ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2015Zukunftspläne: Schöne „Heile-Welt“

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Zukunftspläne: Schöne „Heile-Welt“

Nolte, Stephan Heinrich

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Dr. med. Stephan Heinrich Nolte, Kinder- und Jugendarzt
Dr. med. Stephan Heinrich Nolte, Kinder- und Jugendarzt

Ein internes Papier des Innovations-Ausschusses des Rhön-Klinikums erörtert angesichts leistungsfähigerer und preiswerterer Computertomografen die Frage, ob es nicht sinnvoll sei, diese Technik beim ersten Patientenkontakt einzusetzen, um die teure und rare Arztleistung auf dieser Wissensbasis, ergänzt durch genetische und laborchemische Untersuchungen, besser und effektiver zu machen. Die heutige Praxis, vor die Technik die Anamnese, die körperliche Untersuchung oder einfachere Verfahren, wie etwa eine Ultraschalluntersuchung oder ein EKG, zu stellen, sei doch nicht mehr zeitgemäß. So könne eine „Wissensbasis“ erstellt werden, die als Vorleistung den Grundstein für eine nachhaltige Zentrumsbindung bildet: „eine der interessantesten Innovationen, die wir zu bieten hätten“.

Der Arztbesuch im Jahr 2020 sieht dann so aus: Frau Maier kommt mit ihrem fünf Monate alten Klein-Olaf ins MHZPP – Medizinisches Hochschulzentrum für personalisierte Pädiatrie. Bereits nach der Geburt war mit der Nabelblutgewinnung nicht nur das gesamte genetische Profil mit allen genetischen Risiken und der gesamten Pharmakogenetik erstellt worden, sondern auch eine Gewebekultur mit Stammzellen und Fibroblasten zur späteren Ersatzteillieferung zukünftig erkrankter Organe angelegt worden. Nun öffnet sie mit der Gesundheits-Chipkarte, auf der alle Daten gespeichert sind, die elektronische Schiebetür des Zentrums. Eine Anmeldung ist wegen der gespeicherten Daten nicht notwendig; sie kann ihr Baby gleich auf eine Liege legen, die sofort in den Ganzkörperscanner eingezogen wird. Kurz darauf erscheint ein Ausdruck, der nicht nur ein erweitertes Nierenbecken rechts, eine Unreife der linken Hüfte und eine kleine Plexuszyste im Bereich des Gehirns attestiert, sondern gleich Termine für die notwendigen weiterführenden Untersuchungen vorschlägt. Ein Refraktionsmesser hat derweil nicht nur die Sehschärfe, sondern auch gleich die notwendige Brille ermittelt. So ausgerüstet, kommt Frau Maier nun zum Arzt und trägt ihr Anliegen vor: „Ich wollte wissen, Herr Doktor, ob ich jetzt beim Zufüttern mit Pastinake, wie die Hebamme sagt, oder mit Karotten anfangen soll, wie meine Schwiegermutter rät . . .“

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Natürlich gibt es auch da eine wissenschaftliche Antwort: Aufgrund der nachgewiesenen genetischen Disposition und einer Allergie gegen Sellerie in der Familienanamnese ist eine Kreuzallergie gegen Karotten natürlich nicht auszuschließen. Eine weitere Testung unter klinischen Bedingungen ist unbedingt erforderlich.

Rhön-Gründer Münch: „Eine solche Wissensvorhaltung beschert dem Patienten enorme Vorteile und bildet den Grundstein für eine nachhaltige Zentrums-Patientenbeziehung.“ Wer sich dann noch gesund fühlt, ist nur noch nicht lange genug untersucht. Eine solche Münch-Medizin liefert bergeweise unbedeutende Zufallsbefunde und dreht so das gewünschte medizinisch-industrielle Rad immer weiter.

Niedergelassene Ärzte, zu denen Patienten ein persönliches Verhältnis entwickeln, sind in dieser „Heile-Welt“ nicht mehr vorgesehen. Denn Rhön will die ambulante Versorgung mit telemedizinischen Verbundambulanzen „übernehmen“, wie es in dem Papier heißt. Zwar erwartet der Klinikkonzern „geschlossenen Widerstand“ bei den Niedergelassenen in Marburg. Das dürfe den Konzern jedoch nicht kümmern. Denn Rhön müsse unbeirrt seinen Weg gehen.

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