MEDIEN

Qualitätssicherung: „TEP-App“ für die Endoprothetik

Dtsch Arztebl 2015; 112(18): A-830 / B-702 / C-678

Sens, Brigitte; Lewinski, Gabriela von; Albrecht, Urs-Vito

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In der Region Hannover wird ein sektorenübergreifender Behandlungspfad für Patienten mit Hüft- oder Kniegelenkersatz als mobile Applikation erprobt.

Jährlich erhalten in Deutschland 390 000 Patienten ein künstliches Knie- oder Hüftgelenk. Trotz aller Bemühungen in diesem hoch standardisierten Bereich der elektiven operativen Behandlung und qualitätssichernden Regelwerken funktioniert die Patientenversorgung nicht reibungslos: An vielen Schnittstellen kommt es im sektoral getrennten Gesundheitssystem zu Ineffizienzen und Informationsverlust. Der Handlungsdruck in Bezug auf optimale Versorgungsketten ist durch deutlich kürzere Verweildauer, aber auch höhere Patientenerwartungen deutlich gestiegen. Zudem konnte eine sektorenübergreifende Qualitätssicherung für diesen Leistungsbereich bisher nicht umgesetzt werden.

Eine Patientenbroschüre informiert über den Behandlungsablauf bei Hüft- und Knieendoprothesen und gibt Tipps und Empfehlungen.
Eine Patientenbroschüre informiert über den Behandlungsablauf bei Hüft- und Knieendoprothesen und gibt Tipps und Empfehlungen.

Vor diesem Hintergrund haben das Zentrum für Qualität und Management im Gesundheitswesen der Ärztekammer Niedersachsen, die Orthopädische Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) im Diakoniekrankenhaus Annastift und das Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik der Technischen Universität Braunschweig und der MHH das Konzept der TEP- (Totalendoprothese)-App entwickelt. Der niedersächsische Förderverein Qualitätsinitiative e.V. finanziert das Projekt.

Zielgruppe Generation 50plus

Eine besondere Herausforderung bestand darin, auszuprobieren, ob sich die Nutzung moderner, adäquater Technologie in der Hand des Patienten als umsetzbar erweist. Die Überlegungen zur Entwicklung einer App wurden dadurch gestützt, dass auch die Generation 50plus inzwischen zu einem beträchtlichen Anteil das mobile Internet und Endgeräte wie Smartphones und Tablet-PCs nutzt. Die Projektziele:

  • Stärkung der aktiven Rolle des Patienten im gesamten Versorgungsprozess (Patient Empowerment),
  • Entwicklung eines sektorenübergreifenden Behandlungspfades,
  • Realisierung der sektorenübergreifenden Qualitätssicherung mit patientenrelevanten Endpunkten (365 Tage post op.).

Somit wurde ein maßgeschneiderter Behandlungspfad im regionalen Bezug entwickelt, bei dem ein operierendes Zentrum (akutstationär) mit seinen nachgelagerten Versorgungsbereichen (Reha-Einrichtungen) gemeinsam ein indikationsbezogenes Versorgungskonzept mit Festlegung der relevanten Prozessschritte konkretisiert.

Bei der Entwicklung des sektorenübergreifenden Behandlungspfades haben die Orthopädische Klinik der MHH im Annastift und Vertreter von sechs Rehabilitationskliniken zunächst Ziele für den Versorgungsprozess von Patienten mit einer primären Knie- beziehungsweise Hüfttotal-endoprothese festgelegt. Evidenzbasiert wurden zudem Kennzahlen und Indikatoren zum Pfad-Controlling sowie eine Patientenbroschüre und zwei spezifische physiotherapeutische Übungspläne als Vorgänger der TEP-App entwickelt.

Neben Informationen und Checklisten zu den Behandlungsphasen enthält die App ein interaktives Patiententagebuch sowie Übungsprogramme. Anhand einer Gesamtübersicht kann der Patient seine Fortschritte im Rahmen der Behandlung beobachten und sich selbst (Teil-)Ziele setzen. Bei einem Leistungsvolumen von nahezu 1 500 primären Hüft-/Knieendoprothesen pro Jahr im EndoCert-Endoprothetikzentrum Annastift konnten seit Juli 2014 bislang 230 Patienten auf diesem Pfad behandelt werden.

Im weiteren Projektverlauf wird ausgewertet, wie die Patienten das neue Instrument annehmen und ob sich die Erwartung der aktiv an ihrer Genesung mitwirkenden, informierten Patienten erfüllt. Geplant ist weiterhin, ein Jahr nach der Operation Langzeitergebnisse zu erheben.

Aufwendig, aber effektiv

Unter Betrachtung der gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen, der künftigen Ausrichtung des Gesundheitssystems mit einem starken Fokus auf Qualität, Patientensicherheit und Wirtschaftlichkeit und dem Gestaltungsansatz der regionalen Versorgungsplanung (vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen – Sondergutachten 2012, Netzwerk Deutsche Gesundheitsregionen e.V.), sehen wir in diesem Modellvorhaben einen Ansatz zur erfolgreichen Implementierung einrichtungsübergreifender Versorgungsprozesse. Zwar mag die Konsentierung für einen integrierten Behandlungspfad der Kooperationspartner einer Region aufwendig erscheinen, der Nutzen für alle an der Versorgung Beteiligten – Patienten, Leistungserbringer, Kostenträger – ist jedoch erheblich. Zudem wird dem Patienten als Träger seiner Informationen und aktiv am Genesungsprozess mitwirkender Partner eine neue, verantwortungsvolle Rolle zugewiesen.

Dr. phil. Brigitte Sens
Zentrum für Qualität und Management im Gesundheitswesen der Ärztekammer Niedersachsen

Prof. Dr. med. Gabriela von Lewinski
Orthopädische Klinik der MHH im Diakoniekrankenhaus Annastift

Dr. med. Urs-Vito Albrecht
Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik der TU Braunschweig und der MHH

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