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Pille danach: Die neue Freiheit

Richter-Kuhlmann, Eva

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Foto: dpa
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Die Rezeptpflicht für orale Notfallkontrazeptiva ist aufgehoben – zur Freude vieler Studierender. Die Mediziner hatten sich sogar an den Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter gewandt. Doch offene Fragen bleiben.

Noch vor einem Jahr erhielten die Medizinstudierenden Gegenwind, als ihre Bundesvertretung, die bvmd, in einer Resolution für die Freigabe der „Pille danach“ plädierte. Jetzt ist die Forderung umgesetzt: Seit einigen Wochen ist die „Pille danach” ohne ärztliches Rezept in deutschen Apotheken erhältlich. Die Berliner Medizinstudentin Anna Ehlers* begrüßt dies: „Es ist sinnvoll, dass junge Frauen in einer Notlage und mit Angst vor einer Schwangerschaft schnell eine Beratung und Hilfe in einer Apotheke erhalten können. Denn wer würde sich gern nach einem One-Night-Stand am Wochenende wegen eines geplatzten Kondoms in der Notaufnahme eines Klinikums melden?“ Dass die „Pille danach“ durch die neue Freiheit ein standardmäßiges Verhütungsmittel werden könne, glaubt sie nicht. „Die meisten Frauen, die ich kenne, besprechen das Thema Kontrazeption mit ihrem Gynäkologen und verhüten mit normalen Kontrazeptiva oder einer Spirale.“

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Sowohl die Bundes­ärzte­kammer als auch der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter hatten sich bisher für die Beibehaltung der Rezeptpflicht auch für orale Notfallkontrazeptiva ausgesprochen. Die Europäische Kommission hatte jedoch Ende 2014 entschieden, dass die „Pille danach“ in der gesamten EU ohne Rezept erhältlich sein soll. Der Bundesrat stimmte am 6. März für die entsprechende Änderung der Arznei­mittel­verschreibungs­verordnung.

Die rezeptfreie Abgabe betrifft die Präparate, die entweder den Progesteronrezeptor-Modulator Ulipristalacetat (ellaOne) oder das Gestagen Levonorgestrel (PiDaNa) enthalten. Levonorgestrel hemmt bis zu 72 Stunden nach dem ungeschützten Verkehr, Ulipristalacetat bis zu 120 Stunden danach einen Eisprung. Die Präparate sind beide keine Abtreibungspillen, dürfen jedoch auch nicht kommerziell beworben werden. Frauen, die das 20. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, sollten sich ein Rezept vom Arzt ausstellen lassen, um die Pille erstattet zu bekommen.

Doch die Freude über die neue Freiheit ist nicht ungetrübt: Die Bundesapothekerkammer sicherte zwar eine „kompetente und diskrete Beratung“ der betroffenen Frauen zu. Viele Ärzte, darunter der Berufsverband der Frauenärzte, die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe und die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin meinen jedoch, dass die Regelungen nicht ausreichend vor Missbrauch schützen. Da die „Pille danach” auch an Dritte verkauft werden dürfe, gebe es keine vertrauliche und persönliche Beratung. Gerade nach einem möglichen sexuellen Missbrauch innerhalb der Familie oder des Bekanntenkreises sei die freie Verkäuflichkeit ohne die direkte Beratung der Betroffenen ein erhebliches Gefahrenpotenzial. Zudem ist für die Wirksamkeit der „Pille danach“ der Einnahmezeitpunkt entscheidend. Ist der Eisprung bereits erfolgt, wirkt sie nicht, da sie keine „Abbruchpille“ ist. Wenn bereits eine Schwangerschaft vorliegt, besteht sogar die Gefahr lebensbedrohlicher Blutungen.

„Wir hoffen, dass die Apothekerinnen und Apotheker Mädchen und Frauen bei der Abgabe der Notfallverhütung sorgfältig beraten werden“, sagte Dr. med. Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, „und dass sie auch darauf hinweisen werden, dass bei höherem Gewicht beide Arzneimittel an Zuverlässigkeit verlieren. In diesem Fall sollte so bald wie möglich eine Kupferspirale gelegt werden, die auch in der Notfallverhütung sicher wirkt.“ Die Gynäkologen appellieren gemeinsam an die Apotheker, ihre Handlungsempfehlungen und die Checklisten für die Dokumentation der Abgabe der „Pille danach“ zu überarbeiten. Sie unterstützen zudem die Forderung der Bundes­ärzte­kammer, die Einführung der Rezeptfreiheit für die Notfallverhütung über einen Zeitraum von fünf Jahren hinweg durch eine Evaluation zu begleiten.

* Name geändert

Historisches Tief

Erstmals seit der Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs ist die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland unter 100 000 gesunken. Es gab im Jahr 2014 nur 55 Abbrüche pro 10 000 Frauen im Alter zwischen 15 und 49 Jahren. Die Quote an Schwangerschaftsabbrüchen bei Teenagern zwischen 15 und 18 Jahren ist ebenfalls gesunken und liegt jetzt bei 27 auf 10 000 Mädchen, ein weltweiter Tiefststand. Als Ursachen für diese erfreulichen Zahlen sehen Gynäkologen einen sehr guten Wissensstand bei Jugendlichen zu Sexualität und Verhütung, ein vorbildliches Verhütungsverhalten sowie die Mädchensprechstunden, die viele Frauenärztinnen und -ärzte seit langem anbieten. Nach einer Untersuchung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung verwenden nur noch acht Prozent aller Mädchen und Jungen beim ersten Geschlechtsverkehr keine Verhütung. 40 Prozent der Mädchen verhindern bereits beim ersten Geschlechtsverkehr mit der Pille eine Schwangerschaft; beim zweiten Geschlechtsverkehr steigt diese Zahl auf 72 Prozent an. Etwa ein Drittel der Jugendlichen verwenden Pille plus Kondom. Auch die Botschaft, dass nur ein Kondom vor sexuell übertragbaren Erkrankungen schützt, ist bei vielen Jugendlichen angekommen.

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