ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2015Ambulante Versorgung: Rigoroser Kampf um Patienten

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Ambulante Versorgung: Rigoroser Kampf um Patienten

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Die Lage der Krankenhäuser ist alles andere als gut: Laut einer Studie des Roland-Berger-Instituts erreichte 2014 weniger als die Hälfte der deutschen Krankenhäuser ein positives Jahresergebnis. Dass stationäre Versorgung im Spannungsfeld divergierender Interessen – Land oder Bund, privat oder öffentlich, fachlich oder aufsichtsbehördlich – agiert, macht die Sache nicht leicht. Erschwerend hinzu kommt das unübersichtliche Geflecht aus Gesetzen und Verordnungen. Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium hat angekündigt zu handeln.

Die Zahlen des Berger-Instituts erinnern auch daran, dass das im Sozialgesetzbuch V verankerte Wirtschaftlichkeitsgebot – „ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich“ – im stationären Versorgungsbereich vieler Häuser nicht mehr funktioniert. Ökonomie als oberstes Gebot erweist sich dort als ausnehmend schwierig.

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In Einzelfällen treibt die Sachlage seltsame Blüten. Dazu gehört, dass das privat geführte Universitätsklinikum Marburg massiv im ambulanten Bereich tätig werden will. Das zu den Rhön-Kliniken gehörende Haus will laut einem – inzwischen nicht mehr „internen“ – Papier in der Region Marburg „die ambulante Versorgung weitgehend ... übernehmen oder mindestens steuern.“ Die Kombination aus „ambulant“ und „stationär“ soll Profitabilität schaffen.

Dabei hatte der Krankenhauskonzern Rhön-Klinikum im vergangenen Jahr ein für stationäre Versorger vollkommen untypisches Jahresergebnis. Einen Nettogewinn von 1,23 Milliarden Euro brachte der Verkauf von 43 der insgesamt ehemals 53 Kliniken des Privatbetreibers. Für 2015 will das Unternehmen mit insgesamt 15 000 Mitarbeitern einen Umsatz von 1,1 Milliarden Euro erwirtschaften – und sich zunehmend auf „High-Tech-Medizin“ konzentrieren.

Dass die Marburger Uniklinik inzwischen den Auftrag hat, auch „unter Vermeidung von Konsensstrategien mit Ewiggestrigen“ die ambulante Versorgung flächendeckend in den Konzern zu holen, hat in der Region zu nicht geringer Unruhe geführt. War bisher Kooperation mit den niedergelassenen Vertragsärzten der Region angesagt, sei diese, so der hessische Lan­des­ärz­te­kam­merpräsident Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach, „mit diesen Plänen gefährdet“.

Das Vorhaben, niedergelassene Arztpraxen zunehmend durch ein Netz, „quasi industriealisierter MVZ“ zu ersetzen, lässt nicht nur den überbordenden Befürchtungen von Patientenorganisationen der Region freien Lauf. Auch der hessische KV-Vorsitzende Frank Dastych hat davor gewarnt, dass die Versorgung von Patienten in den Hintergrund trete, wenn MVZ von Kapitalgesellschaften mit dem Hauptziel getragen werden, Rendite zu erwirtschaften.

Der Streit in Hessen ist Beispiel dafür, dass der Gesetzgeber mit der dringend überfälligen Reform endlich wieder lebbare Abläufe für Patienten und Ärzte – egal ob stationär oder ambulant – schaffen muss. Nicht umsonst enthält das Wirtschaftlichkeitsgebot des SGB V in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung auch die Attribute „ausreichend und zweckmäßig“. Das muss – unabhängig von den denkbaren unterschiedlichen Organisationsmodellen – wieder der Rahmen werden, in dem auch in Krankenhäusern das Gesundheitssystem zu funktionieren hat: Im Mittelpunkt steht nicht der Ertrag, sondern der Patient.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Sonntag, 3. Mai 2015, 15:30

Patienten als Objekte von Kapitalverwertung?

Geschätzte 80-90 Prozent aller Beratungsanlässe können i n n e r h a l b der ambulanten Haus- und Facharzt-Medizin bei übertragbaren und nicht-übertragbaren Krankheiten ("communicable and non-communicable diseases") in frühen, symptomatischen Phasen p r ä k l i s c h erfragt, untersucht, detektiert, therapiert und damit gelöst werden. Der stationäre Klinikaufenthalt ist bei zunehmender durchschnittlicher Lebenserwartung biografisch für jeden Menschen immer noch eine zeitliche und räumliche Ausnahme- und Extremsituation.

Doch während in der stationären Versorgungsebene das Wirtschaftlichkeitsgebot („ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich bzw. das Maß des Notwendigen nicht überschreitend“) des 5. Sozialgesetzbuches (SGB V) durch die an "diagnosis related groups" (DRG's) orientierten Fallpauschalen vergütet bzw. durch höhere Erlöse bei komplikationsreichen Verläufen ("upgrading") konterkariert wird, stehen die niedergelassenen Vertragsärzte bei ihrem Handeln und Verordnen unter der Knute einer permanenten Wirtschaftlichkeitsprüfung durch die Krankenkassen der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) u n d ihre "eigenen" Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen).

Die stationär-ambulant totalitären Vereinnahmungspläne des Krankenhaus-Konzerns Rhön-Klinikum-AG sind m. E. ein wahrer Alptraum: Lückenlose Kontrolle über Gesundheits- und Krankheitsdaten bzw. -verhalten der Bevölkerung gewinnen. Prävalenz, Inzidenz und Krankheits-Bewältigungsstrategien in einer Region einschätzen und damit beherrschen. Engmaschig ambulant-stationäre Dienstleistungs-Netze aufbauen, damit das profitable 'Krankengut' einem nicht durch die Maschen schlüpft.

Von der Einheits-Geburt, dem Einheits-Leben, der Einheits-Krankenkasse zur Einheits-Untersuchung, -Diagnostik und -Therapie im Einheits-Krankenhaus, -MVZ und in vergleichbaren -Gesundheitseinrichtungen bei möglichst genormtem Einheits-Verhalten: Dabei kämpft die Rhön-Klinikum AG nicht nur rigoros um die Patientinnen und Patienten als Humankapital. Nein, sie will diese auch kontrollieren, dirigieren und dabei abkassieren.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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