ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2015Randnotiz: Kleine ethische Betrachtung

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Randnotiz: Kleine ethische Betrachtung

Bünemann, Christian

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Kürzlich veranstaltete das Klinikum einer mittelgroßen Stadt eine Fortbildung zu neuen Themen in der Kardiologie. Im Eingangsbereich die Stände der Pharmafirmen, voran die Hersteller der neuen Antikoagulanzien (NOAK). Der Name einer mitveranstaltenden kardiologischen Praxis war auf hohen Bannern im Auditorium ausgestellt. Letztlich war der Tenor der angereisten Referenten, dass die NOAK empfehlenswert seien. Möglicherweise stimmt es, dass diese leichte Vorteile haben. Mehr dürfte aber nicht behauptet werden. Aber häufig müssen wir vor allem ältere Patienten von der irrigen Meinung abbringen, an diesen neuen Medikamenten könne man nicht verbluten. Die als Nachteil für Marcumar bezeichnete Notwendigkeit regelmäßiger Kontrollen ist im Grunde ein Vorteil, da wir die Compliance überprüfen und die Patienten sehen.

Beim Vergleich der Preise für eine N3-Packung (rund 23 Euro für Marcumar gegenüber rund 320 Euro für NOAK) könnte man fragen, was man von jemandem halten würde, der sich ein neues Auto kauft, weil es gegenüber seinem bewährten, 10 000 Euro teuren Wagen leichte Vorteile bietet, aber 14 Mal soviel kostet – also 140 000 Euro. Solch einen Menschen würde man zu Recht für verrückt erklären. Aber mit den zwangsweise erhobenen Beiträgen der Versicherten darf offensichtlich so umgegangen werden.

Wir brauchen also dringend den Mut zu mehr ethischen Diskussionen – auch über hohe Kosten für nur minimale Verbesserungen. Beispiele dafür gibt es in der Medizin zahlreiche. Minimale Fortschritte werden vielfach mit enormen Preissteigerungen bezahlt. Dabei bedeuten höhere Kosten an anderer Stelle immer auch vermehrtes Leid.

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Dr. med. Christian Bünemann: Facharzt für Allgemeinmedizin

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Avatar #97143
michelvoss
am Freitag, 31. Juli 2015, 09:54

Marcumar-Generikum gibt's ab 17 €.

Also MINDESTENS 14, eher aber 19 Mal teurer.
Avatar #698455
Stockley
am Sonntag, 24. Mai 2015, 15:47

Dilemma

Einerseits die "Zwangsversicherung" zu beklagen, dann aber doch systemkonform den medizinischen Fortschritt den Kosten zu opfern- ist das nicht widersprüchlich? Heutzutage müßen sich Ärzte wohl leider zwischen Medizin oder Versorgungspolitik entscheiden. Welche Entscheidung ist ethisch besser?
PS: Das Compliance- und WVs-Argument finde ich ziemlich schwach.
Avatar #699319
Riane
am Samstag, 23. Mai 2015, 23:26

Kleine ethische Betrachtung

das Problem ist alt und bekannt. leider lässt es sich nicht so leicht lösen
Avatar #699349
BlimDlam
am Samstag, 23. Mai 2015, 18:49

Recht so

Da gebe ich Ihnen ausnahmslos recht. Ändern wird sich daran aber leider wohl so schnell nichts.
Avatar #626718
MaraRemy
am Dienstag, 19. Mai 2015, 16:20

Bravo !

Herzlichen Glückwunsch. Endlich prangert ein Kollege öffentlich die halbseidenen Marketimgmethoden der Pharmaindustrie an und zwar mit einem sinnfälligen Vergleich dessen Logik sich niemand entziehen kann. Mehr davon und mehr Ärztinnen und Ärzte, die sich eine unabhängige Meinungsbildung durch Sponsoring sogenannter Fortbildungsveranstaltungen (die häufig auch noch CME-bepunktet sind) nicht abtrainieren oder sich als "Multiplikatoren", wie die auf den Bannern erscheinende kardiologische Praxis, misssbrauchen lassen. Übrigens: Anikorruptionsgesetze für Mediziner brauchen wir dann auch nicht mehr.

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