ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2015Waltraut Kruse: Als Hausärztin die Psyche im Blick

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Waltraut Kruse: Als Hausärztin die Psyche im Blick

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Prof. Dr. med. Waltraut Kruse (90) engagierte sich früh dafür, dass das Fach Allgemeinmedizin als Lehrfach angeboten wurde. Ihr ist es zu verdanken, dass das Curriculum „Psychosomatische Grundversorgung“ Eingang in die Versorgung fand. Foto: privat
Prof. Dr. med. Waltraut Kruse (90) engagierte sich früh dafür, dass das Fach Allgemeinmedizin als Lehrfach angeboten wurde. Ihr ist es zu verdanken, dass das Curriculum „Psychosomatische Grundversorgung“ Eingang in die Versorgung fand. Foto: privat

Prof. Dr. med. Waltraut Kruse (90) engagierte sich früh dafür, dass das Fach Allgemeinmedizin als Lehrfach angeboten wurde. Ihr ist es zu verdanken, dass das Curriculum „Psychosomatische Grundversorgung“ Eingang in die Versorgung fand.

Psychische Erkrankungen werden zunehmend häufig diagnostiziert, meistens zuerst vom Hausarzt. Prof. Dr. med. Waltraut Kruse hat schon in den Siebzigerjahren erkannt, wie wichtig psychotherapeutische Kenntnisse für einen Allgemeinmediziner sind. In einer Zeit, als eine Weiterbildung in diesem Fach selten war, erwarb die engagierte Hausärztin die Zusatzqualifikation „Psychotherapie“. Ihr ist es zu verdanken, dass das Curriculum „Psychosomatische Grundversorgung“ der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) Eingang in die haus- und fachärztliche Versorgung fand. Und auch der mehrtägige Fortbildungskongress „Westdeutsches Psychotherapieseminar“ in Aachen ist untrennbar mit ihrem Namen verbunden.

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Waltraut Kruse wurde am 12. März 1925 in Walheim bei Aachen als Ältestes von sieben Kindern geboren. Ihr Vater war Kaufmann, ihre Mutter versorgte die Familie und war Stadträtin in Aachen. Der frühe Tod ihres damals sechsjährigen kleinen Bruders, der innerhalb weniger Wochen an Nierenkrebs verstarb, war der Auslöser für ihren späteren Berufswunsch der Ärztin. Die Arbeit als Rot-Kreuz-Helferin zum Ende des Zweiten Weltkrieges hat diesen Wunsch bestärkt. Nach Kriegsende erhielt sie einen Studienplatz an der Medizinischen Fakultät der Universität Frankfurt am Main. Mit dem Staatsexamen und der Dissertation „Die Pest in Aachen und im angrenzenden Rheinland“ schloss sie ihr Studium ab.

1949 heiratete Waltraut Kruse den Landarzt Dr. med. Herbert Kruse. Sie bekamen vier Söhne in den Jahren 1951 bis 1955, die heute alle im medizinischen Bereich arbeiten. Fast zeitgleich begann sie ihre Ausbildung als Medizinalassistentin am „Mariannen-Institut“ Aachen. 1971 ließ sie sich als Fachärztin für Allgemeinmedizin in der Landarztpraxis ihres Ehemannes in Aachen-Walheim nieder, die die beiden dann als Gemeinschaftspraxis weiterführten. Im Alter von 62 Jahren starb ihr Mann, und Sohn Dr. med. Thomas Kruse führte die hausärztliche Praxis weiter. Waltraut Kruse erwarb die Zusatzqualifikation „Psychotherapie“.

Im Jahr 1976 wurde Kruse mit der Leitung des Lehrgebietes Allgemeinmedizin der Medizinischen Fakultät der Rheinisch-Westfälischen-Technischen Hochschule (RWTH) Aachen betraut. Sieben Jahre später wurde sie dort zur Honorarprofessorin ernannt. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Hochschullehrertätigkeit war die Betreuung von Doktoranden und die intensive Unterstützung für das hausärztliche Fachgebiet. Die Suchtprophylaxe, die Familienmedizin und die Prävention im Kindes- und Jugendalter trieb sie ebenfalls voran. Einer ihrer Tätigkeitsschwerpunkte war die Fortentwicklung des Autogenen Trainings bei der Behandlung psychosomatischer Störungen im Kindes- und Jugendalter. Sie hatte einen entscheidenden Anteil an der Entwicklung dieser Bereiche in der Ausbildung der angehenden Ärzte an der Fakultät.

Ebenfalls 1976 gründete sie mit anderen das „Westdeutsche Psychotherapieseminar“, ein Fortbildungskongress, der Teilnehmer aus dem ganzen Bundesgebiet anzieht. Sie ist heute dessen Ehrenvorsitzende.

Beeinflusst durch ihre Mutter entschied sich Kruse Anfang der Siebzigerjahre für ein politisches Amt. 1975 gelang ihr bei der Kommunalwahl der Sprung in den Stadtrat und 1979 wurde sie als erste Frau in Aachen zur Bürgermeisterin gewählt und blieb dann für weitere zehn Jahre im Amt. Über fast drei Jahrzehnte war sie Hausärztin, Hochschullehrerin und Politikerin – Aufgaben, die sie sehr forderten und die sie alle mit Bravour meisterte. Zusätzlich übernahm sie zahlreiche ehrenamtliche Aufgaben als Mitglied oder Vorsitzende verschiedener Fachorganisationen und wurde für ihren unermüdlichen Einsatz mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt.

Waltraut Kruse hat sich Zeit ihres Lebens für die Fortbildung junger Ärzte eingesetzt; vor allem die Förderung von Frauen im ärztlichen Beruf lag ihr dabei am Herzen. Sie kann mit 90 Jahren auf ein in jeder Hinsicht bemerkenswertes Lebenswerk zurückblicken. Und nach wie vor ist sie in der hausärztlichen Gemeinschaftspraxis mit ihrem Sohn Thomas in Aachen-Walheim für ihre Patienten da.

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