ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2015Substanzunabhängige Suchterkrankungen: Wenn der Sport das Leben dominiert

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Substanzunabhängige Suchterkrankungen: Wenn der Sport das Leben dominiert

Sonnenmoser, Marion

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„Sportsucht“ oder „exzessives Sporttreiben“ kann zu physischen, psychischen und sozialen Problemen führen, verbunden mit einer Schwächung des Immunsystems und der Chronifizierung von Verletzungen. Die Betroffenen sind häufig wenig krankheitseinsichtig und die Behandlung daher eine Herausforderung.

Sportsüchtige betreiben Sport exzessiv bis hin zur völligen körperlichen Erschöpfung. Foto: Helder Almeida
Sportsüchtige betreiben Sport exzessiv bis hin zur völligen körperlichen Erschöpfung. Foto: Helder Almeida

Sport zu treiben ist gesund, kann aber auch abhängig machen. Noch ist die Sportsucht eine relativ neue Erscheinung, doch sie könnte bald schon zu einem Massenphänomen werden, weil das Sporttreiben „in“ ist. Das belegt zum Beispiel die rapide Zunahme von Volksläufen oder Fitnessstudios. Wo so viele rennen, stemmen und schwitzen, wird auch falsch trainiert und übertrieben, und so mancher entsprechend disponierte Sportler entwickelt eine Abhängigkeit. Momentan geht man davon aus, dass etwa ein Prozent der Sporttreibenden süchtig ist. Da die Sportsucht allerdings noch kaum bekannt, nur schwer zu diagnostizieren und auch nicht als psychische Störung offiziell anerkannt ist, dürfte die Zahl der Betroffenen weitaus höher liegen als momentan festgestellt werden kann.

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Für die Sportsucht werden auch Begriffe wie „Fitnesssucht“ und „exzessives Sporttreiben“ verwendet. Sie gilt als substanzungebundene Abhängigkeit und kann in jeder Sportart auftreten; wissenschaftlich untersucht wird sie aber vor allem bei Läufern und Triathleten. Bei Frauen tritt sie gehäuft im Alter zwischen 15 und 25 Jahren auf, bei Männern zwischen 30 und 50 Jahren. „Erfolgserlebnisse, Leistungsdruck und sehr lange und häufige Trainingseinheiten erhöhen das Risiko, an Sportsucht zu erkranken“, sagen die amerikanischen Psychologen Jason Youngman und Duncan Simpson von der Barry University (Miami, USA).

Perfektionismus und Ehrgeiz verstärken Tendenzen

Charakteristisch für Sportsüchtige ist, dass der Sport zum zentralen Lebensinhalt geworden ist und jeden anderen Aspekt ihres Lebens beeinflusst. Soziale Kontakte, berufliche Ambitionen und andere Hobbys werden zugunsten des Sports vernachlässigt oder aufgegeben. Die Betroffenen beschäftigen sich gedanklich auch dann mit Sport, wenn sie gerade etwas andere tun, und betreiben einen hohen Aufwand für die Planung und Durchführung sportlicher Aktivitäten. „Bestimmte Persönlichkeitseigenschaften verstärken diese Tendenzen. Dazu zählen beispielsweise Rigidität, Perfektionismus, Ehrgeiz, Anspruchsdenken, Konformismus und das Bedürfnis nach Aufregung (Sensation Seeking)“, berichten dänische Psychologen und Psychiater um Mia Beck Lichtenstein von der University of Southern Denmark. Sportsüchtige empfinden einen zwanghaften Drang, sich sportlich zu betätigen, den sie nicht kontrollieren können. Sie treiben Sport in einem exzessiven Ausmaß bis hin zur völligen körperlichen Erschöpfung. Sie haben jegliches Maß für gesunde und vernünftige Bewegung verloren, ignorieren körperliche Warnsignale und trainieren trotz Schmerzen und Verletzungen weiter. Außerdem versuchen sie, ihre Belastung kontinuierlich zu steigern. Wenn sie daran gehindert werden, Sport zu treiben, treten körperliche und psychische Entzugserscheinungen auf, wie zum Beispiel Nervosität, Schlafstörungen, Schuldgefühle und Depressionen. Aber auch wenn sie sich sportlich betätigen, leiden sie häufig unter emotionalen Befindlichkeitsstörungen und Stimmungsschwankungen. Letztlich führt die Sportsucht zu zahlreichen physischen, psychischen, sozialen und beruflichen Problemen, begleitet von körperlicher Erschöpfung, der Schwächung des Immunsystems, der Chronifizierung von Verletzungen sowie teilweise irreparablen Schäden an Gelenken, Knochen, Sehnen und Bändern.

