ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2015Deutscher Ärztetag: Alles andere als Routine

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Deutscher Ärztetag: Alles andere als Routine

Dtsch Arztebl 2015; 112(20): A-883 / B-743 / C-719

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Ärztliche Interessenvertretung funktioniert nicht als Routine, sie ist mehr als kontrovers geführte Diskussion zu aktueller Gesundheitspolitik. Genau das zeigt der diesjährige 118. Deutsche Ärztetag in Frankfurt.

Die Personaldiskussionen im Lager der Kassenärztlichen Vereinigungen im Vorfeld des Ärztetages waren unüberhörbar. Vor Beginn der Ver­tre­ter­ver­samm­lung (VV) der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), vor Eröffnung des Ärztetages in der Frankfurter Paulskirche schien der Schlagabtausch unterschiedlicher ärztlicher Interessengruppen vielen als zu heftig. Dennoch: Erklärungen des KBV-Vorstandsvorsitzenden Dr. med. Andreas Gassen im öffentlichen wie auch im geschlossenen Teil der KBV-VV sorgten für Transparenz und ermöglichten den notwendigen Blick nach vorn.

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Nicht ohne Grund verwies der VV-Vorsitzende Dipl.-Psych. Hans-Jochen Weidhaas in seinen einführenden Worten auf einen historischen Erfolg der Ärzteschaft im Jahr 1960. Damals schafften es die Ärzte durch geschlossenes Auftreten gegenüber dem als rigoros bekannten Bundeskanzler Konrad Adenauer, eine für sie schädliche Reform abzuwehren. Das Ergebnis: Nach einem offenen Gespräch war die für die Vertragsärzte gefährliche Blanksche Reform erfolgreich vom Tisch, das Ereignis wurde Legende. Tempi passati?

Sicher, heute ist das Sozialgesetzbuch um etliches dicker, die Regulierungswut größer, die Komplexität des Gesundheitswesens undurchschaubarer. Aber Weidhaas’ Reminiszenz mahnt berufsständisch Essenzielles an: Wer Selbstverwaltung gegenüber der Politik durchsetzen will, sollte geschlossen auftreten.

Aufgabe der ärztlichen Selbstverwaltung auf dem Deutschen Ärztetag ist die Standortbestimmung des Berufsstandes, die Verabschiedung von Beschlüssen zu einer patientengerechten medizinischen und psychotherapeutischen Versorgung, aber auch die Abstimmung von Wegen und Zielen, die gemeinsames Handeln erst möglich machen. Es geht um das Selbstverständnis des Berufsstandes in dieser Gesellschaft, um konstruktive Diskussionen.

Falsch wäre es, den berufspolitischen Vertretern zu unterstellen, sie hätten ihre Hausaufgaben nicht gemacht: Bundes­ärzte­kammerpräsident Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery fand zur Eröffnung des Ärztetages in der Frankfurter Paulskirche im Beisein von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe hierfür klare Worte: Manche Vorhaben, wie die Zwangsregelung zum Terminservice, seien „Humbug, rein populistische Schachzüge“. Mehr noch: Oft seien es die Ärzte, die Probleme aufzeigten und Lösungsansätze böten, nicht die Politik.

Ob erzwungener Praxisaufkauf via Versorgungsstärkungsgesetz, Fehlansätze in der Krankenhausreform, ob allgemein- oder fachärztliche Weiterbildung, Palliativdiskussion oder ärztliche Kommunikation – um nur einige Themen, die in Frankfurt diskutiert und in Beschlüsse umgesetzt werden, zu nennen – überall hat die Ärzteschaft Stellung bezogen, gewarnt, erklärt und durchaus Erfolge erzielt. Dass dabei die Forderungen der ärztlichen Gruppierungen, so unterschiedlich sie in Frankfurt auf den ersten Blick scheinen, in der Sache so divers gar nicht sind, dass ernsthaft um gemeinsame Beschlüsse gerungen wird, dass auch an Selbstkritik nicht gespart wird, muss Mut zum Konsens machen, Mut zur Konzentration auf etwas Wesentliches, das alle Ärzte im Ziel sicherlich eint: Das Wohl der Patienten.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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Avatar #672734
isnydoc
am Sonntag, 17. Mai 2015, 16:04

Schädliche Reform unter Adenauer 1960?

Das lässt sich auch ganz anders sehen. Was strebte man damals bei der Reform an?
Unter anderem eine "Selbstbeteiligung" des Patienten an den Kosten bei Inanspruchnahme von Leistungen, heute zahlen dafür dienstverpflichtete Kassenärzte für den Notfalldienst zu dem man sie einteilt!
Ja, so ändern sich die Zeiten - Reminiszenz 1960:
"Die im Kassenarztrecht von 1955 verankerte starke Stellung der Kassenärztlichen Vereinigungen gegenüber den gesetzlichen Krankenkassen führte bereits seit 1957 dazu, daß man im Arbeitsministerium ein Kran­ken­ver­siche­rungs-Neuregelungsgesetz (KVNG) in Angriff nahm, mit dem die Verhandlungsposition der Krankenkassen gestärkt und einem zu raschen Anstieg der kassenärztlichen Gesamtvergütung entgegengewirkt werden sollte. Daß man bei der Neuregelung gleichzeitig anstrebte, die Versicherten aus Gründen der Kostendämpfung bei Inanspruchnahme des Arztes zu einer Selbstbeteiligung heranzuziehen, erwies sich als ein schwerwiegender taktischer Fehler, da hierdurch eine breite Ablehnungsfront, von den Gewerkschaften über die SPD bis zu den Ärzteverbänden, gegen das Gesetzesvorhaben geschaffen wurde."
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 15. Mai 2015, 09:22

Aus meiner Sicht leider eine Fehleinschätzung,

denn unsere berufspolitischen Vertreter haben in der Tat z. B. bei der GOÄ-neu "ihre Hausaufgaben nicht gemacht": Dass Bundesärztekammerpräsident Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery zur Eröffnung des Ärztetages in der Frankfurter Paulskirche im Beisein von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe klare Worte fand, lag doch nur daran, dass er von seinem unsäglich verunglückten "Klempner"-Vergleich bei der Sterbehilfe-Debatte ablenken musste, um wiedergewählt zu werden. Und die These: "Oft seien es die Ärzte, die Probleme aufzeigten und Lösungsansätze böten, nicht die Politik", ist eher eine Reminiszenz an die Medizin-Professoren Dr. med. Rudolf Virchow. und Dr. med. Robert Koch als an die Zeiten des Niedergangs, die nicht zuletzt mit Bundesärztekammer-Präsident Professor Dr. med. Sewering und Prof. Dr. med. Karsten Vilmar ("Häuptling Silberlocke") eingeleitet wurden.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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