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Diotima-Ehrenpreis 2015: Psychotherapie bei Psychosen

Bühring, Petra

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„Es ist unsere Aufgabe, Psychotherapie so zu gestalten, dass wir Psychosepatienten erreichen – nicht umgekehrt“, sagt Stefan Klingberg. Foto: Bundes­psycho­therapeuten­kammer
„Es ist unsere Aufgabe, Psychotherapie so zu gestalten, dass wir Psychosepatienten erreichen – nicht umgekehrt“, sagt Stefan Klingberg. Foto: Bundes­psycho­therapeuten­kammer

Prof. Dr. phil Stefan Klingberg hat einen wesentlichen Beitrag für die Psychosen-Psychotherapie geleistet und sich für die Implementierung von evidenzbasierten Forschungsergebnissen in den Behandlungsalltag eingesetzt.

Schizophrene Psychosen sind die psychischen Erkrankungen, die mit den meisten Vorurteilen belegt sind“, sagte Prof. Dr. phil. Rainer Richter anlässlich der Verleihung des Diotima-Ehrenpreises am 24. April in Berlin. „Psychosen lösen Angst aus, bei den Patienten selbst, aber auch bei allen, die ihnen begegnen“, so der scheidende Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK). Diese Angst sei der Grund für Vorurteile und Stigmatisierung – auch bei Psychotherapeuten selbst. Denn obwohl nachgewiesen sei, dass Psychotherapie in allen Phasen einer psychotischen Erkrankung wirksam sei, gehöre sie noch längst nicht zur Routinebehandlung bei Schizophrenie.

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Mit der Verleihung des Diotima-Ehrenpreises an Prof. Dr. phil. Stefan Klingberg, einen Psychotherapeuten und Wissenschaftler, der „Pionierarbeit“ in der kognitiv-behavioralen Psychotherapie von Psychosen geleistet habe, will die BPtK erneut auf dieses vernachlässigte Gebiet hinweisen. Klingberg, der an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Tübingen tätig ist, hat sich besonders für die Umsetzung neuer, evidenzbasierter Forschungsergebnisse in den Behandlungsalltag eingesetzt. Er hat maßgeblich der S3-Leitlinie Schizophrenie mitgearbeitet und ist derzeit mit der Aktualisierung beschäftigt.

Psychotische Erkrankungen zählen zu den schwersten psychischen Erkrankungen, die oft chronisch verlaufen und das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen. „Eine gute Versorgung ist auch gesellschaftlich wichtig“ sagte Richter. Denn die jährlichen Gesamtausgaben würden auf 4,4 bis 9,2 Milliarden geschätzt. Davon entfielen nur rund 20 Prozent auf die direkte Behandlung; der größte Anteil entfalle auf indirekte Kosten aus Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit und Frühverrentung.

Psychose ist ein Phänomen

„Die Psychose ist ein Phänomen oder ein Symptom, keine Diagnose. Für die Betroffenen ist sie eine kreative Lösung aus einem Dilemma“, erklärte Prof. Dr. med. Dorothea von Haebler, Oberärztin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité. Sie ist auch Vorsitzende des Dachverbands Deutschsprachiger Psychosen Psychotherapie (DDPP), deren Mitglieder das Ziel verfolgen, Psychotherapie in der Behandlung von Menschen mit Psychosen zu einem selbstverständlichen Angebot zu machen. Klingberg gehört als Mitbegründer zum Vorstand des DDPP.

Von Haebler skizzierte die stationäre Psychosenbehandlung heute: 30 bis 60 Prozent der Fälle seien Akutaufnahmen, zum Teil mit Polizeibegleitung. Die Therapie erfolge überwiegend mit Psychopharmaka. Obwohl diese hilfreich seien, um akute Symptome einzugrenzen, seien die Nebenwirkungen nicht unerheblich. Hier setze die psychotherapeutische Behandlung an. „Die Frage ist immer, wie der Zugang zu dem Patienten gelingt“, so die Ärztin. Über Krankheitseinsicht verlaufe er in der Regel nicht. Wichtig sei eine individuelle Modifikation des Psychotherapieverfahrens und ein flexibles undogmatisches Vorgehen.

Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss hat im Oktober 2014 Schizophrenie und affektive psychotische Störungen als Indikation für Psychotherapie in § 22, Absatz 4 der Psychotherapie-Richtlinie aufgenommen. Zuvor war nur die psychische Begleit-, Folge- oder Residualsymptomatik für Psychotherapie indiziert. Dennoch: „Psychosepatienten sind im ambulanten Bereich immer noch massiv unterversorgt“, kritisierte Klingberg. Sie kämen in der Richtlinienpsychotherapie nicht an. Die Schwierigkeit der Patienten, sich alleine einen Therapieplatz zu suchen, sei ein Grund. Aber: „Es ist unsere Aufgabe, Psychotherapie so zu gestalten, dass wir schizophren Erkrankte erreichen – und nicht umgekehrt“, stellte Klingberg klar. Manchmal würden Therapieplatzsuchende auch schlicht aufgrund ihrer Erkrankung abgewiesen. „Das geht gar nicht“, sagte er. Klingberg will sich deshalb weiterhin dafür einsetzen, dass die Erkenntnisse aus der S3-Leitlinie Schizophrenie Eingang in den Behandlungsalltag findet.

Petra Bühring

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