ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2015Leitende Ärzte im Kollegialsystem: Alternatives Führungsmodell

THEMEN DER ZEIT

Leitende Ärzte im Kollegialsystem: Alternatives Führungsmodell

Ley, Stephan C.; Rombeck, Andres

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Teamärzte des Kollegiums leiten eine Abteilung, das heißt, Wichtiges muss in einem vorab geregelten Verfahren von den Teamärzten gemeinsam entschieden werden. Ein Fallbeispiel aus Dinslaken

Gemeinsam in der Verantwortung: Sechs Ärztinnen und Ärzte übernahmen gemeinsam die Leitung der Abteilung für Anästhesie. Foto: privat
Gemeinsam in der Verantwortung: Sechs Ärztinnen und Ärzte übernahmen gemeinsam die Leitung der Abteilung für Anästhesie. Foto: privat

Führungsstrukturen in medizinischen Abteilungen, die sich wesentlich von dem typisch deutschen Chefarztsystem unterscheiden, findet man in vielen anderen Ländern bereits seit langem. Auch hierzulande gibt es Kollegialsysteme, die aber im Wesentlichen bedeuten, dass mehrere Chefärzte Untereinheiten einer Abteilung leiten („Chefarzt im Kollegialsystem“). In diesen Fällen sind allerdings diese Ärzte auch wieder deutlich von der restlichen Abteilung abgehoben und haben damit wenig gemeinsam mit den „echten“ Kollegialsystemen in anderen Ländern .

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Da besonders in der Anästhesie ein großer Personalmangel herrscht und viele Abteilungen auf Honorarärzte angewiesen sind, um ihre Aufgaben zu erfüllen, muss man sich grundsätzlich fragen, ob ein echtes Kollegialsystem nicht eine Alternative ist. Ebenfalls schwieriger wird es, frei werdende Chefarztpositionen in kleinen und mittelgroßen Krankenhäusern zu besetzen, da die Attraktivität dieser Position in den letzten Jahren erheblich gelitten hat.

Professionell im Team

Die Vorteile eines Kollegialsystems sehen viele Ärzte in einer größeren Mitverantwortung in Verbindung mit einer wesentlich flacheren Hierarchie. Vorbilder sind im Ausland zu finden, wo oft ausschließlich gleichberechtigte Fachärzte in einem Team zusammenarbeiten. Man hat den Eindruck, dass in solchen Abteilungen hochprofessionell im Team und mit einem hohen Verantwortungsbewusstsein für die Abteilung gearbeitet wird.

In der Abteilung für Anästhesie, Intensivmedizin, Schmerztherapie und Palliativmedizin am St. Vinzenz-Hospital Dinslaken (Grund- und Regelversorgung, 435 Planbetten) war nach dem Weggang des Chefarztes im Januar 2012 die Frage offen, welche Abteilungsstruktur in Zukunft gewählt werden sollte. Es entstand der Wunsch, der Geschäftsführung des Krankenhauses eine Alternative zur Suche eines neuen Chefarztes anzubieten. Bis zum Ende des Jahres 2011 war die Anästhesie ein klassisches Chefarztsystem mit 12,5 Stellen, wobei ein Chefarzt durch zuletzt vier Oberärzte unterstützt wurde.

Die Suche nach einer Alternative begann mit einer Recherche in einem Forum weltweit tätiger deutschsprachiger Anästhesisten (Hypnos-Forum: www.hypnos-forum.de). Über eine Anfrage in diesem Forum wurden einige Systeme in Deutschland und anderen Ländern verglichen und auf eine Umsetzbarkeit für das St. Vinzenz-Hospital überprüft. Die Kollegen berichteten sehr offen von ihren Erfahrungen mit diesen Systemen und wiesen direkt auf die möglichen Problemfelder hin. Auf dieser Grundlage wurde ein Konzeptpapier entworfen und nach mehrfacher Überarbeitung der Geschäftsführung vorgelegt.

Wir entscheiden uns dazu, nicht alle Mitarbeiter in die Leitungsposition der Teamärzte zu nehmen. In der Abteilung für Anästhesie sind sechs Kollegen als Teamärzte Teil der Leitung und 6,5 Kollegen Fachärzte ohne Leitungsaufgaben. Dies ist ein Unterschied zu Abteilungen, wo alle Kollegen in gleichem Maße am „Kollegium“ beteiligt sind. Die Entscheidung für unsere Variante hat den Vorteil, dass Mitarbeiter, die bislang keine Führungsaufgaben übernommen hatten, nun weiterhin wie zuvor als Facharzt arbeiten konnten. Nicht jeder Facharzt möchte gerne an Steuerungssitzungen teilnehmen und noch andere Verantwortung als die für seine Patienten übernehmen. Die sechs Teamärzte des Kollegiums sind als Gruppe gerade noch so klein, dass es möglich ist, schnelle Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig ist bei sechs Personen sichergestellt, dass die in der Abteilung anfallenden Aufgaben besetzt sind und kein Teamarzt mehr Aufgaben hat, als er adäquat wahrnehmen kann.

Innerhalb der Teamärzte wurde ein geschäftsführender Teamarzt für die Dauer von drei Jahren gewählt. Dieser ist der Sprecher der leitenden Ärzte und vertritt als „primus inter pares“ die Abteilung gegenüber der Geschäftsführung und nach außen. Ihm obliegt auch die Teilnahme an den Chefarztsitzungen, wo er auch ohne Rücksprache mit den übrigen Teamärzten Entscheidungen treffen kann.

