ArchivDeutsches Ärzteblatt21-22/2015Germanwings-Flug: Abgründe nicht verheimlichen
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In Ihrem Leitartikel vermisse ich etwas, was über das allenthalben vernommene Beschwichtigen und In-Schutz-nehmen-wollen psychisch Kranker hinausgeht: Wie fördere ich eine Kultur, in der wir miteinander darüber reden, was für seltsame Ideen und Impulse manchmal im eigenen Kopf auftauchen und uns so erschrecken und so peinlich sind, dass wir meinen, niemals mit jemandem darüber reden zu können. Das Ausweichen auf entsprechende anonyme Plattformen im Internet, wo sich ähnlich Betroffene finden lassen, hilft da nicht, da sie das Gefühl des Andersseins, Außenseiterseins noch zementieren. Der Fall des jungen Piloten bietet meines Erachtens die Gelegenheit, erst einmal in unseren eigenen sozialen Kreisen, bei Freunden, Balint-Gruppen, Qualitätszirkeln und Ähnlichem exemplarisch den Mut aufzubringen, über wohlgehütete Geheimnisse zu sprechen, um es dann auch angstfrei mit unseren Patienten zu tun. Es braucht keine psychische Diagnose, um gelegentlich erschreckende Gedanken in sich zu entdecken. Die spannende Frage ist doch: Was hält die einen davon ab, sie in Taten umzusetzen und die anderen nicht? Bevor wir das erforschen können, müssen wir überhaupt erst einmal darüber reden dürfen. Vielleicht hätte der Pilot es nicht getan, wenn er, wenn wir alle in einer Kultur lebten, in der wir unsere Abgründe nicht voreinander verheimlichen müssten, sondern ihnen mit Mitgefühl, Verständnis und Lebenserfahrung begegneten. Daran können wir aktiv mitarbeiten.

Elisabeth Klug, Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie, 51373 Leverkusen

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