ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2015Ebola-Konferenz: „Problem erkannt: Wir haben versagt“

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Ebola-Konferenz: „Problem erkannt: Wir haben versagt“

Dtsch Arztebl 2015; 112(18): A-812 / B-686 / C-662

Korzilius, Heike

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Schnellere Hilfe, mehr Forschung und der Ausbau der lokalen Gesundheitssysteme sind das Gebot der Stunde, um Katastrophen wie die in Westafrika zu verhindern.

Ebola-Hotspot Monrovia: Ärzte ohne Grenzen musste am Höhepunkt der Epidemie Patienten abweisen, weil die Kapazitäten nicht mehr ausreichten. Inzwischen ist die Zahl der Infizierten in Westafrika auf 33 gesunken (Stand: 23. April). Foto: laif
Ebola-Hotspot Monrovia: Ärzte ohne Grenzen musste am Höhepunkt der Epidemie Patienten abweisen, weil die Kapazitäten nicht mehr ausreichten. Inzwischen ist die Zahl der Infizierten in Westafrika auf 33 gesunken (Stand: 23. April). Foto: laif

Die Chronologie der Ereignisse ist bestürzend: Ende März 2014 erklärte Ärzte ohne Grenzen (MSF), der Ebola-Ausbruch im Dreiländereck Guinea, Sierra Leone und Liberia sei aufgrund seiner weiten geografischen Verbreitung beispiellos. Ende Juni warnte die Hilfsorganisation erneut, die Epidemie gerate außer Kontrolle. Zu viele Menschen infizierten sich in zu vielen Regionen, als dass MSF die Situation noch allein beherrschen könne. Doch nichts geschah. Erst als im August 2014 die ersten Ebola-Fälle in den USA und Europa diagnostiziert wurden, erwachte die Weltgemeinschaft. Allerdings dauerte es noch bis weit in den Herbst hinein, bis internationale Hilfe in größerem Stil anlief.

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Die internationale Gemeinschaft müsse sich fragen, was sie in den ganzen Monaten gemacht habe, erklärte der Ebola-Beauftragte der Bundesregierung, Walter Lindner, jetzt in Berlin. Diese Untätigkeit habe Menschenleben gekostet. „Wir haben das Problem erkannt: Wir haben versagt. Das darf nicht noch einmal vorkommen“, sagte Lindner bei der Ebola-Konferenz von Ärzte ohne Grenzen am 21. April, bei der es in erster Linie darum ging, Lehren aus der unzureichenden Reaktion auf den Ebola-Ausbruch in Liberia, Sierra Leone und Guinea zu ziehen.

Hilfsorganisationen sowie Vertreter der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) und der betroffenen Staaten waren sich einig, dass nur ein effektiveres Hilfesystem, der Auf- und Ausbau der Gesundheitssysteme in den betroffenen Ländern sowie ein öffentlicher Forschungsfonds gegen vernachlässigte Krankheiten helfen können, ähnliche Katastrophen zu verhindern. Bei der Schaffung eines solchen Fonds seien auch die G7-Staaten in der Pflicht, die am 7. und 8. Juni unter deutscher Präsidentschaft zusammenkommen.

„Ebola ist nicht zu Ende, solange es keine Medikamente und Impfstoffe dagegen gibt“, sagte der Präsident von Ärzte ohne Grenzen Deutschland, Dr. med. Tankred Stöbe. Mit mehr als 25 000 Infizierten und 10 000 Toten ist der aktuelle Ausbruch der bisher schwerste. „Ein solches Ausmaß hat die Welt noch nicht gesehen“, erklärte Stöbe. „Die nationalen und internationalen Helfer haben ein erbarmungslos brutales Sterben begleiten müssen.“ 500 Ärzte und Pflegekräfte infizierten sich dabei in den drei Ländern selbst mit dem Virus und starben, darunter 14 Mitarbeiter von MSF.

Dass die Epidemie einen derart dramatischen Verlauf nehmen konnte, lag nach Ansicht von MSF-Geschäftsführer Florian Westphal unter anderem daran, dass es nicht genügend einsatzbereites Personal gab und die Krise lange Zeit unterschätzt wurde. Es dauerte etwa drei Monate, von Dezember 2013 bis März 2014, bis die Epidemie überhaupt erkannt wurde. Das lag nach Einschätzung des Ebola-Koordinators im liberianischen Ge­sund­heits­mi­nis­terium, Dr. Moses Massaquoi, auch daran, dass die Erkrankung in seinem Land bis dahin völlig unbekannt war. Das ohnehin fragile und unterfinanzierte Gesundheitssystem Liberias sei mit dem Ausbruch völlig überfordert gewesen, und internationale Hilfe habe sich lange Zeit auf Besuche und Diskussionsrunden beschränkt.

Als Konsequenz der Ebola-Epidemie forderte Massaquoi jetzt in Berlin einen Auf- und Ausbau des liberianischen Gesundheitssystems: „Denn ein funktionsfähiges Gesundheitswesen ist die beste Versicherung gegen neue Epidemien.“ Dafür benötige das Land allerdings internationale Hilfe. Massaquoi geht von rund 1,2 Milliarden Dollar aus. Ganz oben auf der Tagesordnung seines Ministeriums stehe zudem eine Verbesserung der grenzüberschreitenden gesundheitspolitischen Zusammenarbeit mit Guinea und Sierra Leone, an der es beim jüngsten Ebola-Ausbruch gemangelt habe. Außerdem sollen ein Public-Health-Insitut und eigene Laborkapazitäten geschaffen werden.

Die WHO plant nach Auskunft ihres Ebola-Beauftragten für Sierra Leone, Dr. Olushayo Olu, den Aufbau eines afrikanischen „Rapid Response Team“, um mit der jüngst erworbenen Expertise auf vergleichbare Epidemien schnell reagieren zu können. Er appellierte zudem an die betroffenen Staaten, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. „Sonst kommen wir nicht weiter“, so Olu.

Ziel müsse es sein, bei künftigen Katastrophen schneller Personal, Material und finanzielle Mittel zu mobilisieren, bekräftigte auch der Ebola-Beauftragte der Bundesregierung, Lindner. Unter anderem gelte es, vorhandene Datenbanken, die qualifizierte Helfer verzeichnen, auf europäischer Ebene besser zusammenzuführen. Ähnlich wie Massaquoi hält auch Linder den Aufbau der afrikanischen Gesundheitssysteme für eine der wichtigsten Aufgaben der Zukunft.

Zurzeit laufen in Guinea, Sierra Leone und Liberia Impfstoff- und Medikamentenstudien, an denen auch MSF beteiligt ist. Ein großer Teil der Forschungsförderung stammt aus öffentlichen Mitteln. „Ebola ist ein klassischer Fall von Marktversagen“, erklärte dazu Katy Athersuch von der MSF-Medikamentenkampagne. Die Politik müsse dafür sorgen, dass sich Forschung und Entwicklung von Medikamenten am Bedarf der Patienten orientierten und nicht an den kommerziellen Interessen der Pharmaunternehmen.

Heike Korzilius

Thema beim Ärztetag

Mit dem Thema „Medizin in Zeiten globaler Epidemien“ wird sich auch der 118. Deutsche Ärztetag beschäftigen. Er findet vom 12. bis 15. Mai in Frankfurt am Main statt. Der Präsident von Ärzte ohne Grenzen Deutschland, Dr. med. Tankred Stöbe, wird dort über die internationalen Aspekte, der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts, Prof. Dr. med. René Gottschalk, über die nationalen Aspekte globaler Epidemien referieren.

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