Trotz solcher Nachteile und Schädigungen sind viele Sportsüchtige nicht krankheitseinsichtig und nur schwer zu behandeln. Denn exzessives Sporttreiben verschafft ihnen in verschiedenen Bereichen subjektiv empfundene Vorteile:

So kann intensiv betriebener Sport beispielsweise zu Ausschüttungen körpereigener Hormone führen. Maßgeblich ist hier vor allem das Beta-Endorphin, das an der Regulierung von Schmerzen und Belastungsempfinden sowie an der Entstehung rauschähnlicher Bewusstseinszustände (sogenanntes Runnerʼs High) beteiligt ist. Eine ähnliche Rolle wird auch verschiedenen Transmittern (Noradrenalin, Adrenalin, Serotonin) zugeschrieben. Darüber hinaus trägt das Flow-Gefühl dazu bei, dass Sportler sich schwerelos, glücklich und körperlich unbesiegbar fühlen. Es ist nachvollziehbar, dass sie diesen Zustand so oft wie möglich herstellen wollen und nach den rauschproduzierenden körpereigenen Substanzen süchtig werden.

Sport dient den Betroffenen auch dazu, sich Erfolgserlebnisse und soziale Anerkennung zu verschaffen, die ihnen in anderen Lebensbereichen eventuell versagt bleiben. Sie kompensieren Defizite, Schwächen und Misserfolge durch Sport und nutzen ihn dazu, um sich selbst etwas zu beweisen und ihr Selbstbewusstsein zu steigern. Der Sport verschafft ihnen Erfolgserlebnisse und gibt ihnen das Gefühl, Kontrolle über ihren Körper und ihr Leben zu haben. Darüber hinaus ermöglicht der Sport es ihnen, negative Affekte zu regulieren sowie Probleme zu leugnen und zu meiden.

Sport zu treiben dient darüber hinaus der Huldigung des modernen Lebensstils, dessen Ideale Leistung, Fitness, Schönheit, Gesundheit und ewige Jugend sind. Wer Sport treibt, ist angesehen, wird gesellschaftlich geachtet und bewundert und zeigt, dass er diesen Idealen nacheifert.

Oftmals gestörte Körperwahrnehmung

Den meisten Sportsüchtigen geht es nicht um den Sport an sich, sondern um die beschriebenen Wirkungen. Eine besondere Rolle spielt dabei der Wunsch nach Körperformung: Sport soll dazu verhelfen, schlank zu werden oder zu bleiben und Muskeln aufzubauen, um dem Schönheitsideal zu entsprechen. Dahinter steht oft eine gestörte Körperwahrnehmung und ein geringes Selbstwertgefühl. Da normal durchgeführter Sport nicht unbedingt zur Idealfigur führt, wird er im exzessiven Ausmaß betrieben. Außerdem werden Medikamente zum Muskelaufbau, zur Fettverbrennung und zur schnelleren Ausscheidung von Kalorien eingenommen, die nicht unbedenklich sind. Darüber hinaus betreiben die Betroffenen spezielle Diäten, um das Körpergewicht immer weiter zu verringern und ihren Körper zu kontrollieren. Hieraus entwickeln sich nicht selten Zwangs-, Körperbild- und Essstörungen.

Zu den mit Sportsucht häufig assoziierten Essstörungen zählen die Anorexia nervosa, die Bulimie und die Anorexia athletica. Letztere ist eine ausschließlich sportinduzierte Essstörung, die unter anderem bei Balletttänzern, Skispringern und Bodenturnern häufig zu beobachten ist. Den Betroffenen geht es darum, ein geringes Körpergewicht zu erreichen oder zu erhalten und zugleich die sportliche Leistungsfähigkeit zu optimieren. Hierzu wird weniger Energie aufgenommen als der Körper bedarf, und es werden leistungsfördernde Substanzen missbräuchlich eingenommen. Mit Essstörungen geht in diesem Zusammenhang oft die Muskeldysmorphie (Adonis-Komplex) einher. Es handelt sich hierbei um eine Körperbildstörung, bei der die Sucht nach einem muskulösen und perfekten Körper im Vordergrund steht.

