ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2015Ambulante spezialfachärztliche Versorgung: Wenig Euphorie bei den Beteiligten

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Ambulante spezialfachärztliche Versorgung: Wenig Euphorie bei den Beteiligten

Gerst, Thomas

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Regina Klakow-Franck, unparteiisches Mitglied des G-BA, spricht sich für Modifikationen bei der ASV aus. Foto: G-BA
Regina Klakow-Franck, unparteiisches Mitglied des G-BA, spricht sich für Modifikationen bei der ASV aus. Foto: G-BA

Vieles scheint noch ungeklärt bei der Einführung des neuen ambulanten Versorgungsbereichs. Von einem Run auf die ASV kann man derzeit nicht sprechen.

Mit der Einführung der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung (ASV) steht es nicht zum Besten. So lässt sich im Ergebnis ein Rechtssymposium des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA) am 29. April zusammenfassen. „So viele kritische Anmerkungen gab es noch bei keinem Rechtssymposium des G-BA“, stellte Dr. jur. Dominik Roters, Leiter der G-BA-Rechtsabteilung, abschließend fest. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis der ASV sei fragwürdig, hatte er zuvor bereits angemerkt und auf deren gesundheitspolitische Sprengkraft verwiesen. Viele würden darin „eine Art Hausschwamm sehen, der die Wände der Sektoren ins Wanken bringen könnte“.

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Die ambulante spezialfachärztliche Versorgung war mit einem neuen § 116b SGB V zu Jahresbeginn 2012 eingeführt worden. Vertragsärzte, Medizinische Versorgungszentren und Krankenhäuser sollen demnach schwere Verlaufsformen von Erkrankungen mit besonderen Krankheitsverläufen, seltene Erkrankungen sowie hochspezialisierte Leistungen unter denselben Anforderungen ambulant behandeln können. Der G-BA sollte in einer Richtlinie das Nähere regeln.

Zweifel am politischen Willen

Dies ist ein schwieriges Unterfangen an der Schnittstelle von ambulanter und stationärer Versorgung, machten die Ausführungen von Dr. med. Regina Klakow-Franck, unparteiisches Mitglied des G-BA und Vorsitzende des ASV-Unterausschusses, beim Rechtssymposium deutlich. Sie erwartet vom Gesetzgeber Modifikationen, um die ASV besser in Gang bringen zu können. So sei die Beschränkung auf schwere Verlaufsformen von bestimmten Erkrankungen wenig geeignet, der neuen Versorgungsebene eine echte Chance zu geben. Neues Leitkriterium für die ASV solle stattdessen die „ambulante Versorgung komplexer und seltener Erkrankungen durch ein interdisziplinäres Team“ sein. Auch der derzeit noch im Entwurf des Versorgungsstärkungsgesetzes (VSG) enthaltene dauerhafte Bestandsschutz für Krankenhäuser, die nach dem alten § 116b SGB V ambulante Leistungen erbringen dürfen, müsse entfallen, um ein von vorneherein bestehendes Ungleichgewicht in der ASV zu vermeiden.

Mit Blick auf den aktuellen VSG-Entwurf zeigte sich Klakow-Franck allerdings skeptisch, was den politischen Willen anbelangt, die Dinge in der ASV zum Besseren zu wenden. Hier sei nämlich in § 117 SGB V vorgesehen, Hochschulambulanzen für solche Patienten zu öffnen, die „wegen Art, Schwere oder Komplexität ihrer Erkrankung einer Untersuchung oder Behandlung“ dort bedürften. Diese Neufassung des § 117 adressiere die gleichen Patienten, die von der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung profitieren sollen.

Aktuell liegen in der ASV erst für zwei Indikationen abschließende Regelungen des G-BA vor. Von einem Run auf den neuen Versorgungsbereich kann man nicht sprechen – es gibt gerade einmal 27 zugelassene interdisziplinäre ASV-Teams. Das dürfte auch an dem bürokratischen Aufwand liegen, der zur Gründung eines ASV-Teams erforderlich ist, wie Symposiumsteilnehmer kritisierten. Hemmend wirkt sicherlich auch, dass grundsätzliche Klärungen noch ausstehen. So ist umstritten, ob und wie ein Krankenhaus für seine Team-Ärzte in der ASV einen Fachkundenachweis vorlegen muss. Wie genau ist das Erfordernis einer wöchentlichen „gemeinsamen Sprechstunde“ zu verstehen? Müssen alle in der ASV-Richtlinie beschriebenen Leistungen tatsächlich auch vorgehalten werden, um teilnehmen zu können, oder sind die vom G-BA vorgegebenen Mindestmengenregelungen rechtssicher?

Jetzt ein lernendes System

Es sind die fehlenden Detailregelungen, die den erweiterten Landesausschüssen, die über die Zulässigkeit von ASV-Teilnahmen zu entscheiden haben, Probleme bereiten. Der G-BA verlagere die Probleme, die er selbst nicht lösen könne, auf die Ebene der Landesausschüsse, monierten deren Vorsitzende. Die unparteiische Vorsitzende konnte die Kritik nachvollziehen; eine verbindliche Regelung durch den G-BA bis ins kleinste Detail hätte aber zu weiteren Verzögerungen geführt. Die ASV sei jetzt ein lernendes System, bei dem man nach und nach die Kinderkrankheiten beheben müsse.

Thomas Gerst

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