Jeden Monat finden Steuerungssitzungen statt, in denen über Belange abgestimmt wird, die die gesamte Abteilung betreffen. Der geschäftsführende Teamarzt lädt zu diesen Treffen ein; bei einer Patt-Situation gibt seine Stimme den Ausschlag. Im Tagesgeschäft ist der für einen Bereich bestimmte Verantwortliche in der Position, alle notwendigen Entscheidungen (medizinisch wie organisatorisch) zu treffen. Die Erfahrung der vergangenen zwei Jahre zeigt, dass bei wichtigen Fragen der Verantwortliche die Teamärzte mit einbindet und so eine breitere Basis für sachgerechte Entscheidungen geschaffen wird.

Eine Regelung für alle Fälle

In einem zehnseitigen Regelwerk sind alle Entscheidungswege, Verantwortlichkeiten und die Regeln für die Steuerungssitzungen und Personalentscheidungen festgelegt. Dies ist einer der beiden wahrscheinlich wichtigsten Punkte, der auch von vielen Kollegen bei der Befragung im Hypnos-Forum betont wurde: Es muss für alle vorhersehbaren Streitfälle eine Regelung getroffen werden, wer welche Entscheidungen wie zu treffen hat. Alle Kollegen waren sich einig, dass es absolut notwendig sei, jedes Detail festzulegen. Dazu gehört beispielsweise auch, dass es in schwierigen medizinischen Entscheidungen externe „Schlichter“ gibt, die bei einer medizinisch fraglichen Entscheidung angerufen werden können, und dass die vom Schlichter getroffene Entscheidung von allen Teamärzten akzeptiert wird.

Alle Teamärzte müssen in der Lage sein, ihre Interessen zu vertreten, ohne ständig einen Führungsanspruch innerhalb des Kollegiums einnehmen zu wollen. Typische Chefarztpersönlichkeiten würden hier nicht hineinpassen, da es an der Tagesordnung ist, Kompromisse einzugehen und anderen Teammitgliedern zuzugestehen, dass sie in ihrem Teilgebiet der Abteilung mehr Kompetenzen haben.

Für die Geschäftsführung des St. Vinzenz-Hospitals war es notwendig, dass im Regelwerk des Kollegialsystems auch die in einem typischen Chefarztvertrag übertragenen Verantwortungsbereiche enthalten sind. Dazu gehört zum Beispiel die Übernahme der Patientenversorgung (gesetzliche und private Kran­ken­ver­siche­rung), die Dokumentationsverantwortung, die Budgetverantwortung et cetera. Wichtig ist die Regelung der Schnittstellenbereiche. Es musste zum Beispiel klar definiert werden, wer verantwortlich ist, wenn es um das Arzneimittelbudget der Intensivstation geht. In unserem Fall wäre ein Teamarzt für die Intensivstation verantwortlich und ein zweiter für das Arzneimittelbudget. Inhaltlich und räumlich wurden die Schnittstellen genau definiert. So stellt etwa die Tür zwischen OP und Intensivstation die Grenze der Zuständigkeitsbereiche dar. Mit solchen Regelungen wird vermieden, dass bei klärungsbedürftigen Sachverhalten die Verantwortung „weitergereicht“ wird.

Da heutzutage in Chefarztverträgen das Recht der Privatliquidation nicht mehr immer auf den Chefarzt übertragen wird und stattdessen eine Beteiligungsvergütung vereinbart wird, war dies leicht auf das Kollegialsystem zu übertragen. Alle Teamärzte des Kollegiums sind als Wahlärzte aufgeführt, und das Haus behält das Liquidationsrecht. Der fest vereinbarte Anteil an der Privatliquidation wird (vom Kollegium festgelegt) nach einem prozentualen Schlüssel auf die Teamärzte und alle anderen Mitarbeiter (ärztliche und nichtärztliche) verteilt. Dies erhöht die Motivation aller Mitarbeiter, dort erbrachte Leistungen auch zu dokumentieren (und geltend zu machen).

Die erhöhte Verantwortung der Teamärzte musste natürlich auch in der Vergütung widergespiegelt werden. Es wurde eine Bezahlung analog zur Gruppe IV der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) vereinbart. Hinzu kommt der vereinbarte prozentuale Anteil an der Privatliquidation. Zusätzlich erhält der geschäftsführende Teamarzt einen Bonus, der allerdings eher symbolisch die Mehrarbeit berücksichtigt.

Durch die Einführung des Kollegialsystems wurde die Abteilung als Arbeitgeber so interessant, dass wir sukzessive die im Jahr 2012 nicht besetzten fünf ärztlichen Stellen besetzen konnten. Für drei ehemalige Honorarärzte war eine angestellte Arbeit in einem solchen Arbeitsmodell wieder attraktiv geworden.

Nach mehr als zwei Jahren hat sich das neue Führungsmodell im St. Vinzenz-Hospital gut etabliert. Es war möglich, sehr viele Projekte erfolgreich abzuschließen, da jeder der sechs leitenden Ärzte eigenverantwortlich Felder in seinem Zuständigkeitsbereich bearbeitet hat. Seit zwei Jahren wurden keine Honorarärzte mehr in der Abteilung benötigt, und die Summe der Privatliquidation stieg um fast 50 Prozent. So war dieses „Experiment“ sowohl für die Abteilung als auch die Geschäftsführung des Krankenhauses ein Erfolg.

Dr. med. Stephan C. Ley

Sprecher der Leitenden Ärzte

Dr. med. Andres Rombeck

Leitender Arzt

Abteilung für Anästhesie, Intensivmedizin, Schmerztherapie und Palliativmedizin

St. Vinzenz-Hospital Dinslaken

anaesthesie@st-vinzenz-hospital.de

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