ArchivMedizin studieren1/2015Behandlungsfehler: Mit Spatel im Bauch

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Behandlungsfehler: Mit Spatel im Bauch

Medizin studieren, 1/2015: 20

Zylka-Menhorn, Vera

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Eine postoperative Kontrolle zeigte eine „intraabdominale Raumforderung der Größe 29,5 x 5 cm“. Fotos: Dr. med. Johannes Gimnich
Eine postoperative Kontrolle zeigte eine „intraabdominale Raumforderung der Größe 29,5 x 5 cm“. Fotos: Dr. med. Johannes Gimnich

Fehler sind menschlich, in der Medizin aber häufig folgenschwer. In 2013 haben sich mehr als 12 000 Patienten an die Gutachterkommissionen der Ärzteschaft gewandt. Der Verdacht wurde in etwa 15 Prozent der Fälle bestätigt.

Falsch operierte Knie, übersehene Vorerkrankungen, schlecht zusammenwachsende Frakturen – solche Behandlungsfehler treten zwar nicht häufig auf, aber sie beeinträchtigen das Leben der Betroffenen maßgeblich. Nach Angaben der Bundes­ärzte­kammer hatten sich 2013 insgesamt 12 173 Patienten mit einem Verdacht auf Fehler an die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärzteschaft gewandt. Die überwiegende Mehrheit betrifft Vorgänge im Krankenhaus (73,2 Prozent), nur knapp 27 Prozent entfielen auf die niedergelassenen Ärzte. 1 864 Mal kamen die Gutachter zu dem Ergebnis, dass ein „Fehler mit kausal verursachtem Schaden“ vorliege, weshalb der Patient begründeten Anspruch auf Schadensersatz habe.

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Am häufigsten fühlten sich Patienten von Unfallchirurgen und Orthopäden falsch behandelt – vor allem, wenn sie deren ärztlichen Rat wegen einer Hüftgelenkarthrose einholten (73 Prozent.) Auf der Liste der Beschwerden folgen Frakturen von Unterschenkel und Sprunggelenk sowie fehlgeschlagene Behandlungen mit künstlichen Kniegelenken. Selten sind Fremdkörper, die während einer Operation im Körper zurückgelassen wurden (Tupfer, Instrumente), die Ursache für eine Klage auf Schadensersatz.

Ein besonders „krasser“ Fall betraf 2013 eine damals 56-jährige Patientin, die sich wegen eines kindskopfgroßen zystisch-soliden Tumors des rechten Ovars sowie einer 3 cm großen Raumforderung im Bereich der linken Nebenniere einem operativen Eingriff unterzog. Intraoperativ wurden ein benignes Teratom des rechten Ovars sowie ein benignes Adenom der linken Nebenniere diagnostiziert. Die Operation wurde von einem Gynäkologen begonnen und von einem Urologen weitergeführt, um die Raumforderung an der Nebenniere sowie die Lymphknoten im Bereich des Nierenhilus zu entfernen. Nachdem die histologische Untersuchung der Schnellschnitte beider Raumforderungen die Diagnose bestätigt hatte, wurde auch die linke Adnexe vollständig entfernt.

Wie es zu diesem„GAU“ kommen konnte, ist nicht geklärt – zumal die Zahl der Instrumente, Tupfer und Tücher postoperativ eigentlich kontrolliert wird. Ob der intraoperative Wechsel der Operateure Ursache für das menschliche Versagen ist, kann nur vermutet werden.
Wie es zu diesem„GAU“ kommen konnte, ist nicht geklärt – zumal die Zahl der Instrumente, Tupfer und Tücher postoperativ eigentlich kontrolliert wird. Ob der intraoperative Wechsel der Operateure Ursache für das menschliche Versagen ist, kann nur vermutet werden.

Der postoperative Verlauf gestaltete sich zunächst unauffällig. Bei einer Routinekontrolle, die ambulant von der einweisenden Gynäkologin vorgenommen wird, klagte die Patientin jedoch über Druckgefühl im Bereich der Harnblase beim Wasserlassen. Auch längeres Sitzen sei nicht möglich, Tätigkeiten im Stehen hingegen ohne Probleme. Die körperliche Untersuchung ergab einen primär verheilten abdominalen Längsschnitt ohne Hinweis auf eine Entzündung des Bauchraumes. Vaginalsonografisch fand sich im Douglas-Raum etwas freie Flüssigkeit sowie eine rundlichen 2 cm große, glatt begrenzte, areflektive Raumforderung. Wegen des Verdachts auf ein Restovar fand drei Monate später eine sonografische Kontrolle statt. Der Befund war unverändert, aber die Patientin klagte nach wie vor über die gleichen Beschwerden.

Erst die computertomografische Untersuchung führte zu einem erstaunlichem Ergebnis: Eine intraabdominale Raumforderung der Größe 29,5 x 5 cm. Diese „Raumforderung“ wurde (in einem anderen Krankenhaus) nach subumbilikalen Längsschnitt geborgen: Es handelte sich um einen metallenen Bauchspatel! Die Entfernung des chirurgischen Instrumentes verlief unproblematisch. Fremdkörper bedingte intraabdominale Verletzungen, Darmnekrosen oder Abszessbildungen sind der Patienten glücklicherweise erspart geblieben.

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