Dysfunktionalität als Diagnosekriterium

Eine Sportsucht zu diagnostizieren ist nicht einfach, weil es nur wenige eindeutige Kriterien gibt. So ist beispielsweise das reine Ausmaß des Trainings, das in Form von Stunden oder Kalorienverbrauch quantifiziert werden kann, kein verlässlicher Indikator. Es kann höchstens als Ausschlusskriterium dienen, wenn nämlich ein eher niedriges Ausmaß vorliegt. Als diagnostisches Kriterium kann hingegen zum Beispiel die Funktionalität oder Dysfunktionalität des Verhaltens herangezogen werden. Das Sporttreiben ist dysfunktional, wenn eine übermäßige Bindung an das Verhalten besteht und der Betroffene das Verhalten nicht beenden kann oder will. Neben fehlender Kontrolle sind es vor allem körperliche, soziale und psychische Schädigungen, Maßlosigkeit, das innere Erleben und die oben beschriebenen Phänomene, die auf einen suchtartigen Charakter des Sporttreibens hindeuten. Zur klinischen Diagnostik der Sportsucht liegen hauptsächlich englischsprachige Fragebögen vor, die zu Forschungszwecken entwickelt wurden. Es mangelt hingegen an deutschsprachigen Instrumenten, die sich für die klinische Praxis eignen. Daher kommt anderen Diagnosemethoden wie dem diagnostischen Interview, den Berichten von Trainern, Partnern und Familienangehörigen sowie der körperlichen Diagnostik eine große Bedeutung zu.

„Für die Sportsucht liegen weder systematische therapeutische Empfehlungen vor noch in der Praxis erprobte oder gar evidenzbasierte Verfahren”, sagt Prof. Dr. Jens Kleinert, Professor für Sport- und Gesundheitspsychologie an der Deutschen Sporthochschule Köln. Aus diesem Grund werden Elemente aus unterschiedlichen erprobten Therapieverfahren herangezogen wie zum Beispiel aus der kognitiven Verhaltenstherapie oder aus der Verhaltensmedizin. Zu Beginn geht es darum, eine Krankheitseinsicht zu erarbeiten und eine Therapiemotivation aufzubauen. Dann wird mit konkreten Verhaltensänderungen versucht, das Suchtschema zu durchbrechen. Beispielsweise wird dem Betroffenen geraten, sein Trainingspensum allmählich zu verringern. Dies kann er mit einem Tagebuch, in das er seinen Trainingsumfang notiert, überprüfen. Er sollte außerdem Bewegungsabläufe variieren oder zu anderen Sportarten wechseln und diese weniger extrem und leistungsorientiert ausüben. Um das Einzelkämpfertum und die psychische Eingeschlossenheit und Fixierung zu reduzieren, werden dem Abhängigen Gruppensportarten empfohlen. Gruppensportarten haben allgemein ein geringeres Suchtpotenzial als Einzelsportarten, weil es hier weniger auf die Leistung des Einzelnen ankommt und weil eine soziale Kontrolle vorhanden ist. Der Sportler sollte sich zudem neue Ziele setzen, zum Beispiel sollte es ihm weniger um Leistung und dafür mehr um Wohlbefinden und Gruppenerlebnisse gehen. Darüber hinaus sollte der Betroffene wieder einen Zugang zu seinen Körperwahrnehmungen finden und ihnen folgen. Zum Beispiel sollte er es bewusst wahrnehmen, wenn er erschöpft ist, und sich dann ausreichend erholen, statt weiter zu trainieren. Hierzu können Entspannungs- und körpertherapeutische Verfahren begleitend eingesetzt werden.

Daneben sollten sich der Betroffene alternative Aktivitäten und Beschäftigungen in der Freizeit, dem Privat- und Berufsleben suchen, die ihm auch ohne Sport Erfolgserlebnisse und ein positives Körpererleben vermitteln, sein Selbstkonzept verändern, ihm bei der Affektregulierung helfen und ihm das Gefühl von Kompetenz, Zugehörigkeit und Autonomie vermitteln. Zusätzlich kann es notwendig sein, komorbide Störungen zu behandeln und soziale Unterstützung zu aktivieren.

Interdisziplinäre Kooperation mit Sportmedizinern

Die Behandlung Sportsüchtiger bedarf viel Geduld und ist nicht immer von Erfolg gekrönt, da die Betroffenen ihren Leidensdruck oft lange ignorieren und die verstärkenden Anreize, um das Suchtverhalten aufrechtzuerhalten, zahlreich und attraktiv sind. Psychologen und Psychotherapeuten müssen bei der Behandlung Sportsüchtiger oft Neuland betreten, was mitunter schwierig, aber auch eine interessante Herausforderung sein kann. Darüber hinaus ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Psychologen, Psychotherapeuten, Sportmedizinern, Trainern in Sportvereinen und Fitnessstudios und anderen Personen, die im Sportbereich tätig sind, unerlässlich. Dringend notwendig sind aber vor allem brauchbare Diagnoseinstrumente, spezifische Interventionen, spezialisierte Behandler sowie psychologisch-psychotherapeutische Anlauf- und Beratungsstellen für Personen, die befürchten, dass der Sport ihr Leben dominiert.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

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