ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2015Von schräg unten: Ausweis

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Ausweis

Dtsch Arztebl 2015; 112(20): [68]

Böhmeke, Thomas

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Klappt man sein Portemonnaie auf, so blitzen entweder Fotos von lieben Familienmitgliedern oder goldumrandete Kreditkarten auf, dies sowohl als Ausweis familiärer Verbundenheit als auch gediegener Kreditwürdigkeit. Klappe ich meine Brieftasche auf, so sieht man einen Organspendeausweis. Es ist mir völlig schleierhaft, wie er sich zwischen all den anderen Karten, die ich weiß Gott viel häufiger benötige, nach vorne gemogelt hat; aber als Ausweis für Vorsorglichkeit als auch für Transplantationswürdigkeit lasse ich ihn dort stecken. Was meinen Mitmenschen natürlich nicht entgeht. „Soso, Sie sind also spendabel!“, werde ich in der Schlange an der Supermarktkasse angesprochen. Ja, so entgegne ich meinem Gegenüber, es macht doch viel Sinn, anderen zu einem längeren und weniger beschwerlichen Leben verhelfen zu können; sollte mich der vorzeitige Hirntod ereilen, so könnte ich mich auch nicht mehr an meinen funktionierenden Organen erfreuen, also warum nicht einfach weitergeben? „Was kann man denn heute alles transplantieren?“ Ach, wirklich eine Vielzahl von Organen: Herz und Leber, Niere und Bauchspeicheldrüse, Darm und Knochen; die Liste ist lang. „Klingt ja nach Vollverwertung.“ Ich sehe mich, eingekeilt zwischen Waschpulver und Einkaufswagen, ob dieser despektierlichen Bemerkung fast um eine akute Aphasie reicher. Aber nur fast. Ein simples Virus reicht aus, so entgegne ich ihm, um aus seinem Herzen einen kontraktionsfaulen Sack zu machen, dass ihn, dahinvegetierend auf einer Intensivstation, nur noch an spendenwillige Mitmenschen denken lässt! Ein anderes lässt seine Leber zu einem armseligen Häuflein Narben schrumpfen, das keine Gerinnung, keine Entgiftung mehr zustande kriegt und ihn Blut im Schwall erbrechen lässt! Oder wenn beide Nieren die ihnen zugedachte Aufgabe, Sie von allen möglichen giftigen Substanzen zu erlösen, von heute auf morgen kündigen, dann sehnt er sich nur noch nach einem selbstlosen Spender! „Na ja, jetzt halten Sie mal den Rand! Sie kommen als Spender sowieso nicht in Frage, so putzmunter, wie Sie hier auftreten!“ Da muss ich scharf protestieren. Ich bin jahrelang ein Motorrad gefahren, das im fünften Gang bei 250 km/h noch einen höchst arbeitsfreudigen Sechsten übrig hatte. Also: Niemand auf der Welt kann mir nachsagen, ich hätte es nicht ernst gemeint! „Ist das Ihre Leber?“ grätscht die Kassiererin in unsere Diskussion. Bedächtig nehme ich das vakuumverpackte Stück in meine Hände, wiege es zärtlich hin und her und schaue mein Gegenüber strahlend an. „Ja, ist ja gut, Sie haben gewonnen. Ich besorge mir noch heute einen Organspendeausweis, versprochen!“

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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