ArchivDeutsches Ärzteblatt17/1999Schachmeisterschaft für Ärztinnen und Ärzte: „Und die du hieltst für niedre Geister, entpuppen sich als große Meister!“

VARIA: Schachturnier

Schachmeisterschaft für Ärztinnen und Ärzte: „Und die du hieltst für niedre Geister, entpuppen sich als große Meister!“

Dtsch Arztebl 1999; 96(17): A-1141 / B-885 / C-805

Maus, Josef; Pfleger, Helmut

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LNSLNS Auf Einladung des Deutschen Ärzteblattes trafen sich rund 140 Ärztinnen und Ärzte aus allen Regionen Deutschlands in Bad Homburg zum "Spiel der Könige".


Vor Jahresfrist in Baden-Baden hatte "Viktor der Schreckliche" die Ärzte schon beim "Warmspielen" das Fürchten gelehrt. Beim Simultanschach gegen drei Dutzend Kontrahenten hatte der frühere Vize-Weltmeister Viktor Kortschnoi seinen Gegnern derart zugesetzt, daß nur noch eine Revanche die tiefen Wunden heilen konnte. Die Wiedergutmachung gelang indes nur bedingt. Auch in Bad Homburg kannte die lebende Schachlegende wenig Gnade. Schach, so scheint es, ist keine Frage nach Leben oder Tod - es ist wichtiger. Tatsächlich brachten die rund 140 Ärztinnen und Ärzte ein mehr oder minder großes Maß an sportlichem Ehrgeiz mit nach Bad Homburg. Dennoch standen auch bei der siebten Schachmeisterschaft in Folge die Kollegialität und die kurzfristige Entspannung vom beruflichen Alltag eindeutig im Vordergrund. Gespielt wurden wiederum neun Partien an zwei Tagen, wobei das sogenannte Schweizer System in den jeweiligen Runden stets annähernd gleichstarke Spieler zusammenbrachte.
Den Auftakt bildeten am Freitagabend die Simultanbegegnungen mit Viktor Kortschnoi und Dr. med. Helmut Pfleger, dem Mentor und Motor der Ärztemeisterschaft. Wer sich nicht mit einem Internationalen Großmeister messen wollte, konnte alternativ dazu am Blitzschach teilnehmen. Nur: Auch da war die Auswahl an starken Spielern groß. Immerhin greift selbst manche Bundesligamannschaft beim Schach auf Ärzte zurück. Alexander Goldberg aus Dresden ist ein Beispiel, Prof. Dr. med. Peter Krauseneck, Neurologe aus Bamberg, ein anderes. Doch auch beim Schach entscheidet die Tagesform, so daß selbst Ärzte, die sich als "reine Hobbyspieler" bezeichnen, durchaus Aussichten auf eine Plazierung im vorderen Feld (siehe Kasten "Die besten Zehn") haben. Und ein gutes Abschneiden zahlte sich gleich zweifach aus: Es gereichte zur Ehre und wurde - je nach Plazierung - mit ansehnlichen Preisen belohnt. Immerhin warteten auf die besten fünf Spieler stattliche Geldpreise in Schweizer Franken - gestiftet vom Sponsor der Schachmeisterschaft, der Bank Hofmann AG, Zürich. Von Platz 6 bis 20 gab es Sachpreise. Auch ein Preis für die beste teilnehmende Dame - gestiftet vom Maritim Hotel Bad Homburg - wurde vergeben. Den erspielte sich Dr. med. Bergit Barthel, Dermatologin aus Frankfurt, eine ausgewiesen gute Schachspielerin. Sie kann ein Wochenende nach Wahl im Maritim verbringen - beispielsweise im Rahmen der achten Schachmeisterschaft, die aller Voraussicht nach im kommenden Jahr wiederum in Bad Homburg stattfinden wird.
Das Turnier, bei dem sich Ärzte aller Fachrichtungen und quer durch die Generationen treffen, lebt - wie bereits erwähnt - nicht allein von Sport, Spiel und Spannung, sondern auch vom Atmosphärischen. Wie Dr. med. Helmut Pfleger (der zu Beginn der Meisterschaft wiederum beim Simultanschach überzeugte) die Bad Homburger Schachtage erlebte, gibt sein folgender Bericht wieder.

Nun feierte die Schachmeisterschaft für Ärztinnen und Ärzte, das deutsche Ärzteschachturnier, also bereits ihren 7. Geburtstag. An wechselnden Orten, vor Bad Homburg in Baden-Baden und Wiesbaden, doch eines blieb sich immer gleich: unmittelbar um die Hausecke war das Casino. Zufall? Absicht? Beim stets minutiös planenden "Deutschen Ärzteblatt" macht unsereins sich so seine Gedanken. Doch wenn Absicht - warum? Um uns in Versuchung zu führen? Oder vielmehr im Widerstehen der launischlotterhaften Fortuna unseren Charakter zu stählen? Oder um uns gar - horribile dictu - mit der Nase auf die Tatsache zu stoßen, daß Schach letztendlich auch nur ein Glücksspiel sei? Gewährsmann Robert Hübner kündete davon schon lakonisch, bevor er seinen unentschiedenen Kandidatenwettkampf gegen den Sowjetrussen Smyslow durch die Entscheidung der Roulettekugel im Casino von Velden am Wörthersee verlor. Und was sagt der argentinische Schriftsteller J. L. Borgés? "...Gott lenkt den (Schach-)Spieler, dieser die Figur. Doch welcher Gott noch hinter Gott fängt das Gewebe an ...?" Klingt nicht sehr nach selbstdeterminiertem Handeln, sei es am Schachbrett oder jenseits dessen.
Aber jetzt genug der so trügerischen und unfruchtbaren Philosophie. Hinein ins pralle Schachleben! Und das ist ruhig, sehr ruhig bei den "Medici". Mucksmäuschenstill ist es im weiten Saal, nur das Ticken der Uhren ist zu hören. Fast meditativ. Viktor Kortschnoi meint: "Das ist ein Zeichen, daß es gute Spieler sind." Er muß es wissen, mit seinen 68 Jahren gehört er immer noch zur Weltspitze. Ein medizinisches Rätsel. Der philippinische Großmeister Torre sagt über ihn: "Wenn man Kortschnoi sieht, weiß man, daß man noch viel Zeit hat." Er kennt Dr. med. Rudolf Faulhaber aus dem fränkischen Büchenbach nicht. Alle freuen sich, daß der inzwischen 87jährige jedes Jahr dabei ist, mit seiner Tochter, seiner früheren Sprechstundenhilfe und (natürlich) seinem Praxisnachfolger Dr. med. Hans-Jörg Wiedemann (der allerdings bedenklicherweise meint, es gäbe noch wichtigere Dinge im Leben als Schach). Faulhaber ist wie eine Versicherung: Schau, wir haben noch viel Zeit. Doch trotz anfänglich altersweiser Rede ("Mit 1,5 Punkten bin ich hier zufrieden.") lodert der Ehrgeiz noch in ihm. Als er dann nämlich schon 2,5 Punkte hat: "Ach, ich spiele so schlecht." Doch zum guten Schluß sind es gar 3,5: "Die langen einem alten Kracher wie mir", verkündet Faulhaber stolz und verspricht, im nächsten Jahr wiederzukommen. Ad aeternitatem aeternitatum!
So möge es auch mit Dr. med. Christian Bordasch sein, der wieder die Unterstützung seiner beiden Töchter und der Enkelkinder genießt. Fragt ihn eine der beiden besorgt-teilnahmsvoll: "Macht es dich nervös, wenn ich hinter deinem Brett stehe?" Er: "Überhaupt nicht." Als er in der 6. Runde seine Dame einstellt, müssen die Töchter weit weg gewesen sein, erhellend indes ihr Kommentar: "Wenn man den richtigen Zeitpunkt wählt, kann man von ihm alles haben." Sie müssen es wissen. Noch machen die Enkel die Welt unter den Tischen unsicher und foppen den Chronisten, doch in einem Vierteljahrhundert stürmt der erweiterte Bordasch-Clan womöglich über die Schachbretter - mit Opa an der Spitze. All das beim Nestor Faulhaber abzugucken, dicht gefolgt von dem nicht weniger rüstigen "Alten Herrn" (eine Ehrenbezeichnung, wie jeder Fußballer weiß) Dr. med. Alois Eckstein aus Mönchengladbach. Der ist ziemlich ärgerlich, weil er immer wieder vergißt, seine Uhr zu drücken, und so wertvolle Zeit verstreicht. Doch das Leben hat Trost bereit: Alle fünf Söhne sind ebenfalls Ärzte geworden, einer allerdings Zahnarzt - nur, wo gibt es kein schwarzes Schaf in der Familie?
In den Pausen zeigt Viktor Kortschnoi der Kiebitzschar anhand seiner letzten Partien, wie ein ganz Großer (Schach) denkt. Noch schlauer eilen die Ärzte ans eigene Brett zurück. Der persische Figurenkünstler Dr. med. Modjtaba Abtahi schnürt seinen Gegner völlig ein. Eigener Kommentar des Unfallchirurgen: "Das ist wie gute Anästhesie - dem Gegner soviel Sauerstoff geben, damit er gerade noch atmen kann." "Letalanästhesie", meint indes ein anderer. Modjtaba ist aber auch ein begnadeter "Schwindler". Beim Blitzturnier am Abend vorher stellt er gegen Dr. med. Matia Jolowicz einen Bauern ein - wird gefressen. Stellt den zweiten Bauern ein - wird gefressen. Stellt den dritten Bauern ein - wird gefressen. Doch plötzlich ist er matt, der Fressende! Das erinnert an Eugen Roth: "...und die du hieltst für niedre Geister, entpuppen sich als große Meister!"
Seine Tochter Giti ist diesmal auch mit ihren Schachkünsten zufrieden und heimst darüber hinaus großes Lob vom letztjährigen Sieger Dr. med. Peter Weber ein. "Sie ist sehr nett, das ist bei Chirurginnen selten", meint der frischgebackene Internist. Nicht nach Wunsch läuft es heuer bei Dr. Bergit Barthel, einer deutschen Meisterspielerin. Zwar lehrt sie wie jedes Jahr manchen Mann das Fürchten (beim Schach, wohlgemerkt), doch sie schießt auch grobe Böcke. "Ich bin kein Kavalier", meint einer des sogenannten starken Geschlechts, als er ihren Läufer wegnimmt. Um die Dermatologin am Ende der Partie aber doch zu fragen, ob sie etwas für seinen Fußpilz wüßte. Das habe ich sie zwar auch schon gefragt, ihr aber noch nie einen Läufer weggenommen. Irgendwann ist aber der letzte Läufer genommen, ist manche Partie "ungerecht" zu Ende gegangen ("Ich stand so gut, aber die leidige Zeit!"); hat Wolf Paust mit Kopfweh im Kollegenkreis kein Analgetikum aufgetrieben, sich aber in der nächsten Runde mit einem Kurzsieg selbst kuriert ("schachogene" Heilung); hat der favorisierte Bundesligaspieler Alexander Goldberg einmal mehr das Turnier nicht gewonnen, statt dessen Privatdozent Dr. med. Markus Bassler aus Mainz, der nicht erst seit gestern hervorragend spielt; mußten die Schiedsrichter aus Verzweiflung über das faire Verhalten der Ärzte wieder untereinander spielen, um die Zeit totzuschlagen (es sei denn, am Bücherstand erzählte das "wandelnde Schachlexikon" Manfred Mädler einige Schwänke aus seinem Schachleben); und gingen dank der Unterstützung durch die Bank Hofmann nicht nur die Gewinner zufrieden nach Hause. Jetzt aber genug der Zufriedenheit, bis zum nächsten Mal! Dr. med. Helmut Pfleger
Josef Maus

Die besten Zehn
Rang Teilnehmer Punkte
1 Markus Bassler 7,5
Mainz-Ober-Olm
2 Anatol Guenkinne 7,5
Herne
3 Peter Weber 7,5
Langenfeld
4 Uwe Mehlhorn 7
Rudolstadt
5 Alexander Goldberg 7
Dresden
6 Adrian Moise 7
Kreischa
7 Matthias Birke 7
Keltern
8 Matias Jolowicz 6,5
Salzgitter
9 Matthias Evert 6,5
St. Augustin
10 Nuradin Peci 6,5
Wittlich

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