ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2015Technische Assistenzsysteme: Gut vernetzt im Quartier

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Technische Assistenzsysteme: Gut vernetzt im Quartier

Krüger-Brand, Heike E.

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Interdisziplinäre Konzepte von Wohnungs-, Gesundheits- und Pflegewirtschaft sollen dazu beitragen, die komplexen Herausforderungen einer alternden Gesellschaft zu lösen.

Foto: CanStockPhoto
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Der Anteil der hochbetagten Menschen in Deutschland steigt: Experten gehen davon aus, dass im Jahr 2060 jeder Dritte mindestens 65 Jahr alt ist. Etwa neun Millionen Menschen werden dann 80 Jahre oder älter sein. „Technikgestützte Assistenzsysteme können einen wichtigen Beitrag zur Milderung der Auswirkungen des demografischen Wandels leisten, indem sie das Leben älterer und benachteiligter Menschen situationsabhängig und unaufdringlich unterstützen“, betonte Dr.-Ing. Hans Heinz Zimmer, Vorstandsvorsitzender des Verbands der Elektrotechnik, Elektronik, Informationstechnik (VDE), zur Eröffnung des 8. Ambient-Assisted-Living-(AAL-)Kongresses (Kasten).

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Erstmals fand der Kongress nicht in Berlin, sondern in Frankfurt/Main gemeinsam mit der interdisziplinären Fachmesse „Zukunft Lebensräume“ für Bauen, Wohnen und Gesundheit im demografischen Wandel statt. Damit wollen die beiden Veranstalter, VDE und Messe Frankfurt, eine neue branchen- und fachübergreifende Plattform für aktiv-assistierende Technologien in unterschiedlichen Lebensbereichen etablieren. Durch den Austausch von Wohnungs-, Pflege- und Gesundheitswirtschaft sollen zudem einheitliche Standards für AAL-Technologien gefördert werden – eine wichtige Voraussetzung für die Verbreitung entsprechender Produkte und Dienstleistungen.

Modellrechnungen zufolge könnten bis zum Jahr 2030 bis zu 3,4 Millionen Menschen pflegebedürftig sein. Darauf verwies Thomas Ballast, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse (TK). Die Mehrzahl der Krankheiten sei alterskorreliert, ebenso werden Multimorbidität und Demenzerkrankungen zunehmen. Derzeit seien die Angehörigen von Pflegebedürftigen der „größte Pflegedienst“: Von derzeit 2,63 Millionen Pflegebedürftigen insgesamt werden 1,25 Millionen durch Angehörige versorgt. Aber: „Der Anteil derjenigen, die Pflege finanzieren oder als Pflegende zur Verfügung stehen, sinkt“, erklärte Ballast. „Es muss daher darum gehen, dass wir möglichst viele möglichst lange gesund halten, um Pflegebedürftigkeit hinauszuzögern.“

Versorgungsmodell „NetzWerk LebenPlus“

Die Krankenkasse hat daher ein Konzept zur Organisation ambulanter wohnortnaher Versorungsformen im Rahmen von Quartiersnetzen entwickelt. Sie will ein träger- und sektorenübergreifendes Hilfs- und Betreuungsnetzwerk für ältere Menschen und ihre Angehörigen aufbauen und erproben: Das „NetzWerk LebenPlus“ soll regionale und lokale Angebote aus dem Gesundheits-, Pflege-, Sozial- und Wohnbereich miteinander verzahnen und auf Basis der integrierten Versorgung nach § 140 a ff. Sozialgesetzbuch V beispielsweise Vertragsärzte, Krankenhäuser, Pflege- und Rehaeinrichtungen einbeziehen.

Ballast zufolge sieht das Konzept als Handlungsfelder unter anderem vor, Prävention im Alter sowie Rehamaßnahmen vor und in der Pflege zu verstärken. Zudem sollen Angehörige Hilfsangebote erhalten und professionelle Pflegekräfte entlastet werden. „Eine entscheidende Schnittstelle wird der Hausarzt sein, der als Zuweisungsstelle für ein solches Modell fungieren soll, indem er aus seinen Patienten diejenigen auswählt, die er für geeignet hält, in ein solches Netzwerk hineinzugehen“, sagte Ballast.

