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Stressprävention: Fünf Strategien mit Komplexität richtig umzugehen

Dtsch Arztebl 2015; 112(20): [2]

Madel, Michael

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Die Belastungen für Ärzte wachsen ständig, Anforderungen werden zeitraubender, Stress droht. Dabei geht es nicht nur um Medizinisches, sondern auch um den Umgang mit Patienten und das Privatleben.

Foto: picture alliance
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Wenn sich Ärzte zuweilen überfordert fühlen, stellt sich die Frage: Welche Möglichkeiten gibt es, mit Komplexität umzugehen?

Strategie 1: Komplexität managen

Zunächst einmal muss man akzeptieren, dass die Welt immer komplexer wird. Gut ist, sich Maßnahmen zu überlegen, um diese Komplexität zu managen und angemessen mit ihr umzugehen. Der Arzt kann zumindest einen Beitrag dazu leisten, Komplexität nicht willentlich noch zu vergrößern. So ist es nicht notwendig, bürokratische Strukturen in Klinik oder Praxis zu befördern. Besser ist, diese abzubauen, wo immer das möglich ist. Im Qualitätsmanagement sollte sichergestellt sein, dass neue Dokumentationspflichten keine neuen bürokratischen Stolpersteine aufbauen, sondern Arbeitsabläufe und Arbeitsprozesse derart effizient werden, dass sie letztendlich dem Patienten zugutekommen. Grundsätzlich lautet die Frage: Ist der Veränderungsprozess notwendig oder steigert er auf unzulässige Weise die Komplexität, wiegt sein Nutzen jene Steigerung mehr als auf?

Strategie 2: Komplexität vermeiden

Ein weiteres konkretes Beispiel ist die Sprache des Arztes: Mit einer bildhaften und anschaulichen Sprache, mit Visualisierungstechniken, umfassender Information und treffenden Vergleichen gelingt es, Komplexität zu reduzieren und in der Sprache und Vorstellungswelt des Patienten zu argumentieren. Der einfachste Weg besteht darin, Komplexität von vornherein zu vermeiden, indem sich der Arzt auf seine Kernaussagen beschränkt. Dazu lässt er verwirrende und überflüssige Details und Nebenaspekte beim Erläutern medizinischer Sachverhalte außen vor. Wenn der Patient nachfragt, geht der Arzt allerdings ins komplexe Detail. Wichtig ist überdies die Regel „Verständlichkeit geht vor Ausführlichkeit“. Natürlich darf der Arzt beim Versuch, sich anschaulich zu äußern, Aussagen und Informationen nicht unzulässig verkürzen. Es gilt jedoch: Auch das Komplizierte lässt sich oft einfach sagen.

Strategie 3: Komplexität reduzieren

Die sogenannte Entschleunigung ist eine weitere Option, mit Komplexität umzugehen. Der prinzipiellen Beschleunigung des Lebens setzt der Arzt den Willen entgegen, sich in bestimmten Situationen Zeit zu lassen und Zeit zu nehmen und sich von dem Druck zu befreien, zum Beispiel ständig in den sozialen Medien präsent zu sein. Das Entschleunigungsprinzip kann weitreichende Folgen haben, weil es auch bedeutet, zuweilen „Fünf gerade sein zu lassen“ und sich etwa vom Hang zum Perfektionismus zu verabschieden. Dabei sei ausdrücklich betont: Sowohl für diese Strategie als auch für die anderen genannten Hinweise gilt, das Wohl des Patienten darf niemals in Gefahr geraten. Der Arzt ist selbstverständlich verpflichtet, bei Entscheidungen, die den Patienten betreffen, alle medizinisch relevanten Informationen heranzuziehen und zu berücksichtigen. Wenn er jedoch zum Beispiel eine Entscheidung in der Mitarbeiterführung zu treffen hat, ist es schon erlaubt, das Entschleunigungsprinzip aus Zeitgründen und Gründen der Komplexitätsreduktion zu berücksichtigen.

Strategie 4: Komplexität außen vor lassen

Es gibt Situationen, in denen es richtig ist, Entscheidungen zu fällen, ohne alle Fakten zu kennen und zu berücksichtigen. Beispiel Mitarbeiterführung: In komplexen Konfliktsituationen etwa, in denen die Beziehungsebene zwischen Mitarbeitern in arge Mitleidenschaft gezogen wird, ist es kontraproduktiv, wenn sich der Arzt in alle Einzelheiten des Konflikts vertieft, um eine möglichst ausgewogene und gerechte Entscheidung anzustoßen. Abgesehen davon, dass dies insbesondere bei komplexeren Mitarbeiterkonflikten kaum möglich ist, besagt die Komplexitätsforschung: Oft ist es besser, nur einen kleinen Anstoß zu geben, um die Selbstheilungs- und Selbstregulierungskräfte eines Systems in Gang zu setzen und wirken zu lassen. Betrachtet man das Mitarbeitergefüge als solch ein System, könnte es genügen, wenn der Arzt deutlich und entschieden darauf hinweist, dass der Konflikt keinesfalls die Patientenbeziehungen stören darf und der Streit nicht eskalieren sollte. Er kann die Streithähne auffordern, sich, eventuell unter Begleitung einer dritten Person, zusammenzusetzen und das Problem aus der Welt zu schaffen. Der Arzt setzt so lediglich einen kleinen Impuls und stößt eine Entwicklung an, lässt aber den Dingen ansonsten seinen Lauf.

Strategie 5: Komplexität aushalten

Ab und an genügt es nicht, Komplexität nur zu akzeptieren. Manchmal muss der Arzt die Stärke aufbringen, sie auszuhalten. Dazu gehört, in komplexen Entscheidungsprozessen auch einmal nicht zu entscheiden. Natürlich tendiert man dazu, Partei zu ergreifen, sich eine Meinung zu bilden und für eine Alternative zu entscheiden und andere auszuschließen. Man wünscht sich Klarheit und Sicherheit und ist nicht in der Lage, Unsicherheit und Widersprüche zu ertragen. Komplexe Situationen sind aber oft eben dadurch geprägt – Unsicherheit, Zweideutigkeit, Widersprüche. Und dies muss man dann aushalten.

Eine Methode Komplexität auszuhalten, besteht darin, zum Perspektivenwechsel fähig zu sein. Wer zu eindimensional denkt und die Dinge aus einem oder nur wenigen Blickwinkeln aufzunehmen und zu interpretieren fähig ist, stößt rascher an Komplexitätsgrenzen als derjenige, der die Kompetenz zum flexiblen Denken besitzt und überdies weiß, dass sich manche Entwicklungen nicht kontrollieren lassen. Natürlich ist das einfacher gesagt und gefordert als getan.

Dr. Michael Madel

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