ArchivDeutsches Ärzteblatt21-22/2015Therapietreue: Noch weniger Zeit für ärztliche Gespräche
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Immerhin zwei ganze Seiten beansprucht das Thema einer Therapieunterstützung für Senioren durch Smartphone-Apps. Im Kern geht es um eine Pilotstudie mit 30 älteren Teilnehmern, bei denen, statistisch signifikant, eine Steigerung des Wohlbefindens und andere Vorteile festgestellt werden konnten. (Das war ja wohl zu erwarten – oder?) Aber es wird auch noch eine Katze aus dem Sack gelassen: Derartige Apps sollen den ärztlichen Zeiteinsatz im Praxisalltag „weiter minimieren“. Merkwürdig erscheint auch, dass der Arzt, jedenfalls im Routinebetrieb, nur die wichtigsten Daten sieht, der Patient aber eine größere Übersicht abrufen kann. Wer erklärt ihm diese: sein Hausarzt, wenn es den noch gibt; sein Stammtisch oder ein noch zu definierender Medical-Scout? Jedenfalls wird dann für ein ärztliches Gespräch noch weniger Zeit sein, als jetzt schon. Gerade dieses aber ist für Senioren oft wichtiger als die Optimierung irgendwelcher Werte, die das System dem Patienten vermutlich auch ohne ärztliche Kontrolle vorschlagen wird. Eigentlich muss der alte Patient auch überhaupt nicht mehr eine Praxis aufsuchen, ein Enkel oder irgendein Betreuer kann das Smartphone zur Kontrolle in der Praxis abliefern, im nächsten Schritt stöpselt sich der Patient Online ein. Man wird ihm die Technik dazu schon irgendwie beibringen. Und der Rest geschieht dann irgendwo auf der Welt bei einem globalen Anbieter, der gerade von der Krankenkasse wegen günstiger Preise ausgewählt wurde, aber auch bald wieder wechseln kann. Der Schritt zum gleichzeitigen Angebot von Medikamenten und Hilfsmitteln ist vorprogrammiert. Das alles zum Wohle des Patienten bei gleichzeitiger Steigerung ärztlicher Effektivität – die Gesundheitsindustrie wird jubeln! Und der Begriff „Ärztliche Kunst“ verschwindet aus unserem Wortschatz.

Dr. med. Leo Voss, 48683 Ahaus

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