Eine koordinierende Stelle soll versichertenbezogen genau ermitteln, welcher Unterstützungs- und Hilfsbedarf schon vorhanden ist oder noch benötigt wird, und zudem rund um die Uhr als Ansprechpartner erreichbar sein. Sie erstellt ein individuelles Leistungspaket, das auch ein vorprofessionelles Fallmanagement beinhalten kann. „Die Vision ist, dass wir auf der einen Seite eine integrierte Versorgung für den Patienten schaffen und auf der anderen Seite auch mit den regionalen oder lokalen Kooperationspartnern eine Vernetzung hinbekommen für trägerübergreifende Leistungen etwa in den Bereichen Wohnen, Betreuung, Hauswirtschaft, Pflege, Kommunen sowie bei Ehrenamt und Nachbarschaftshilfe.“

Die Technik soll dabei – über den Hilfsmittelkatalog hinaus – eine wichtige Rolle spielen, etwa durch weitere Assistenzsysteme. „Da geht es zum Beispiel um Technik zur Sturzerkennung, um Erinnerungsfunktionen und um haushaltsunterstützende Maßnahmen“, erläuterte Ballast. Denkbar sind zudem Tele-Homemonitoring zur Betreuung von Risikopatienten, Benachrichtigungsfunktionen für Notfälle und der Einsatz eines Online-Coaches, der Möglichkeiten zu Chat und Videokommunikation beinhalten soll. Auch Online-Sprechstunden, digitale Patiententagebücher und die Möglichkeit der Datenübertragung zum Arzt könnten dabei integriert werden.

Bis zum Herbst 2015 will die Kasse laut Ballast entsprechende Netzwerkpartner vor allem in großstädtischen Regionen finden, Business Cases erstellen und im Laufe des Jahres 2016 mit dem Modell starten. Vorbild sei das erfolgreiche „Netzwerk Psychische Gesundheit“, das von ursprünglich einem inzwischen bundesweit auf zwölf Standorte ausgebaut worden sei.

Saarland: Technik für alle Generationen

Über das regionale AAL-Netzwerk Saar („Saarland AAL.in“; http://aal.htw-saarland.de/cms) berichtete Prof. Dr. rer. nat. Wolfgang Langguth, Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes. Durch eine enge Vernetzung von regionalen Dienstleistern, Produktanbietern und Privathaushalten will man AAL-Lösungen in die bestehenden Strukturen des saarländischen Sozial- und Gesundheitswesens integrieren, aber auch neue Versorgungsstrukturen schaffen. Technik soll dabei von Anfang an nicht nur zur Unterstützung Älterer dienen, sondern „Technik ist für alle Generationen da“, betonte Langguth. Angesetzt werde bei vorhandenen Standardtechnologien, es gelte Lowtech vor Hightech.

Das Ende Mai 2014 gegründete Netzwerk will noch im Mai 2015 einen Verein gründen, in dem sich circa 120 institutionelle Partner zusammenfinden. „Wir haben dabei einen Querschnitt durch alle relevanten Bereiche der Gesellschaft“, erläuterte Langguth, darunter Vertreter aus Bildung und Wissenschaft, Baugewerbe, Industrie, Krankenkassen, Krankenhäuser, Kommunen, Landkreise, Sozialverbände. „Alle gestalten den Markt aktiv mit und arbeiten an der Realisierung von Geschäftsmodellen.“

Projekte sind unter anderem eine deutsch-französische Kooperation, der Aufbau einer Geschäftsstelle, eine interaktive AAL-Karte Saar-Moselle mit hinterlegten Informationen etwa zu Sanitätshäusern, Pflegestützpunkten und Krankenhäusern, die Planung eines AAL-Verbraucherzentrums, eine Produktmappe mit individuellen Vorschlägen für bestimmte Krankheitsbilder und die Prüfung des Einsatzes von AAL beim Entlassmanagement. Zudem werden eine senioren- und eine behindertengerechte Musterwohnung aufgebaut.

Auch im Ruhrgebiet ist im Oktober 2014 ein Forschungsprojekt zum demografischen Wandel gestartet: In Gelsenkirchen sollen mit und für ältere Menschen reale und digitale Quartiersnetzwerke entwickelt werden, die diesen die gesellschaftliche Teilhabe und ein längeres selbstbestimmtes Leben in ihrem Wohnumfeld ermöglichen (www.quartiersnetz.de). Am Projekt „QuartiersNETZ“ unter Federführung der Fachhochschule (FH) Dortmund beteiligen sich Partner aus Informatik, Gerontologie, Pflege, Forschung, Kommune und Wirtschaft. „Besonders wichtig ist es uns dabei, ältere Menschen zu Beteiligten zu machen, sie also nicht nur als Nutzer, sondern als Entwickler zu betrachten“, erläuterte Dr. Annette Krön, FH Dortmund. Das Stichwort sei hier der Wandel des Akzeptanz- zum Partizipationsparadigma.

Ruhrgebiet: Aktive Teilhabe im QuartiersNETZ

In vier Stadtteilen sollen Netzwerke entstehen, die die Bewohner bei Hilfebedarf unterstützen, ihnen die Mitgestaltung an der Stadtgesellschaft erleichtern und eine Zusammenarbeit verschiedener Akteure fördern. Warum die Konzentration aufs Quartier? „Das Quartier gewinnt im Alter an Bedeutung, die Verbundenheit mit dem Stadtteil ist sehr wichtig für das Wohlbefinden im Alter“, erläuterte Krön. Daher seien die Älteren auch gute „Kenner“ ihres Quartiers, deren Wissen in lokale Enscheidungen mit einzubeziehen sei.

Der Aufbau von Netzwerkstrukturen setzt dabei bei realen Versorgungsstrukturen an, die durch eine digitale Quartiersplattform und technische Innovationen unterstützt werden sollen. Unter anderem ist geplant, interessierte ältere Menschen als Techniklotsen zu qualifizieren, damit sie anderen die Techniknutzung näherbringen können. Geschäftsmodelle sollen innerhalb der Partizipationsgruppen selbst entwickelt werden, so dass sie orientiert an den jeweiligen Bedürfnissen vor Ort sind. Erste Schritte zur Umsetzung sind regelmäßige Quartierskonferenzen, in denen die Bewohner Aktivitäten und Ideen für ihren Stadtteil entwickeln.

Heike E. Krüger-Brand

Was heisst AAL?

Foto: dpa
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Begriff: AAL steht für „Ambient Assisted Living“ oder auch „Active Assisted Living“ und bezeichnet bedarfsgerechte Assistenzsysteme für ein gesundes und unabhängiges Leben bis ins hohe Alter.

Alltagsunterstützende Assistenzlösungen umfassen dabei ein breites Spektrum, wie zum Beispiel Hausnotrufsysteme, Anomalieerkennung (zum Beispiel sensorgestützte Sturzerkennung), Systeme für die Hausautomatisierung, Mobilitätshilfen, Vitalwertüberwachung, Apps zum Fitness- und Gesundheitsmanagement.

Anwendungsbereiche: zum Beispiel Wohnen, Gesundheit, Pflege, Arbeit, Mobilität

Trend: In den letzten Jahren wird der Nutzen von AAL nicht mehr nur im Hinblick auf die Zielgruppe der älteren und gebrechlichen Menschen gesehen. Vielmehr soll AAL dazu beitragen, die Lebensqualität der Menschen in allen Lebensabschnitten zu verbessern (Beispiel: die für den Kinderwagen oder den Rollator gerüstete Wohnung).

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