POLITIK

Kommunikation von Ärzten: Renaissance eines Nischenthemas

Dtsch Arztebl 2015; 112(19): A-850 / B-719 / C-695

Richter-Kuhlmann, Eva

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Foto: iStockphoto
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Gerade weil die Kommunikation zwischen Arzt und Patient sowie zwischen den Gesundheitsberufen Alltag ist, muss diese Wertschätzung erfahren. Kommunikationstrainings sollten in der Aus-, Weiter- und Fortbildung vermehrt verankert werden.

Als die Delegierten des 117. Deutschen Ärztetages vor einem Jahr in Düsseldorf forderten, die Kommunikation zwischen Patienten und Ärzten zu stärken, legten sie den Finger in eine Wunde: Zwar ist nahezu allen Ärzten klar, dass eine funktionierende Arzt-Patienten-Kommunikation sowie die Absprache unter Kollegen von entscheidender Bedeutung für die Sicherheit und den Erfolg der Patientenbehandlung ist. Dennoch geht dies im Alltag – oftmals unbemerkt und unbeabsichtigt – unter. „Öko­nomi­sierung, Bürokratisierung und Schematisierung der Medizin drohen die zuwendende Begegnung von Arzt und Patient in den Hintergrund zu drängen“, warnte das Ärzteparlament und kritisierte, dass Ärztinnen und Ärzte, die sich Zeit für das Gespräch mit ihren Patienten nehmen, finanziell benachteiligt würden.

Zentrales Thema auf dem 118. Deutschen Ärztetag

Der bevorstehende 118. Deutsche Ärztetag in Frankfurt/Main greift das Thema „Kommunikation“ nun mit einem eigenen Tagesordnungspunkt auf – ein Fakt, der für Rudolf Henke, Präsident der Ärztekammer Nordrhein, sehr wichtig ist: „Gute Kommunikation spart Zeit und vermeidet Missverständnisse durch Verständlichkeit von Anfang an“, erklärt er gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt.

Eine gute Arzt-Patienten-Kommunikation setzt für ihn die Hinwendung des Arztes zum Patienten und seine Orientierung an dessen Bedürfnissen voraus. „Dazu müssen auch die Rahmenbedingungen stimmen und die Versorgungsabläufe genügend Zeit für Gespräche hergeben“, sagt er. Für die Kommunikation mit den Vertretern anderer Gesundheitsberufe sei ein gegenseitiges Verständnis bedeutsam. Seine Grundregel: „Man muss einander kennen und einander achten.“

Für Henke ist es zudem sehr erfreulich, dass an vielen medizinischen Fakultäten mittlerweile geeignete Lehr- und Prüfungsformate für kommunikative Kompetenzen etabliert wurden. „Wir hoffen, dass diese Formate künftig flächendeckend und in der Routine angeboten werden. Auf der Grundlage des Studiums sollten die kommunikativen Kompetenzen in der Weiter- und Fortbildung fachspezifisch vertieft werden“, betont der Arzt.

Auf die Bedeutung des wiederholten Trainings eines guten Arzt-Patienten-Gesprächs wiesen im November vergangenen Jahres auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) mit ihrer Kooperationstagung „Therapie: Gespräch“ hin. Die beiden Organisationen sind sich einig: Gerade weil die Kommunikation zwischen Arzt und Patient zur alltäglichen Tätigkeit von Ärzten gehört, müssen Kommunikationstrainings in der Aus-, Weiter- und Fortbildung vermehrt verankert werden.

„Gute Kommunikation entspricht den Erwartungen von Patienten und Patientinnen und dem beruflichen Selbstverständnis von Ärztinnen und Ärzten und sollte deshalb Bestandteil der regelmäßigen Fortbildung sein“, betont Dr. med. Max Kaplan, Vizepräsident der Bundes­ärzte­kammer und Präsident der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer. Für den langjährigen Hausarzt ist Kommunikation zudem weit mehr als nur ein Erlernen von Kommunikationstechniken. „Es ist eine Frage der ärztlichen Haltung gegenüber dem Patienten und den Mitgliedern des Behandlungsteams“, erklärt er. Diese Haltung müsse ebenso vermittelt werden wie die reinen Kommunikationstechniken.

Kommunikation soll künftig vermehrt geprüft werden

Dass diese nicht nur einmalig im Studium erlernt werden sollten, sondern immer wieder geübt und weiterentwickelt werden müssten, bekräftigt auch Dipl.-Med. Regina Feldmann vom Vorstand der KBV (siehe 3 Fragen an...). Dabei verweist die Hausärztin unter anderem auf eine Checkliste zur Arzt-Patienten-Kommunikation, die jüngst die KBV entwickelt hat.

Unterstützt wird von der KBV zudem ab sofort die Online-Plattform von Medizinstudierenden „Was hab’ ich?“. In dem Netzwerk engagieren sich seit 2011 Medizinstudierende höherer Semester ehrenamtlich und übersetzen medizinische Befunde in eine für Patienten leicht verständliche Sprache. Bei komplexen Befunden stehen den Studierenden ein 200-köpfiges Ärzteteam sowie zwei Psychologen beratend zur Seite. Der Patient kann die Übersetzung bereits wenige Tage nach der Einsendung passwortgeschützt online abrufen.

Dass die kommunikativen Fähigkeiten eines Arztes angesichts der allgemein für Patienten zunehmenden Bedeutung des Internets in den Hintergrund treten könnten, glaubt Henke nicht – in Gegenteil: „Je mehr Informationen über Symptome und Krankheiten es gibt, desto wichtiger wird die Beratungsleistung des informierten Patienten durch den Arzt“, meint er. „Wir Ärzte müssen uns darauf einstellen, Unsicherheiten und leider auch immer wieder auftretende Fehlinformationen aufzufangen und unsere Patienten zu beraten.“

Im Medizinstudium hat das Thema Kommunikation bereits seit einigen Jahren eine Art Renaissance erlebt. Seit der Änderung der Approbationsordnung 2012 ist die Gesprächsführung offiziell Gegenstand der ärztlichen Ausbildung und Prüfung. „Alle medizinischen Fakultäten bauen in ihre Curricula mittlerweile Kommunikationstrainings ein. Praktisch geprüft wird Kommunikation jedoch selten“, erklärt Prof. Dr. med. Jana Jünger, Oberärztin an der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik am Universitätsklinikum Heidelberg, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Dabei ist die Hochschullehrerin überzeugt: „Kommunikation ist ebenso erlernbar wie Empathie“. Aber: „Kommunikation ist mehr als nur ’nett sein’.“ In den Curricula müssten deshalb auch die fachspezifischen Herausforderungen gelehrt werden, wie zum Beispiel das Einordnen von Risiken, die gemeinsame Entscheidungsfindung, das Überbringen schlechter Prognosen oder der Umgang mit Suizidalität.

Bereits 2001 hat Jünger an der Uniklinik Heidelberg ein Kommunikations- und Interaktionstraining für Medizinstudierende (Medi-KIT) entwickelt. Jetzt koordiniert sie eine Projektgruppe mit 480 Vertretern aller 36 medizinischen Fakultäten und vielen medizinischen Fachgesellschaften, die gemeinsam ein nationales Mustercurriculum Kommunikation zusammenstellen. „Basis sind dabei die Herangehensweisen, die sich am besten in der Lehre und Prüfung an den einzelnen Fakultäten bewährt haben“, erläutert sie. Das Mustercurriculum baut auf den Lernzielen für Ärztliche Gesprächsführung des Nationalen Kompetenzorientierten Lernzielkatalogs Medizin (NKLM) auf, der auf dem diesjährigen Medizinischen Fakultätentag im Juni in Kiel verabschiedet werden soll.

Das Projekt wird vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium gefördert. Trotzdem sieht Jünger noch einige Defizite: An vielen Fakultäten fehlten trainierte Tutoren und Dozenten. Mit dem Start einer gemeinsamen Summerschool ab Juli 2015 soll Abhilfe geschaffen werden.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Leitfaden für die Praxis

Was ist ein guter Arzt? Für den Philosophen Dr. phil. Gerd B. Achenbach, Bergisch Gladbach, sollte ein guter Arzt in jedem Fall eine Fähigkeit haben – er sollte zuhören können. Man sollte dem Sprechenden „sein Ohr leihen“. Doch gerade diese Fähigkeit sei häufig nicht vorhanden. So sei der ärztliche Alltag oft durch Zeitmangel gekennzeichnet, was nur kurze Gesprächszeiten mit den Patientinnen und Patienten möglich mache, sagte Prof. Dr. med. Stefan Wilm, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Düsseldorf, am 28. April vor Journalisten.

Doch im vermeintlichen Zeitdruck des ärztlichen Alltags dürfe eine wertschätzende, einfühlsame Grundhaltung des Arztes ebenso wenig verloren gehen wie die Bereitschaft, den Patienten seine Anliegen ohne Unterbrechung vortragen zu lassen. In der Regel unterbreche der Arzt seinen Patienten aber bereits nach 18 Sekunden, monierte der Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Rudolf Henke. Gründe könnten Überlastung oder auch eine mangelnde Ausein-andersetzung mit der eigenen Sterblichkeit sein. Die Ärztekammer Nordrhein will jetzt mit einem Leitfaden „Kommunikation im ärztlichen Alltag“ (http://d.aerzteblatt.de/RG65ZP26) dazu beitragen, dass die Verständigung zwischen Arzt und Patient besser wird. Kli

3 Fragen an . . .

Dipl.-Med. Regina Feldmann, KBV-Vorstand

Foto: Georg J. Lopata
Foto: Georg J. Lopata

Für Patienten sind die kommunikativen Fähigkeiten des Arztes oft das Zeichen für Qualität. Sind sich die Ärzte dessen bewusst?

Der Patient hat freie Arztwahl. Nicht kommunizieren geht daher nicht. Die Patienten stellen hier zu Recht hohe Ansprüche und wechseln schnell den Arzt oder die Ärztin. Wir haben als KBV die ärztliche Kommunikation im letzten Jahr zum Thema gemacht, in der Öffentlichkeit diskutiert und Materialien zur Verfügung gestellt. Die Resonanz war von beiden Seiten, sowohl von Patientenverbänden als auch von Ärzten, sehr gut.

Wie lässt sich der Stellenwert der sprechenden Medizin erhöhen?

Patientennahe Tätigkeiten, und dies ist im Kern die sprechende Medizin, haben es schwer, sich gegen Hochtechnologie und Spitzenmedizin zu behaupten. Dies fängt bei Aus- und Weiterbildung an und geht bis zur Honorierung. Die KBV hat sich aktiv für eine Statusverbesserung der Grundversorgung in diesen Bereichen eingesetzt, wobei es noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten gibt. Ich werde da nicht locker lassen!

Warum fördert die KBV das studentische Internetportal „Was hab‘ ich?“

Dieser Service für Patienten ist aus einer studentischen Initiative entstanden und übersetzt Arztbriefe in eine patientenverständliche Sprache. Das Angebot wurde schon mehrfach ausgezeichnet und zeigt, dass durch kollegiale, nicht-kommerzielle Zusammenarbeit ein echter Mehrwert für unsere Patienten geschaffen werden kann. Kurz gesagt: Wir brauchen mehr solcher ärztlich getragener Initiativen!

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