ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2015Arbeitsmarkt Schweiz: Auf deutsche Ärzte angewiesen

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Arbeitsmarkt Schweiz: Auf deutsche Ärzte angewiesen

Dtsch Arztebl 2015; 112(19): [61]

Spielberg, Petra

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Foto: Fotolia/niyazz
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Bereits heute profitiert das Schweizer Gesundheitswesen vom Zustrom ausländischer Ärzte. Der Höhenflug des Franken begünstigt zudem vor allem für Grenzgänger eine Tätigkeit in der Alpenrepublik.

Zahlreiche ausländische Fachkräfte sorgen auch im Nachbarland Schweiz mit dafür, dass das hohe Niveau der medizinischen Versorgung aufrechterhalten werden kann. 2014 stammte fast ein Drittel der in der Schweiz berufstätigen Ärztinnen und Ärzte – knapp 10 500 Personen – aus dem Ausland. Diese Zahlen weist die aktuelle Statistik der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH aus. Deutsche Ärzte stellten dabei mit 5 972 Kräften allein die Hälfte des aus dem Ausland stammenden medizinischen Fachpersonals, gefolgt von Italien, Frankreich und Österreich.

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Im Vergleich zum Vorjahreswert ist der Ausländeranteil somit um 1,4 auf 30,5 Prozent gestiegen. Davon waren 56,2 Prozent im stationären, 41,7 Prozent im ambulanten und 2,1 Prozent in einem anderen Bereich tätig. Der Ausländeranteil variiert dabei je nach Region sehr stark. Während er beispielsweise in der Region rund um den Genfersee 24 Prozent beträgt, erreicht er im Tessin 46,3 Prozent.

Der Ausländeranteil in der Ärzteschaft der Schweiz fällt regional sehr unterschiedlich aus. Besonders beliebt sind das Tessin und die Ostschweiz. In die westlichen Landesteile unseres Nachbarlandes hingegen zieht es aus dem Ausland stammende Ärzte weniger. Die überwiegende Zahl von ihnen ist im stationären Sektor tätig. Grafik: FMH-Ärztestatistik 2014
Der Ausländeranteil in der Ärzteschaft der Schweiz fällt regional sehr unterschiedlich aus. Besonders beliebt sind das Tessin und die Ostschweiz. In die westlichen Landesteile unseres Nachbarlandes hingegen zieht es aus dem Ausland stammende Ärzte weniger. Die überwiegende Zahl von ihnen ist im stationären Sektor tätig. Grafik: FMH-Ärztestatistik 2014
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Der Ausländeranteil in der Ärzteschaft der Schweiz fällt regional sehr unterschiedlich aus. Besonders beliebt sind das Tessin und die Ostschweiz. In die westlichen Landesteile unseres Nachbarlandes hingegen zieht es aus dem Ausland stammende Ärzte weniger. Die überwiegende Zahl von ihnen ist im stationären Sektor tätig. Grafik: FMH-Ärztestatistik 2014

Mangel an Studienabgängern

Grund für die große Nachfrage nach ausländischen Ärzten ist vor allem der Mangel an Studienabgängern in der Humanmedizin, der die Besetzung freier Stellen in Praxen und Krankenhäusern zunehmend erschwert. „Aufgrund der demografischen Entwicklung der Bevölkerung sowie des technologischen Fortschritts wird der Bedarf an medizinischer Versorgung zudem weiter zunehmen“, ist Dr. med. Jürg Schlup, Präsident der FMH, überzeugt. Eine Nachfrage bestünde dabei sowohl an gut ausgebildeten Klinikärzten als auch an ambulant tätigen Ärzten, insbesondere Generalisten, die bereit sind, auf dem Land zu arbeiten.

Die eidgenössische Republik versuche dennoch, gleichzeitig die Neuzulassung von Ärztinnen und Ärzten im ambulanten Sektor zu steuern. „Seit 2002 besteht in der Schweiz ein sogenannter Zulassungsstopp, der immer wieder etwas anders gestaltet und stets verlängert wurde, unter anderem mit dem vermeintlichen Ziel, die Gesundheitskosten einzudämmen“, erklärt Schlup.

Der Zulassungsstopp gilt indes nur in einzelnen Kantonen und nur für Ärztinnen und Ärzte aller Fachrichtungen, die sich neu in eigener Praxis zulasten der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung niederlassen wollen, sofern sie nicht drei Jahre an einer anerkannten schweizerischen Weiterbildungsstätte gearbeitet haben. Es sei ferner zu beobachten, dass in der Schweiz tätige deutsche Ärztinnen und Ärzte vermehrt in ihr Herkunftsland zurückkehren, weil sich die dortigen beruflichen Rahmenbedingen verbessert haben.

Ärzte in der Schweiz haben mehr Zeit

Insgesamt aber sind die Arbeitsbedingungen und die Verdienstmöglichkeiten für Ärzte in der Schweiz besser als in vielen anderen europäischen Ländern. „Ärzte haben noch Zeit, sich intensiv um ihre Patienten zu kümmern, ohne deshalb Verdiensteinbußen befürchten zu müssen“, sagt Salvatore Volante, Geschäftsführer der mmconsult volante GmbH in Basel. Das Schweizer Gesundheitssystem unterscheidet sich vom deutschen ferner im Wesentlichen dadurch, dass Ärzte in der Schweiz keiner Ausgabenbudgetierung unterliegen und sich somit nicht mit Regressforderungen herumschlagen müssen.

Deutsche Ärzte sind ihren Schweizer Kollegen in der Berufsausübung zudem grundsätzlich gleichgestellt, da ihre Diplome beim Bundesamt für Gesundheit (Abteilung MEBEKO) anerkannt werden. „Auch die Erlangung der Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung ist für deutsche Staatsbürger oder Mitglieder der EU unproblematisch“, erklärt Volante.

Es bestünden zwar auch gewisse Regulierungsinstrumente, wie die Festlegung eines sogenannten Tarifpunktes durch die FMH und die Gesundheitsdirektionen der jeweiligen Kantone. „Die Kran­ken­ver­siche­rungen sind jedoch aufgrund des sogenannten Kontrahierungszwanges verpflichtet, die Kosten zu übernehmen“, betont Volante.

Laut FMH-Statistik liegt das durchschnittliche monatliche Bruttoeinkommen eines niedergelassenen Arztes in der Schweiz bei umgerechnet etwa 16 000 Euro. Allgemeinärzte kommen auf durchschnittlich knapp 15 000 Euro.

Die Einkommen schwanken allerdings je nach Spezialisierung oder je nachdem, in welchem Kanton die ärztliche Tätigkeit ausgeübt wird. Kinder- und Jugendpsychiater liegen im unteren Einkommensbereich, wohingegen Chirurgen am meisten verdienen. Dabei kann es sich auch um ein Einkommen handeln, das zusätzlich zur Niederlassung durch eine Tätigkeit im Krankenhaus als Belegarzt erzielt wird.

Steuersatz liegt bei 42 Prozent

Reine Krankenhausärzte schneiden beim Einkommensvergleich zwischen Deutschland und der Schweiz ebenfalls besser ab. Während beispielsweise das Einstiegsgehalt eines Arztes in einer deutschen Klinik brutto zwischen rund 46 600 bis 57 700 Euro pro Jahr liegt, können ärztliche Berufseinsteiger in der Schweiz umgerechnet zwischen 69 500 bis 87 100 Euro brutto verdienen, wie aus einem KPMG-Gutachten zum Vergleich europäischer Gehälter hervorgeht. Bei bis zu zwölf Jahren Tätigkeit steigen die Verdienstmöglichkeiten sogar auf maximal 251 000 Euro brutto jährlich.

Hinzu kommt, dass in Deutschland ab rund 50 000 Euro ein Steuersatz von 42 Prozent fällig ist. In der Schweiz dagegen beträgt der als „Quellensteuer“ bezeichnete Einkommensteuersatz nur einen Bruchteil des deutschen Satzes. Im Schnitt sind dies etwa 20 Prozent, wobei jedes Kanton unterschiedliche Steuersätze hat.

Fachärzte, die in einer stationären Einrichtung in der Schweiz arbeiten wollen, müssen sich allerdings auf lange Arbeitszeiten einstellen – mehr als 60 Wochenstunden und siebentägige Dauereinsätze sind nicht selten.

Je nach Region beziehungsweise Kanton sind in der Schweiz tätige Ärzte darüber hinaus berechtigt, Medikamente an ihre Patienten direkt abzugeben und zu verrechnen. Die Abrechnung erfolgt dabei entweder unmittelbar mit dem Patienten oder über eine Inkassostelle, wie die Ärztekasse, mit der Kran­ken­ver­siche­rung.

Neben guten Arbeitsbedingungen bietet die Schweiz auch eine sehr hohe Lebensqualität. Diese hat jedoch ihren Preis. Denn mit einem Preisniveau von 58 Prozent über dem EU-Durchschnitt ist die Alpenrepublik das zweitteuerste Land innerhalb Europas hinter Norwegen.

Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz sind auch hinsichtlich der Altersversorgung zu beachten. Denn anders als hierzulande kennen Schweizer Ärzte keine berufsständischen Versorgungswerke.

„In der Schweiz ist die Altersvorsorge einheitlich geregelt und nicht von der Berufsgattung abhängig“, erklärt Schlup. Sie erfolgt über ein sogenanntes Drei-Säulen-Modell, bestehend aus einer obligatorischen gesetzliche Alters- und Hinterlassenenversicherung zur Deckung des Existenzbedarfs, einer für Arbeitnehmer mit einem jährlichen Mindesteinkommen von 21 150 Franken ebenfalls obligatorischen betrieblichen Vorsorge (Pensionskasse) sowie einer freiwilligen Selbstversicherung.

Selbstständig tätige Ärzte, die keiner Pensionskasse angehören, haben über die dritte Säule die Möglichkeit, einen bestimmten steuerlich abzugsfähigen Betrag pro Jahr auf ein privates Vorsorgekonto bei ihrer Bank oder ihrer Versicherung einzubezahlen. 2015 lag das Limit bei 20 Prozent des jährlichen Erwerbseinkommens beziehungsweise maximal 33 840 Franken.

Aufwertung des Franken führt zu höheren Gehältern

Begünstigt wird die Arbeitsmarktsituation für auswanderungswillige sowie bereits in der Schweiz tätige deutsche Ärzte derzeit jedoch durch den Höhenflug des Schweizer Franken. Denn aufgrund der Aufwertung der Währung nach Aufhebung des Mindestkurses von 1,20 Franken pro Euro um rund 20 Prozent sind die Ärztegehälter in der Schweiz entsprechend gestiegen.

Hiervon profitieren in erster Linie Grenzgänger. Denn diejenigen deutschen Ärzte, die ihren Wohnsitz in Deutschland haben und nur zum Arbeiten über die Grenze fahren, kommen durch den Kurssturz des Euro gegenüber dem Franken die vergleichsweise niedrigeren Preise für Lebensmittel und Wohnraum in ihrer Heimat noch mehr als bislang zugute.

Aus Sicht der FMH ist klar, dass das Schweizer Gesundheitswesen auch weiterhin auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen sein wird, um gemeinsam mit ihren Schweizer Kollegen eine qualitativ hochstehende medizinische Versorgung zu ermöglichen. „Überaus deutlich muss aber auch gesagt werden, dass die Schweiz dringend mehr Mediziner ausbilden und mehr Medizinstudienplätze schaffen muss, um den Bedarf langfristig zu decken“, so Schlup.

Petra Spielberg

Der Ausländeranteil in der Ärzteschaft der Schweiz fällt regional sehr unterschiedlich aus. Besonders beliebt sind das Tessin und die Ostschweiz. In die westlichen Landesteile unseres Nachbarlandes hingegen zieht es aus dem Ausland stammende Ärzte weniger. Die überwiegende Zahl von ihnen ist im stationären Sektor tätig. Grafik: FMH-Ärztestatistik 2014
Der Ausländeranteil in der Ärzteschaft der Schweiz fällt regional sehr unterschiedlich aus. Besonders beliebt sind das Tessin und die Ostschweiz. In die westlichen Landesteile unseres Nachbarlandes hingegen zieht es aus dem Ausland stammende Ärzte weniger. Die überwiegende Zahl von ihnen ist im stationären Sektor tätig. Grafik: FMH-Ärztestatistik 2014
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Der Ausländeranteil in der Ärzteschaft der Schweiz fällt regional sehr unterschiedlich aus. Besonders beliebt sind das Tessin und die Ostschweiz. In die westlichen Landesteile unseres Nachbarlandes hingegen zieht es aus dem Ausland stammende Ärzte weniger. Die überwiegende Zahl von ihnen ist im stationären Sektor tätig. Grafik: FMH-Ärztestatistik 2014

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