ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2015Internationale Ebola-Hilfe: Stigmatisierte Helfer
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„Bist Du eigentlich in Quarantäne und ansteckend?“ – „Nein, bin ich nicht!“ Rückkehrer aus dem Ebola-Einsatz kämpfen mit oft irrationalen Ängsten ihrer Umgebung.

Unverzichtbarer Einsatz: Werden sämtliche Schutzmaßnahmen gewissenhaft angewendet, ist das Risiko der Helfer, sich mit Ebola zu infizieren, gering. Foto: Ivan Gayton MSF
Unverzichtbarer Einsatz: Werden sämtliche Schutzmaßnahmen gewissenhaft angewendet, ist das Risiko der Helfer, sich mit Ebola zu infizieren, gering. Foto: Ivan Gayton MSF

Bekannte verwehren ihnen den Zutritt zur Wohnung. Sie werden von Festen wieder ausgeladen. Ihren Partnern und Kindern wird der Zugang zum Arbeitsplatz oder Kindergarten untersagt. Die Rede ist von Helferinnen und Helfern, die während des bislang schwersten Ebola-Ausbruchs in Westafrika Patienten versorgt haben und sich nach ihrer Rückkehr mit den teils irrationalen Ängsten von Freunden, Familie, Arbeitskollegen und anderen Menschen aus ihrem Umfeld auseinandersetzen müssen. Eine solche Stigmatisierung verletzt nicht nur die Helfer, sondern kann die Betroffenen oder zukünftige Helfer von ihrer unverzichtbaren Aufgabe abschrecken.

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Gefahr nüchtern betrachten

Während sich bei der Ebola-Epidemie in Westafrika mehr als 25 000 Menschen mit dem Virus infizierten und mehr als 10 000 an der Erkrankung starben, wuchs weltweit die Sorge vor einer möglichen weiteren Ausbreitung der Seuche. Dazu kam die Angst, dass die Helfer, die für Hilfsorganisationen in Guinea, Sierra-Leone und Liberia gearbeitet hatten, den Erreger in ihre Herkunftsländer einschleppen könnten. Bei nüchterner Betrachtung der Infektionsgefahr und der durch Organisationen, Helfer und Behörden getroffenen vorbeugenden Maßnahmen ist dieses Risiko jedoch minimal. Doch die Hysterie, auf die Rückkehrer häufig treffen, verletzt nicht nur die Helfer selbst. Sie hat auch in unnötiger und kontraproduktiver Weise dazu geführt, weitere einsatzwillige Kräfte zu entmutigen.

Insgesamt waren im vergangenen Jahr mehr als 1 300 internationale Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen im Kampf gegen Ebola in Westafrika im Einsatz. 47 Mitarbeiter wurden von der deutschen Sektion in die Projekte in Liberia (14), Sierra Leone (23) und Guinea (10) entsendet – davon 18 Ärzte und Pflegekräfte, zwei Epidemiologen sowie 21 Logistiker, Psychologen und Koordinatoren.

Basierend auf den Erfahrungen aus früheren Ebola-Einsätzen hat Ärzte ohne Grenzen präzise und ständig aktualisierte Vorgaben für den Schutz der eigenen internationalen und lokalen Mitarbeiter vor einer Infektion mit dem Virus entwickelt. Andere Hilfsorganisationen verfahren ähnlich. Im Oktober 2014 veröffentlichte das Robert Koch-Institut ein Rahmenpapier für heimkehrende Helfer und den öffentlichen Gesundheitsdienst, das sich im Wesentlichen mit den Vorgaben von Ärzte ohne Grenzen deckt.

Die Schutzmaßnahmen basieren auf dem wissenschaftlich anerkannten Grundsatz, dass Ebola-Viren nicht durch Personen übertragen werden, die keinerlei Symptome zeigen. Ausgehend von einer Inkubationszeit von 21 Tagen, müssen die Rückkehrer innerhalb dieser Zeitspanne aber bestimmte Regeln befolgen, um etwaige Symptome frühestmöglich zu identifizieren und dann unverzüglich isoliert und behandelt zu werden.

