ArchivDeutsches Ärzteblatt21-22/2015Ganzheitliche Medizin: Erfahrungen am kranken Menschen

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Ganzheitliche Medizin: Erfahrungen am kranken Menschen

Dtsch Arztebl 2015; 112(21-22): A-1002 / B-842 / C-813

Kamps, Harald

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Es mag erst einmal verwundern, dass der Verlag Wilhelm Fink das medizinische Fachbuch eines deutschen Neurologen 80 Jahre nach seiner ersten Auflage neu verlegt. Warum sollte jeder Medizinstudent und jeder Arzt dieses Buch lesen? Aus Respekt vor dem Autor – als eine Art Wiedergutmachung. Goldstein gründet 1916 das Institut für die Erforschung der Folgeerscheinungen von Hirnverletzungen. Zusammen mit dem Gestaltpsychologen Adhémar Gelb sammelt er umfangreiche Erfahrungen bei der Rehabilitation schwer hirnverletzter Soldaten. 1930 geht Goldstein nach Berlin und übernimmt dort die Leitung der neurologischen Abteilung am Krankenhaus Moabit. 1933 wird er als Wissenschaftler jüdischer Abstammung von der SA verhaftet und zur Emigration gezwungen. Er diktiert in seinem Amsterdamer Exil in fünf Wochen sein Lehrbuch „Der Aufbau des Organismus“, das 1934 in Den Haag in deutscher Sprache veröffentlicht wird. Goldstein emigriert weiter in die USA, wird Professor an der Columbia Universität in New York, Gastprofessor in Harvard und in Boston. Er stirbt am 19. September 1965 in New York, sein Todestag jährt sich also bald zum 50. Mal. Sein Hauptwerk wird 1939 ins Englische übersetzt und 1995 neu aufgelegt, mit einem Vorwort von Oliver Sacks. Maurice Merleau-Ponty sorgt 1951 für eine französische Übersetzung. Goldstein wird zu einem der meistzitierten Autoren, aus seinen Büchern zur Phä-nomenologie des Körpers. In Deutschland wird sein Werk kaum beachtet. Was entging also deutschen Medizinern? Ausgehend von seinen Studien zu Reflexen und zur Aphasie entwickelt Goldstein die Theorie, dass der menschliche Körper nicht nur aus seinen „Einzelteilen“ bestehend zu verstehen ist, sondern dass der Organismus immer bemüht ist, ein „Ganzes“ herzustellen: „Bei jeder Veränderung an einer Stelle des Organismus treten gleichzeitig solche an verschiedenen anderen Stellen auf“ (S. 171). Ein von vielen anderen Autoren beschriebener Patient ist Johann Schneider: Er war 1915 im Krieg schwer am Hirn verletzt worden, zeigte aber in kognitiven Tests keine besonderen Mängel, bis den Forschern auffiel, dass er nur lesen konnte, wenn er mit dem Kopf und dem Zeigefinger kleine Schreibbewegungen machte – hinderte man ihn daran, konnte er nicht mehr lesen. Für Goldstein zeigt sich damit, dass die Folgen von örtlichen Läsionen immer nur zu verstehen sind, wenn man den ganzen Organismus berücksichtigt: „Mit der reinen Angabe der Örtlichkeit eines Herdes ist uns sehr wenig gedient“ (S. 211).

Die erlebte Lebendigkeit des Organismus macht es ihm dann auch leicht, das Körper-Seele-Problem zu beschreiben: „Weder wirkt Psychisches auf Physisches noch Physisches auf Psychisches; so sehr das auch bei oberflächlicher Betrachtung der Fall zu sein scheint, handelt es sich doch immer um die Reaktion des Organismus, die wir bald in Abhängigkeit von etwas, das wir Psychisch nennen, bald von etwas, was wir Physisch nennen, betrachten ...“ (S. 252). Gesund ist der Mensch, wenn sein Organismus auf die Anforderungen seiner Lebenssituation antworten kann; krank, wenn diese „Responsivität“ gestört ist. Bedeutet Gesundwerden Einbuße an Wesenheit, so heißt das andererseits größere Abhängigkeit von der Umwelt, stärkeres Gebundensein an Außenweltvorgänge; kurz ausgedrückt, es bedeutet: Einbuße an Freiheit. Das bedeutet aber auch: „Ärztliche Entscheidung verlangt immer ein Eingreifen in die Freiheit des anderen Menschen“ (S. 345). Der Patient kann wählen: „Zwischen größerer Unfreiheit oder größerem Leid.“ „In diesem Hervorheben des personalen Verhältnis zwischen Arzt und Patient wird der moderne ärztliche Standpunkt in seinem Gegensatz gegenüber der rein naturwissenschaftlichen Denkweise der Ärzte um die Jahrhundertwende am krassesten offenbar“ (S. 346).

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Spätestens hier frage ich mich, ob diese Aussage auch zur nächsten Jahrhundertwende gelten wird. Ich fürchte, ja. Die Zersplitterung des Menschen in Körper und Seele wird auch durch ein bio-psycho-soziales Menschenbild nicht geheilt. Ganzheitliche Betrachtungen werden in der deutschen Medizin von der Naturmedizin monopolisiert und dort nicht kritisch hinterfragt.

Eine lesenswerte Einführung in das Werk von Kurt Goldstein haben kürzlich in deutscher Sprache ein amerikanischer Medizinanthropologe und ein Historiker geschrieben*. Harald Kamps

*Geroulanos S, Meyers T: Experimente im Individuum. Kurt Goldstein und die Frage des Organismus. August Verlag, Berlin 2014.

Kurt Goldstein: Der Aufbau des Organismus. Einführung in die Biologie unter besonderer Berücksichtigung der Erfahrungen am kranken Menschen, 1. Aufl., Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2014, XLVIII + 462 Seiten, gebunden, 49,90 Euro

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