ArchivDeutsches Ärzteblatt21-22/2015Schach: Vive la différence?!

SCHLUSSPUNKT

Schach: Vive la différence?!

Pfleger, Helmut

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Foto: Dagobert Kohlmeyer
Foto: Dagobert Kohlmeyer

Beim 23. Deutschen Ärzteschachturnier im April meinte Dr. Bergit Brendel zu mir: „Schach macht Spaß!“ In diesem Augenblick kam der schalkhaft-provokative Dr. Peter Weber vorbei: „Was, Schach macht Spaß? Ich glaub’s ja nicht!“ Doch keine Maus biss auch nur den kleinsten Faden von dieser ihrer absoluten Aussage ab.

Dabei hatte sie es unter 135 Ärzten wahrlich nicht leicht, die Ehre ihres Geschlechts hochzuhalten, nur Dr. Anna Küßner nahm noch, durchaus auch mit Erfolg, den Kampf gegen all die Männer auf, nachdem die durch viele Ärzteturniere gestählte „Matadorin“ Dr. Uta Recknagel in letzter Minute wegen einer plötzlichen Erkrankung in der Familie absagen musste.

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Obendrein ging kurz zuvor noch ein Aufschrei nicht nur durch die englischsprachige Presse, als unter der Überschrift „Vive la différence!“ der englische Großmeister Nigel Short im Schachmagazin „New in Chess“ darlegte, dass Männer und Frauen „anders verdrahtet“ seien und dies nicht nur der Grund für den geringen quantitativen Anteil von Frauen (nur circa fünf Prozent im Deutschen Schachbund, prozentual sogar noch weniger als beim Rugby und Boxen) als auch für das qualitative Hinterherhinken sei. Dummerweise wurde dem Vize-Weltmeister von 1993 dann allerdings sein eigener katastrophaler Score gegen die viele Jahre weltbeste Frau, Judit Polgar, vorgehalten, die übrigens in ihrer besten Zeit sich unter die „zehn besten Männer“ gesellte und auch die ehemaligen Weltmeister Spassky, Karpow, Kasparow und Anand zu ihren Opfern zählt.

Wie auch immer, Bergit Brendel „stand einmal mehr mit Bravour ihren Mann“, fünf ihrer Widersacher mussten anerkennen, dass sie „besser verdrahtet“ war.

Ein besonders schöner Sieg gelang ihr gegen Dr. Tomas Kunz, bei dessen Schlusskombination ihr wohl sogar ihre zweite Leidenschaft, die Oper, zustatten kam. Als die heutige Dermatologin noch studierte, kampierte sie schon einmal die ganze Nacht vor der Oper, um eine Eintrittskarte zu ergattern. Und so kannte sie natürlich auch die wunderbare Opferkombination, die 1858 in einer Loge der Pariser Oper dem damals weltbesten Spieler, Paul Morphy, gegen das beratende Duo Herzog von Braunschweig und Graf Isouard gelang und die im Motiv eine erstaunliche Ähnlichkeit mit der ihren hat.

Und da wir schon einmal bei Koinzidenzien sind, sei auch noch Herzog August der Jüngere von Braunschweig-Wolfenbüttel (1579 bis 1666) ins (Schach-) Spiel gebracht, der unter dem Pseudonym Gustavus Selenus 1616 das erste deutsche Schachbuch „Das Schach- oder Königsspiel“ veröffentlichte. Für ihn ist das Schachspiel nicht wie im Mittelalter nützlich, um die göttliche Ordnung des Staates zu repräsentieren, sondern um militärisches und strategisches Denken zu fördern. Das Schachspiel sei ein „geistiger Exerzierplatz“. Andererseits schreibt er aber auch: „Die Weybsleute sindt im Hause in besserer Huth und sollen außer demselben nicht herumschweyfen, dieweyl sie sich dadurch Wildheit verthun möchten.“

Ein Glück, dass Bergit diesen Ratschlag in den Wind schlug und uns ein Finale furioso bescherte.

Wie konnte sie als opferfreudige Weiße überraschend ein Matt in zwei Zügen erzwingen?

Lösung:

Das Turmopfer 1. Tc8+! machte das Dilemma des nur scheinbar gut gesicherten schwarzen Königs sichtbar. Nach 1. . . . Sxc8 setzte 2. De8 matt den Schlusspunkt.

In der Pariser Oper setzte damals nach einem analogen Damenopfer ein Turm matt – vive la (petite) différence

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