Vor allem um Infektionserkrankungen zu vermeiden, deren Symptome mit denen von Ebola verwechselt werden könnten, rät Ärzte ohne Grenzen seinen Mitarbeitern, für drei Wochen nach der Rückkehr keiner beruflichen, insbesondere keiner klinischen Tätigkeit nachzugehen. Denn wenn sich ein aus Westafrika zurückgekehrter Arzt im Rahmen seiner Arbeit in Praxis oder Krankenhaus gleich nach der Rückkehr einen fiebrigen Infekt zuzöge, müsste er bis zum Ausschluss einer Ebola-Infektion isoliert werden. Das würde zu unnötigen aber erheblichen Belastungen für den Mitarbeiter, seinen Arbeitgeber, Familienangehörige und auch für Ärzte ohne Grenzen und die Arbeit vor Ort führen.

Ruhezeit, keine Quarantäne

Neben dem Arbeitsverzicht sind Rückkehrer gehalten, mit der entsendenden Organisation abzusprechen, wo sie sich während der ersten 21 Tage nach ihrer Rückkehr aufhalten. Die Organisation stellt ihnen vorab Kontaktdaten für das jeweils nächstgelegene geeignete Krankenhaus – in Deutschland sind das die registrierten Sonderisolierstationen – zur Verfügung. Die Rückkehrer müssen täglich ihre Temperatur messen und dokumentieren. Sie benennen außerdem eine Vertrauensperson, die diese Schutzmaßnahmen verfolgt. Außerdem müssen sie die Kontaktdaten der Hilfsorganisation, für die sie gearbeitet haben, ständig bei sich führen. Darüber hinaus sind die Helfer angehalten, sich unmittelbar nach ihrer Rückkehr mit dem zuständigen Gesundheitsamt in Verbindung zu setzen, um sich individuell abzustimmen.

Trotz der zeitweise großen Medienpräsenz und vielfältiger Informationen ist es bis heute nicht gelungen, irrationale Ängste vor Ansteckung in der Bevölkerung völlig abzubauen. Von den mehr als 1 300 internationalen Mitarbeitern von Ärzte ohne Grenzen, die bisher in Westafrika im Einsatz waren, haben sich drei mit Ebola infiziert. In zwei Fällen wurde die Infektion bereits im Projekt symptomatisch. Bei einem US-amerikanischen Kollegen traten die Symptome nach seiner Rückkehr auf. Er isolierte sich daraufhin unmittelbar selbst und informierte die Behörden und Ärzte ohne Grenzen, um dann in einem geeigneten Zentrum isoliert und behandelt zu werden.

In keinem dieser Fälle kam es zu sekundären Ansteckungen. Als im September 2014 eine nicht geschulte Privatperson nach einem Aufenthalt in Liberia in Texas an Ebola erkrankte, wurde sie von der Notaufnahme erst noch einmal nach Hause geschickt, wodurch sich das Ansteckungsrisiko für Kontaktpersonen maßgeblich vergrößerte. Zwar hat sich von den Kontaktpersonen außerhalb des Krankenhauses keine infiziert. Im späteren Verlauf steckten sich allerdings zwei Krankenhausmitarbeiter an. Das macht deutlich, wie wichtig eine rationale Aufklärung, ein offener Umgang mit Symptomen und eine gründliche Reiseanamnese sind.

Gemessen an den Einschränkungen, die einheimische westafrikanische Mitarbeiter für ihre Tätigkeit in den Ebola-Zentren erfahren, mögen die Schwierigkeiten der internationalen Rückkehrer vernachlässigbar erscheinen. Es ist aber essenziell, dafür zu sorgen, dass potenzielle Einsatzkräfte nicht durch Stigmatisierung abgeschreckt werden und die Öffentlichkeit entsprechend aufgeklärt wird. Dazu gehört auch die Information darüber, dass es sich bei der 21-tägigen Ruhezeit der Rückkehrer nicht um eine Quarantäne handelt. Die internationalen Helfer sind im Kampf gegen die Ebola-Epidemie unverzichtbar. Damit auch in Zukunft genügend Freiwillige entsendet werden können, ist es wichtig festzuhalten, dass Ärzte ohne Grenzen alles unternimmt, seine Mitarbeiter nach dem Stand der Wissenschaft vor Infektionen zu schützen und im unwahrscheinlichen Fall einer im Heimatland auftretenden Erkrankung Sekundärübertragungen zu vermeiden.

Maximilian Gertler, Christoph Höhn,
Ärzte ohne Grenzen (MSF)

Christian Kleine, Uniklinikum Frankfurt, MSF

Thomas Kratz, Robert Koch-Institut, MSF

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