ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2015Lithium-Langzeittherapie: Risiko der Nierenfunktionsstörung individuell bewerten

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Lithium-Langzeittherapie: Risiko der Nierenfunktionsstörung individuell bewerten

Heinzl, Susanne

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Lithiumsalze werden häufig über lange Zeit für die Behandlung bipolarer Störungen eingesetzt. Allerdings kann dadurch die Nierenfunktion vermindert werden. Uneinigkeit herrschte bislang über die Relevanz dieser unerwünschten Wirkung. Daher wurden in einer Querschnitts- und longitudinalen Studie die Effekte einer Lithiumtherapie auf die glomeruläre Filtrationsrate (GFR) untersucht. „Die positive Wirkung von Lithium auf die Prophylaxe von Episoden einer bipolaren Störung ist sehr gut belegt. Die Frage, ob die Nierenfunktion unter dieser Therapie geschädigt wird, wird immer wieder gerade auch von Patienten gestellt“, so Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Ekkehard Haen, Leiter der Abteilung Klinische Pharmakologie/Psychopharmakologie der Psychiatrischen Universitätsklinik Regensburg.

In der aktuellen Untersuchung wurden alle zwischen 1980 und 2012 mit Lithiumsalzen behandelte Patienten der Universitätsklinik Cagliari gescreent. Von den 1 862 Patienten erfüllten 953 (596 Frauen, 357 Männer) die Einschlusskriterien: eine Lithiumbehandlung über mindestens ein Jahr und mindestens ein Serumkreatininwert, um die GFR zu berechnen. Die Querschnittsstudie ergab, dass die GFR niedriger war bei

  • Frauen (um 3,47 mL/min),
  • älteren Patienten (um 0,73 mL/ min pro Lebensjahr),
  • Patienten mit längerer Lithiumtherapie (um 0,73 mL/min je Behandlungsjahr).

Die Longitudinal-Ergebnisse zeigten, dass bei der Hälfte der Patienten, die länger als 20 Jahre mit Lithiumsalzen behandelt worden war, die GFR unter 60 mL/min lag. Im Median mussten Lithiumsalze 25 Jahre eingenommen werden, bis die GFR auf einen Wert zwischen 45 und 59 mL/min sank; und 31 Jahre bis die GFR auf 30 bis 44 mL/min fiel. Bei Patienten mit GFR-Werten unter 45 mL/min war die Progression der Nierenerkrankung über 4 Jahre ähnlich – unabhängig davon, ob Lithiumsalze weiter eingenommen oder abgesetzt wurden.

Geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) in Abhängigkeit der Dauer der Lithiumtherapie
Grafik
Geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) in Abhängigkeit der Dauer der Lithiumtherapie

Fazit: Eine langdauernde Lithiumtherapie kann die Nierenfunktion reduzieren. Es kommt allerdings sehr selten zum Endstadium. „Die Entscheidung für Langzeittherapie muss immer wieder individuell gestellt und mit dem Patienten diskutiert werden“, sagte Haen. „Angesichts der zuverlässigen Wirkung von Lithium und des jetzt dokumentierten sehr langen Zeitraums, bis es zum relevanten Nierenschaden kommt, wird die Nutzen-Risiko-Bewertung wohl meist zugunsten der Lithiumtherapie ausgehen. Trotzdem darf man nicht verdrängen, dass 20 bis 30 Jahre im Leben eines Patienten auch irgendwann vergangen sind.“ Der Regensburger Pharmakologe wies darauf hin, dass regelmäßige Überprüfungen der Nierenfunktion zum normalen Vorgehen bei der Betreuung eines Lithiumpatienten gehörten. Die Studie zeige, dass ein Lithiuminduzierter Nierenschaden durch Absetzen nicht reversibel sei und wohl durch weitere Lithiumverordnung nicht weiter beschleunigt werde.

Dr. rer. nat. Susanne Heinzl

Bocchetta A, et al.: Renal function during long-term lithium treatment: a cross-sectional and longitudinal study. BMC Medicine 2015; 13: 12.

Geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) in Abhängigkeit der Dauer der Lithiumtherapie
Grafik
Geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) in Abhängigkeit der Dauer der Lithiumtherapie

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #97143
michelvoss
am Samstag, 18. Juli 2015, 11:56

Nierenschaden nicht reversibel - Suizid erst recht nicht.

Nierenschaden irrelevant - solange GESAMT-Mortalität nicht erhöht wird.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote