ArchivDeutsches Ärzteblatt22/1996Honorarpolitik: Wir brauchen endlich wieder Ruhe in unserem Arbeitsalltag

POLITIK: Leitartikel

Honorarpolitik: Wir brauchen endlich wieder Ruhe in unserem Arbeitsalltag

Schorre, Winfried

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LNSLNS Die Reform des EBM und ihre Auswirkungen auf die Honorare der rund 110 000 niedergelassenen Kassenärzte beherrschen seit Wochen die berufspolitische Diskussion in der ambulanten ärztlichen Versorgung. Eine deutliche Leistungsvermehrung im ersten Quartal dieses Jahres bringt den Punktwert stark unter Druck – und damit womöglich eine Vielzahl von Ärzten in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Was die Kassenärztliche Bundesvereinigung tun will, um die Leistungsdynamik zu bremsen, erläutert der KBVVorsitzende, Dr. med. Winfried Schorre, in dem folgenden Leitartikel.


Unter den kassenärztlichen Kollegen herrscht große Unruhe, da nach Einführung des neuen EBM zum 1. Januar 1996 ein Verfall des Punktwertes befürchtet wird, der viele Kollegen in existentielle Nöte bringen könnte. Verbindliche Daten über die Abrechnung des 1. Quartals 1996 liegen uns zur Zeit noch nicht vor. Allerdings verfügen wir über die ersten Ergebnisse aus Stichproben in verschiedenen Länder-KVen, die doch sehr einheitliche Trends aufweisen. Sie erlauben erste Schlüsse, die die Kassenärztliche Bundesvereinigung veranlaßt haben, den Krankenkassen als ihren Vertragspartnern Maßnahmen zur Stabilisierung der honorarpolitischen Situation vorzuschlagen, über die ich Sie nachfolgend informieren möchte.
Die vorliegenden stichprobenartigen ersten Abrechnungsergebnisse weisen auf eine Zunahme der erbrachten Leistungen und damit des zu honorierenden angeforderten Punktzahlvolumens von mehr als 30 Prozent gegenüber dem ersten Quartal 1995 hin. Infolge dieser deutlichen Leistungsvermehrung droht ein Punktwertverfall in einem gedeckelten Honorartopf, der viele Praxen an den Existenzabgrund führen könnte, wenn die Selbstverwaltung hier nicht energisch gegensteuert.
Aufgrund der allgemeinen politischen und ökonomischen Lage im Lande ist die von vielen gewünschte Lösung über eine Vermehrung der Mittel zur Zeit sicherlich nicht zu verwirklichen. Das ist leider eine Realität, der wir uns verantwortungsbewußt stellen müssen. Die einzige Möglichkeit, den Punktwert und damit die ökonomische Lage vieler Kollegen zu stabilisieren, besteht nach übereinstimmender Auffassung aller Kassenärztlicher Vereinigungen in der Notwendigkeit, als Selbstverwaltung den Umfang angeforderter Leistungen für die ersten beiden Quartale des Jahres 1996 zu beschneiden. Der Bewertungsausschuß als entscheidendes Gremium hat sich vorbehalten, die beiden besonders leistungsintensiven Bereiche "Gesprächsleistungen des Grundleistungskapitels" und "Untersuchungen" (60, 801) zu budgetieren.
Darüber hinaus strebt die KBV eine Empfehlung zusammen mit den Krankenkassen an, durch die die LänderKVen und die Landesverbände der Krankenkassen veranlaßt werden sollen, auf der Landesebene einen Interventionspunktwert für die Arztgruppen zu vereinbaren, deren Leistungsspektrum einen Leistungszuwachs nicht zuließ. Dabei handelt es sich im wesentlichen um solche Fächer, die auf Zuweisung arbeiten. Die Kassenärztlichen Vereinigungen werden im übrigen nicht darum herumkommen, verstärkt sachlichrechnerische Berichtigungen, Wirtschaftlichkeits-prüfungen und Plausibilitätsprüfungen durchzuführen, um Leistungsausweitungen – vor allem in bestimmten Bereichen der Sonderleistungen – auf das gewohnte Maß zurückzuführen.
Mit Stützungs- und Stabilisierungsmaßnahmen auf Bundes- und Landesebene können wir natürlich auf Dauer nicht leben. Deshalb haben sich der KBV-Vorstand und der Länderausschuß entschlossen, ab dem dritten Quartal 1996 ein fachgruppenspezifisches, das heißt ein in der Höhe in den verschiedenen Fächern unterschiedliches, Praxisbudget einzuführen. Dazu wird für die einzelnen Fachgruppen beziehungsweise deren Untergruppierungen ein fiktiver Fallwert in Punktzahlen errechnet, der mit der Fallzahl multipliziert wird und so das für die Versorgung der Patienten pro Quartal und pro Arzt zur Verfügung stehende Punktzahlbudget ergibt. Nicht die zur Betreuung des einzelnen Patienten zur Verfügung stehende Punktzahl-Menge ist begrenzt, sondern die Menge der für die gesamte Quartalstätigkeit zur Verfügung stehenden Leistungen. Das Praxisbudget definiert also eine Obergrenze für budgetierte Leistungen, wobei bestimmte einzelne Leistungen von einer solchen Budgetierung ausgenommen werden müssen.
Bei der sich andeutenden dramatischen ökonomischen Zuspitzung der Situation im 1. und 2. Quartal 1996 muß eine durchgreifende Regelung getroffen werden, die endlich die Leistungsdynamik bremst und wieder Ruhe in unseren Arbeitsalltag bringt.
Natürlich wissen wir alle, daß durch die Einführung von Praxisbudgets, denen im übrigen die Krankenkassen noch zustimmen müssen, nicht mehr Geld ins System hineinkommt. Die KBV ist aber sicher, daß das Praxisbudget die derzeit überhitzte Leistungserbringung und damit die hektische Unruhe in der Kollegenschaft beruhigen wird. Es gibt zur Zeit keine Alternativen. Die von uns nicht gewollte Mangelverwaltung müssen wir in dieser Situation dennoch als Selbstverwaltung übernehmen. Das ist auch ein Zeichen von Handlungsfähigkeit gegenüber politischen Kräften, die am liebsten schon jetzt einen Systemumbruch in die Wege leiten möchten, der sicherlich zum Nachteil von Patienten und Ärzten ausgestaltet werden würde.


Das Praxisbudget ist keine Pauschalierung
Ich möchte zum Abschluß ausdrücklich darauf hinweisen, daß es sich bei dem geplanten Praxisbudget nicht um eine Pauschalierung handelt. Abrechnungsfähig ist nach wie vor nur die im EBM enthaltene einzelne ärztliche Leistung und nicht das Praxisbudget als Obergrenze einer Einzelleistungsvergütung.
Ich bitte die Kolleginnen und Kollegen um Verständnis für die angekündigten Maßnahmen und hoffe sehr, daß wir damit einen Weg beschreiten, der uns bald wieder bessere Arbeitsbedingungen schafft und der ambulanten Versorgung nicht schadet. Dr. med. Winfried Schorre

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