ArchivMedizin studieren1/2015Eine Frage an . . . Dr. med. Andras Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung: Wird es in Zukunft noch in jedem Dorf einen Hausarzt geben?

ÄRZTESTELLEN

Eine Frage an . . . Dr. med. Andras Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung: Wird es in Zukunft noch in jedem Dorf einen Hausarzt geben?

Flintrop, Jens

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Foto: Georg J. Lopata
Foto: Georg J. Lopata

Gassen: Nein. Und ich sage ganz provokant: Warum sollte es auch! Es gibt in vielen Dörfern auch keine Post mehr, es gibt keinen Bäcker, keine Tankstelle, die Polizei gibt es sowieso schon lange nicht mehr und die Feuerwehr kommt im Brandfall von weiter her angefahren. Ich kann doch nicht ernsthaft erwarten, dass eine junge Kollegin, ein junger Kollege sich dort niederlässt, wo ansonsten keine Infrastruktur mehr vorhanden ist und auch sonst kaum noch jemand ist.

Es kann ja nicht sein, dass die Menschen wegen einer verfehlten Strukturpolitik von Bund und Ländern aus den Gegenden wegziehen, die ärztliche Daseinsvorsorge aber unverändert gewährleistet werden soll. Hier ist, glaube ich, auch ein bisschen Realismus angezeigt. Wir sollten alle gemeinsam überlegen, wie man die medizinische Versorgung dort organisieren kann – sei es durch Kooperationen von stationären Einheiten, die man so nicht mehr braucht, oder durch die Zusammenführung der verbliebenen niedergelassenen Kollegen in neuen Strukturen.

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Nur mit neuen Vergütungskonzepten wird man da nicht weit kommen. Denn Geld ist bekanntermaßen nicht alles. Es geht den nachrückenden Kolleginnen und Kollegen auch um die Work-Life-Balance. Wenn der ärztliche Nachwuchs so geldgierig wäre, wie man es uns Ärzten gerne unterstellt, würden heute übrigens alle Landarzt werden. Landärzte verdienen inzwischen sehr gutes Geld – und das zu Recht: Schließlich arbeiten sie dafür auch sehr viel.

Noch ein Wort zu den aktuellen Plänen der Bundesregierung: Es ist aus meiner Warte anrührend naiv zu meinen, wenn ich einer jungen Kollegin, einem jungen Kollegen aus der Großstadt verwehre, sich in der Großstadt als Arzt niederzulassen, dass diese, dieser dann als Konsequenz in die Uckermark geht. Möglicherweise ist die Kollegin, der Kollege verheiratet, gegebenenfalls gibt es auch Kinder, die zur Schule gehen müssen. Die gibt es doch in manchen Dörfern schon gar nicht mehr. Und wie reagieren die betroffenen Ärztinnen und Ärzte in dieser Situation? Die bleiben alle im Krankenhaus.

Deshalb müssen wir andere Wege gehen und eben nicht nur auf die Methode Zwang setzen. Zwang funktioniert nicht – schon gar nicht in einem vereinten Europa, wo Niederlassungsfreiheit herrscht. Unsere hochausgebildeten Spitzenkräfte in der Medizin können sich ihre Jobs aussuchen. Bevor sie irgendwo hingehen, wo sie nicht hinwollen, bleiben sie im Krankenhaus, gehen ins Ausland oder, was das allerschlimmste wäre, sie kehren der kurativen Medizin den Rücken. JF

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