ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2015Anti-Impf-Ideologie: Welche Therapieoption erscheint angemessen?
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Der Kollege Voß führt in seinem Kommentar aus, dass es im Interesse der Allgemeinheit geboten sei, „unbelehrbaren Impfgegnern“ keine „falsche Toleranz“ entgegenzubringen und eine Impfpflicht einzuführen.

Ich möchte dazu Folgendes zu bedenken geben: Zum einen sollten wir, bei aller verständlichen Empörung über die Borniertheit vielen Impfgegner, die praktische Umsetzung einer Impfpflicht im Auge behalten. Soll mittels richterlicher Verfügung den Eltern vorübergehend das Sorgerecht entzogen werden? Soll die Polizei schreiende Kinder von ebenfalls schreienden Eltern separieren und zwangsweise in die nächstgelegene Kinderarztpraxis bringen? Ist der dort tätige Kollege dann ebenfalls verpflichtet, die Impfung unter diesen Bedingungen durchzuführen?

Außerdem fragt sich, wo die Impfpflicht eigentlich aufhören soll. Konsequent wäre aufgrund der Logik des Kollegen Voß, alle Impfungen gegen übertragbare Krankheiten zur Pflicht zu erklären. Ist das wirklich sinnvoll und vermittelbar?

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Der Kernpunkt meiner Kritik an der gegenwärtigen Impfpflicht-Hype ist aber ein anderer:

Ein freiheitlich-liberaler Rechtsstaat muss unvernünftige, bornierte Entscheidungen einzelner Mitbürger im gewissen Umfang aushalten, auch wenn es schwer fällt. Diesem Problem begegnen wir täglich, die Impfdiskussion ist, wenn wir einmal über unseren ärztlichen Horizont hinausblicken, gesamtgesellschaftlich nicht einmal von besonderer Relevanz. Es ist oft so, dass die Interessen der Allgemeinheit (hier: Populationsimmunität) gegen die Freiheit des Einzelnen (einen medizinischen Eingriff am eigenen Körper abzulehnen) abgewogen werden müssen. Je weniger totalitär ein Gemeinswesen ist, desto mehr muss ihm die Freiheit des Einzelnen bedeuten.

Sehen wir es doch einmal so: Impfgegnertum ist eine Erkrankung mit einer mäßigen, lokal auch hohen Prävalenz. Die Letalität und auch die Häufigkeit schwerer Folgeerkrankungen ist, allen medienwirksamen Einzelfällen zum Trotz, niedrig. Als Therapieoption kommt zum einen Aufklärung mit wenig Nebenwirkungen und leider nur begrenzter Wirkung in Frage. Die therapeutische Alternative ist eine Impfpflicht mit erheblichen Nebenwirkungen, darunter eine Traumatisierung der Kinder, ein Vertrauensverlust in die Medizin, welche es scheinbar nötig hat, mit Zwang zu arbeiten, und eben eine massive Einschränkung der Persönlichkeitsrechte. Welche Therapieoption erscheint aus ärztlicher Sicht angemessen?

Priv.-Doz. Dr. med. Christoph Frohn, 23552 Lübeck

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