ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2015Pharmakotherapie des Morbus Parkinson: Safinamid mit dualem Mechanismus

PHARMA

Pharmakotherapie des Morbus Parkinson: Safinamid mit dualem Mechanismus

Arand, Manuela

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Durch die Hemmung von MAO-B wird mehr Dopamin zur Verfügung gestellt, die Modulation von Glutamat reduziert motorische Komplikationen im Verlauf.

Dem Morbus Parkinson liegt eine komplexere Neurotransmitter-Störung zugrunde als lange Zeit angenommen. Betroffen sind cholinerge, adrenerge und noradrenerge, serotonerge und vor allem glutamaterge Neuronen, erklärte Prof. Dr. med. Dirk Woitalla, Essen. Zwar steht zunächst der fortschreitende Verlust dopaminerger Neuronen im Vordergrund. Um diesen auszugleichen, wird der fehlende Neurotransmitter mit L-Dopa und Dopaminagonisten direkt ersetzt, zusätzlich kann der Dopaminabbau durch COMT- und MAO-B-Hemmer gebremst werden.

Zu Beginn der Erkrankung können Fluktuationen im Wirkstoffspiegel noch durch endogenes Dopamin ausgeglichen werden. Das gelingt mit zunehmender Krankheitsdauer jedoch immer schlechter; motorische und nichtmotorische Komplikationen wie On-Off-Phänomene und Dyskinesien sind die Folge. Parallel kommt es zu einer überschießenden Glutamat-Freisetzung, was wesentlich zur Entstehung der motorischen Komplikationen beiträgt.

Anzeige

Diese Symptome können laut Woitalla durch Änderungen in der dopaminergen Medikation nur unzureichend behandelt werden, sodass sich der Blick zunehmend auf nichtdopaminerge Neurotransmitter-Systeme richtet. Dass die Modulation der glutamatergen Transmission eine wichtige Rolle spielen könnte, zeigen Behandlungserfolge mit Amantadin, das allerdings unspezifisch wirkt und daher relativ häufig zu unerwünschten Wirkungen führt. Eine Überaktivität glutamaterger Rezeptoren wird zudem häufig im Zusammenhang mit L-Dopa-induzierten Dyskinesien beobachtet.

Safinamid (Xadago®), das als Add-on zu einer stabilen L-Dopa-Therapie zugelassen ist, besitzt selbst keine Affinität zu Dopamin- oder anderen Neurotransmitter-Rezeptoren. Es bewirkt einerseits eine hoch selektive Hemmung der MAO-B, die – anders als bei den reinen MAO-B-Hemmern – reversibel ist, sodass sich eine diätetische Tyramin-Restriktion erübrigt.

Andererseits blockiert Safinamid den präsynaptischen Natrium/Kalzium-Einstrom in glutamatergen Neuronen, dies aber nur bei hochfrequenten Entladungen. Die normale glutamaterge Aktivität wird daher nicht vermindert, wohl aber die überschießende. „Safinamid ist die erste Substanz, die die gestörte Balance zwischen verringertem dopaminergem Tonus und gesteigerter Glutamatfreisetzung wiederherstellt“, so Woitalla.

Unterschied nach vier Wochen

Die Zulassung basiert auf drei Studien, berichtete Prof. Dr. med. Heinz Reichmann, Dresden. Für die dreiarmige Phase-III-Studie 016 wurden 669 Patienten rekrutiert und erhielten zunächst für sechs Monate 50 respektive 100 mg Safinamid oder Placebo. Unter Verum nahm die tägliche On-Zeit von 9,5 auf elf Stunden zu (primärer Wirksamkeitsendpunkt), wobei der Unterschied gegen Placebo bereits nach vier Wochen signifikant wurde. Safinamid erwies sich zudem als überlegen bei der Besserung motorischer Symptome (UPDRS-III-Score) und des klinischen Gesamteindrucks (CGI-Severity Score) und beim Anstieg der Lebensqualität (PDQ-39-Score). Die Verlängerungsstudie 018 zeigte, dass diese Effekte auch langfristig über insgesamt zwei Jahre erhalten blieben. Die beiden untersuchten Safinamid-Dosen unterschieden sich bei der Wirkung auf Motorik und CGI kaum, aber bei der Lebensqualität schnitt die höhere Dosierung deutlich besser ab, weshalb im klinischen Alltag die 100-mg-Gabe angestrebt werden sollte, so Reichmann.

In der dritten placebokontrollierten Studie SETTLE wurden 549 stabil auf L-Dopa eingestellte Patienten behandelt. Hier wurde Safinamid bei allen Verum-Patienten auf 100 mg hochtitriert. Die Resultate hinsichtlich On-Off-Zeiten und Symptomatik fielen vergleichbar aus wie in 016 und 018. Auch gab es keine überraschenden Signale hinsichtlich des Nebenwirkungsprofils. Nach Einschätzung beider Neurologen stellt Safinamid eine sinnvolle Option für Patienten dar, deren motorische Symptome unter L-Dopa unzureichend kontrolliert sind. Ein weiteres Einsatzgebiet könnten Parkinson-Patienten mit komorbider Depression darstellen, da die reversible MAO-B-Hemmung auch die Kombination mit SSRI ermöglicht, ohne ein Serotonin-Syndrom zu riskieren.

Manuela Arand

Quelle: Pressekonferenz „Parkinson-Therapie: Xadago® – ein neues Medikament mit dualem Wirkmechanismus“, 9. Deutscher Parkinson-Kongress, Berlin, Veranstalter: Zambon.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote