ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2015Anti-Impf-Ideologie: Ideologische Abrüstung
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„Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“ An dieses Bibelzitat fühlt man sich bei der Lektüre des Kommentars von Burkhard Voß erinnert. Der bedauerliche Todesfall eines an Masern erkrankten Kindes in Berlin veranlasst Voss danach zu fragen, „wie viele Tote es noch geben muss, bis das Impfgesetz beschlossen wird“. Eine eigenverantwortliche Entscheidung, sich nicht gegen Masern impfen zu lassen, darf es für ihn nicht geben. Er bevorzugt autoritäre Lösungen, denn: „Toleranz für Impfgegner wäre die denkbar schlechteste Option.“ Dieser Standpunkt dünkt uns schon eher „spezifisch deutsch“ und dürfte nicht weniger hysterisch sein als die Haltung der von ihm pauschal als „ideologisch verbohrte Impfgegner“ diffamierten Impfskeptiker.

Nach geltendem Recht darf jeder selbst entscheiden, ob er sich gegen Masern impfen lassen möchte. Dafür gibt es gute Gründe. Impfungen können segensreich sein, aber auch schwere Schäden hervorrufen. Das räumt sogar Voß ein, wenn er schreibt, „dass gravierende Nebenwirkungen durch Impfungen nahezu eine Rarität sind“. Im Klartext: keine Rarität! Auch der Gesetzgeber sieht sich genötigt, umfangreiche Regelungen zur „Versorgung bei Impfschaden“ in § 60 IfSG und zur Gesundheitsschadensanerkennung in § 61 IfSG aufzunehmen. Schließlich erinnern das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM, Bonn) und das Paul-Ehrlich-Institut (PEI, Langen) im „Bulletin zur Arzneimittelsicherheit“ regelmäßig daran: „Darüber hinaus ist die Meldung von Verdachtsfällen von Impfkomplikationen (Verdacht einer über das übliche Ausmaß einer Impfreaktion hinausgehenden gesundheitlichen Schädigung) im Infektionsschutzgesetz vorgeschrieben (IfSG).“ Alles nur Hysterie? Impfschäden mögen selten sein. Für diejenigen, die darunter zu leiden haben oder gar daran sterben, sind sie jedenfalls eine Katastrophe . . .

Wir raten zur ideologischen und sprachlichen Abrüstung und dazu, beim seit Jahrzehnten geltenden und bewährten Recht und beim grundgesetzlichen Leitbild des für seine Gesundheit selbst verantwortlich handelnden Bürgers zu bleiben. Statt ohne neue Tatsachen staatlichen Zwang anzuordnen, soll jeder selbst entscheiden dürfen, welches Risiko er eingehen möchte, ob er sich gegen Masern impfen lassen will – oder eben nicht.

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Ulrich Kleiner, Rechtsanwalt, 88131 Lindau
Dr. med. Christel Wagner, 34246 Vellmar

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