis und Verleugnung

SPEKTRUM: Leserbriefe

Vergangenheit: Verdrängnis und Verleugnung

Drexler, Siegmund

Zu dem Leserbrief "Ich habe verziehen . . . " von Dr. Adelheid Meyer-Diesch in Heft 17/1996:
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Ein halbes Jahrhundert lang in Wunden zu graben sollte nach Auffassung von Frau Dr. Adelheid Meyer-Diesch beendet werden. Jetzt sollte eine Heilung herbeigesehnt werden. Die Kollegin erklärt, sie habe verziehen "unseren Feinden und uns Deutschen!" So einfach ist das: die Täter verzeihen ihren Feinden und erklären das Problem für erledigt. Wer verzeiht hier wem? Wer erklärt hier wessen Heilung?
Auch 50 Jahre nach den unvergleichlichen Verbrechen, in die auch Ärzte verstrickt waren, brennen die Wunden bei den Überlebenden, bei den Angehörigen in der zweiten und dritten Generation, von einer Heilung ist wenig zu erkennen. Und hier erklärt eine deutsche Ärztin, sie würde verzeihen. Wer hat ein Recht zu vergeben, zu verzeihen? Wer streckt hier den Arm zur Versöhnung aus?
Nein, Frau Kollegin Adelheid Meyer-Diesch, was Sie hier praktizieren, ist Verdrängung und Verleugnung. Toleranz, auch wenn Sie dies für sich beanspruchen, ist das nicht! Die "Gnade für das Erfahren von Mitmenschlichkeit, Toleranz und Friedfertigkeit" kann am besten durch den Ausdruck von Scham und Benennen der tatsächlichen Verbrechen und nicht durch Zunahme von Verleugnung und Verdrängung erreicht werden.
Dr. med. Siegmund Drexler, Offenbacher Straße 1, 63165 Mühlheim am Main

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote