ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2015Versorgungsplanung: Realistischere Bedarfszahlen

EDITORIAL

Versorgungsplanung: Realistischere Bedarfszahlen

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die psychotherapeutischen Praxen sind in Deutschland sehr ungleich verteilt – mit der Folge, dass die Wartezeiten auf dem Land und in den ostdeutschen Bundesländern deutlich länger sind. Zu dieser an sich nicht neuen Erkenntnis kommt die Bertelsmann Stiftung im jüngsten „Faktencheck Gesundheit“. Dabei wurde untersucht, ob die 2013 geänderte Bedarfsplanungsrichtlinie eine bedarfsgerechte Verteilung der Haus- und Fachärzte bewirkt. Ergebnis: Auch sie geht am Bedarf der Patienten vorbei. Die Facharztdichte stimmt in 75 Prozent der Kreise nicht mit dem Bedarf überein, das Stadt-Land-Gefälle in der Versorgung wird zementiert: So praktiziere die Hälfte aller niedergelassenen ärztlichen und Psychologischen Psychotherapeuten in Großstädten, obwohl dort nur ein Viertel der Bevölkerung lebt. Ursache dafür sind der Bertelsmann Stiftung zufolge die gesetzlichen Vorgaben, wonach ein Psychotherapeut in ländlichen Regionen rund 6 000 Einwohner versorgen soll, in Großstädten aber nur etwa halb so viele. Dieses geplante Ungleichgewicht wird damit begründet, dass in Städten häufiger Patienten aus dem Umland mitversorgt werden.

Eine deutlich bedarfsorientiertere Versorgung könnte nach Ansicht der Stiftung allein schon dadurch erreicht werden, dass auch bei den Psychotherapeuten – wie bei den Hausärzten – ein bundesweit einheitliches Verhältnis Arzt-zu-Einwohner festgelegt und als entscheidender Hebel für die Planung eingesetzt wird. Darüber wird zurzeit im Rahmen des GKV-Versorgungsstärkungsgesetzes diskutiert. So hat der Bundesrat verlangt, mit Hilfe von Studien zu realistischeren Bedarfszahlen zu kommen, und die Bundesregierung hat zugesichert, dies zu prüfen.

Auch Versorgungsforscher des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (ZI) haben gerade ihre Forderung erneuert, die Berechnungsgrundlage für die Bedarfsplanung generell auf den Prüfstand zu stellen. Diese Grundlage, „eine in den 1990er Jahren eingefrorene Verhältniszahl“, berücksichtige den Versorgungsbedarf nur unvollständig. Für die Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder und Jugendlichenpsychotherapeuten beruht die Verhältniszahl auf einer Stichtagsregelung, wonach die am 31. August 1999 vorhandenen psychotherapeutischen Praxen zur Grundlage für die Berechnung eines ausreichenden Bedarfs erklärt wurden. Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer kritisiert seit langem, dass diese willkürliche Festlegung den tatsächlichen Bedarf in keiner Weise widerspiegelt.

Anzeige

Mit der 2013 geänderten Bedarfsplanung würden zwar nun demografische Faktoren berücksichtigt und auf Landesebene könne von der Richtlinie abgewichen werden, argumentierten die ZI-Versorgungsforscher. Um aber beurteilen zu können, ob eine Über- oder Unterversorgung vorliegt, müssten auch Morbidität, Sozialstruktur und die Arbeitsteilung zwischen ambulantem und stationärem Sektor in die Berechnungen einfließen.

Sollte es nicht zu neuen Berechnungen kommen, fielen nach den im geplanten Versorgungsstärkungsgesetz vorgesehenen Regelungen zum Zwangsaufkauf von Arztsitzen in „überversorgten“ Gebieten 25 000 Arztsitze weg. Dies hat das ZI in einem Worst-Case-Szenario errechnet. Der Regierungsentwurf sieht nämlich vor, dass ab einem Versorgungsgrad von 110 Prozent die Zulassungsausschüsse vor Ort prüfen müssen, ob ein frei werdender Sitz aus Versorgungsgründen neu besetzt werden muss. Wenn nicht, muss die KV den Sitz aufkaufen und stilllegen. Rund 7 500 Psychotherapeutensitze wären von diesem Zwangsaufkauf betroffen.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote