ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2015Von schräg unten: Aufklärung

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Aufklärung

Böhmeke, Thomas

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Zutreffende Vorstellungen über Wesen und Tragweite eines ärztlichen Eingriffs kann sich ein Kranker nur bilden, wenn ihm vom Arzt das Wesentliche über die vorgesehene Behandlung mitgeteilt wird. So hat es uns, liebe Kolleginnen und Kollegen, der Bundesgerichtshof ins Stammbuch geschrieben. Das ist mehr als notwendig, denn strafrechtlich handelt es sich bei besagten Eingriffen um Körperverletzung, und daher ist es mehr als fair, die Einwilligung hierfür nach sowohl umfassender als auch detailliertester Beschreibung der Sachlage und potenziell schlimmer Ausgängen zu erlangen. Auch Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, üben sich tagtäglich darin, alle apokalyptischen Reiter aus sämtlichen Armeen aller möglichen Komplikationen, die sich aus den Befunden und deren Behandlung ergeben, an unseren Patienten vorbeigaloppieren zu lassen. Aber ist das wirklich so?

Ich untersuche einen Patienten im Herzkatheterlabor, er ist sichtlich angegriffen, völlig nervös, will mir eigentlich vom Tisch springen. Aber sowohl seine Beschwerden als auch sein EKG mahnen zur dringlichen Durchführung des Katheters. Wie befürchtet, zeigt sich eine gleichwohl hässliche wie kritische Bifurkationsstenose der vorderen Herzkranzarterie. „Und, Herr Doktor, wie schlimm ist es?“ Also, Ihre seitliche Herzkranzarterie sieht völlig normal aus, ein wirklich schönes Gefäß! „Ach, da bin ich erleichtert. Wann sind Sie fertig?“ Immer sachte. Ich bin ein älterer Herr mit Haarausfall, den darf man nicht drängeln. Hm. Da ist eine Stelle, die gefällt mir nicht ganz so gut. „WAS?“ Ruhig, ganz ruhig, es ist ja nur eine kleine Stelle an der winzigen vorderen Herzkranzarterie. Er wird bleich wie eine OP-Kompresse. „Und? Was passiert jetzt?!“ Nun, ich schlage vor, dass ich diese kleine Stelle eben mal mit einem Ballon aufweite und einen Stent setze, wie vorher besprochen. „Ist die sehr schlimm, diese Stelle?“ Ach wo. So höchstens zehn Prozent (dass ich damit den prozentualen Offenheitsgrad meine, verschweige ich geflissentlich). Er bekommt wieder Farbe ins Gesicht. „Nur zehn Prozent, da bin ich aber erleichtert. Ist das sehr schwierig, die aufzuweiten?!“ Nö. Das ist eine Engstelle für Lehrhauer. „Und wie lange dauert das, wie lange muss ich noch hier liegen?!“ Ich werde mir alle Mühe geben, aber so eine halbe Stunde muss er noch ausharren. Schafft er das (sage ich auch zu mir selbst, weil es sich um eine komplexe Läsion handelt)? „Ich will es probieren.“ Nach fünfzehn Minuten bin ich fertig, ist die vordere Herzkranzarterie wieder frei durchgängig.

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Kurz freue ich mich, danach plagt mich mein schlechtes Gewissen, trotz dem sich mein Patient nachher für die souveräne Behandlung bedankt. Voller Reue, förmlich mich selbst vor dem Bundesgerichtshof anklagend suche ich ein kathartisches Gespräch mit einem befreundeten Kollegen. „Ach, Thomas, das hätte ich doch genau so gemacht. Wir können die Menschen auch umbringen, wenn wir bis ins letzte Detail alles erzählen, was Schlimmes passieren kann.“ Das sagt er jetzt nur, um mich zu trösten. „Nein. Ich hatte mal einen Patienten, der sich beim Aufklärungsgespräch so aufgeregt hat, dass ich ihn wegen Kammerflimmern defibrillieren musste“.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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