ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2015Mindestmengen: Macht und Methoden

POLITIK: Kommentar

Mindestmengen: Macht und Methoden

Engelmann, Carsten

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Mindestmengen und Zentralisierung in der Neonatologie – die Diskussion darüber wird mit geschliffenen Argumenten und Zahlen ausgetragen. Tatsächlich liegt aber ein großer Teil des bisherigen Mindestmengendiskurses völlig neben dem eigentlichen Thema. Dies ist explizit benennbar: Die einen sagen, es solle eine strukturelle Zentralisierung geben und implizieren „mit MIR im Zentrum“, und die anderen fordern das Gegenteil. Dass es beiden Parteien auch um das Fachliche geht, wird niemand bestreiten, jedoch streben die Protagonisten in allererster Linie danach, die eigenen Handlungsspielräume auszuweiten beziehungsweise zu bewahren. In der Zentralisierungsdiskussion läuft immer mit: der Kampf um Positionen und Besitzstände, Ressourcen, Karrieren, Einfluss und Macht.

Zwei Gedankenspiele: Wie viele Unterstützer für Mindestmengen blieben übrig, wenn es für die spezielle Neonatologie nur noch ein nationales Zentrum gäbe? Bei Sarkomen, wo schon eine falsche Biopsie schicksalhaft sein kann, ist genau dies bei europäischen Nachbarn Wirklichkeit. Wie verhält es sich – nächstes Beispiel – mit Ärzten, die überwiegend in Gremien, Kongressbetrieb oder Geschäftsführung unterwegs sind? Auch da ist belegt, dass mangelnde Praxis ein Behandlungsrisiko begründen kann, doch eine Reglementierung fehlt. Zu Recht.

Anzeige

Mindestmengen berühren ein Menschheitsthema: Die Forderung nach Gleichheit. Daraus erklärt sich auch die Leidenschaft, mit der diskutiert wird: Sollen wirklich einige Ärzte mehr behandeln dürfen als andere? Beruht dieser Unterschied auf Verdienst oder ist seine Legitimation nur ein „merkwürdiges, elitäres Gefühl der
Berechtigung“ Privilegierter?

Die Debatte sollte in Kenntnis einer aktuellen gesellschaftswissenschaftlichen These geführt werden: Zentralisierung gilt als Auslaufmodell. Entgegen dem bisherigen Trend zur Konzentration konstatiert man „the end of power“. Kleine Einheiten überflügeln in Technologie und Pharma die „Mammuts“. Bislang bot die Konzentration von kompetenten Mitarbeitern und Ressourcen großen Organisationen Vorteile, etwa bei komplexen Operationen. Diese werden heute oft durch minimalinvasive Prozeduren ersetzt. Auch Geräte inklusive Bedienung haben ihre Funktion als Machtressourcen verloren, seit zum Beispiel Ultraschallgeräte nur noch ein Zwanzigstel des alten Preises kosten und leicht zu tragen sind, wie die neuen Lungenersatz-Pumpen (ECMO). Resultat: Geeignete Patienten werden wieder in der Peripherie betreut – verschlechtern sie sich, kommt eben ein mobiles ECMO-Team.

Aber auch für solche Leistungen ändern sich die Bezüge: Der Spezialist der benachbarten Uniklinik verliert an Bedeutung, weil man direkt skypen kann mit dem Weltspezialisten, der einem heute oft persönlich bekannt ist. Am bedeutsamsten ist, dass sich, Folge der ausgeweiteten Hochschulbildung, zunehmend robuste Kompetenz in der Peripherie findet: Die Whippelsche Pancreas-Operation etwa, ursprünglich als „der Cadillac der Bauchoperationen“ bezeichnet, wird heute gekonnt in urbanen Mittelzentren realisiert. Ist es sinnvoll, den Ausführenden zu verbieten, das anzuwenden, was sie an ihren Ausbildungsorten jahrelang erfolgreich praktiziert haben?

Was kann die sich gegenseitig blockierenden, vorgeschobenen Argumente auflösen? Mein Plädoyer: Niemand stellt in Abrede, dass Übung den Meister macht, aber jede ernst zu nehmende Analyse der Problematik „Mindestmengen“ muss das Phänomen „Macht“ in das Zentrum Ihrer Überlegungen mit aufnehmen. Erforschen wir es!

Konkrete Themen? So wie die von der Bundesregierung geförderte Technikfolgenforschung die soziale Modellierung von Innovationsprozessen darstellt, könnten zuerst die Elemente inventarisiert werden, die in der Mindestmengenforderung stillschweigend mitschwingen: „tacit procedures“ gelten als Wesenselemente politischer Willensbildung. Deswegen wird auch die Anwendung des zeitgeistigen Mantras der „Transparenz“ mit der alleinigen Nennung von Zahlen im konkreten Fall zu nichts anderem als Fiktion führen. Gewinnbringend wäre stattdessen eine Analyse von Schaltern und Hebeln, wie zum Beispiel Fachgesellschaften und Gutachten. Für eine Untersuchung des Themas „Mengen“ müssen also auch die Werkzeuge der Soziologie und Ethnomethodologie verwendet werden, die natürlich erst anhand von Hinweisen und Ergebnissen geschärft werden können. Dazu wird wieder eine der Forschung weithin verloren gegangene
Dimension aktuell: persönlicher Mut. Forssman schob sich an einem Kreiskrankenhaus selber einen Katheter ins Herz. Ähnlich ist das Dilemma der Ethnologin, die indigene Stämme, zum Beispiel im Amazonasbecken, untersucht: Sie muss mutig nahe genug „ran“, um aussagekräftige Daten zu sammeln, aber nicht so nahe, dass sie getötet wird. Auch wer die mit Mindestmengen verbundenen Machtphänomene untersucht, riskiert, auf psychologische Abwehr zu treffen. Dennoch wird es einen Gewinn an Wahrhaftigkeit bringen, die Diskussion um diesen wissenschaftlichen Blickwinkel zu erweitern.

Langfassung unter: www.klinikum-brandenburg.de/kliniken/kinderchirurgie/aufsaetze

Dr. med. Carsten Engelmann, Allgemein-, Facharzt für Kinderchirurgie, Städtisches Klinikum Brandenburg

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Themen:

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote