ArchivDeutsches Ärzteblatt21-22/2015Implantierbare Defibrillatoren: Problem des Abschaltens am Lebensende

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Implantierbare Defibrillatoren: Problem des Abschaltens am Lebensende

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Ärzte sind nicht gut darauf vorbereitet, über die Deaktivierung von ICDs am Lebensende zu sprechen. Foto: BVMed
Ärzte sind nicht gut darauf vorbereitet, über die Deaktivierung von ICDs am Lebensende zu sprechen. Foto: BVMed

Der Einsatz von Medizintechnik kann sich am Lebensende auch nachteilig für den Menschen auswirken, etwa wenn implantierbare Devices verhindern, dass das Herz eines Sterbenden aufhören kann zu schlagen. Implantierbare Defibrillatoren (ICDs) leisten in der Kardiologie wertvolle Dienste, weil sie bei Hochrisikopatienten den plötzlichen Herztod verhindern. „Das ist ein enormer Fortschritt und ermöglicht vielen herzkranken Menschen ein weitgehend normales Leben. Allerdings gibt es bei zunehmendem Alter des Patienten und fortschreitender Krankheit einen Punkt, an dem diese automatische Wiederbelebung mehr schadet als sie nützt“, erklärte Prof. Dr. med. Georg Ertl, Universitätsklinikum Würzburg, bei der 81. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DKG) in Mannheim.

Das Kammerflimmern ist den Experten zufolge Teil des natürlichen Sterbens – unabhängig davon, an welcher Krankheit der Mensch stirbt. Das Herz wird durch den ICD mit elektrischen Schocks immer wieder in den normalen Rhythmus gebracht, unabhängig vom Gesamtzustand des Patienten. Das ist am Lebensende kontraproduktiv.

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„Ein friedliches Sterben ist so lange nicht möglich, bis der ICD deaktiviert wird oder die Batterie leer ist“, betonte Ertl. Das Deaktivieren eines ICD sei jedoch nicht so einfach, denn ein Abschalten eines potenziell lebenserhaltenden Geräts sei zumindest passive Sterbehilfe. „In manchen Fällen, nämlich wenn der ICD zugleich auch als Herzschrittmacher agiert, handelt es sich um aktive Sterbehilfe – und ist somit verboten. Das alles wirft massive ethische Probleme auf“, so Ertl.

Menschen, die einen ICD erhalten, sollte man – so sehen es auch die internationalen Leitlinien vor – unbedingt empfehlen, eine Patientenverfügung zu treffen, die den Ärzten am Sterbebett erlaubt, das Gerät abzuschalten. Das geschieht allerdings viel zu selten. „Das hat mehrere Gründe, wie eine Auswertung internationaler Umfragen zu diesem Thema zeigt“, berichtete Dr. rer. nat. Maike Bestehorn, Ebenhausen, die verschiedene Studien hierzu ausgewertet hat. „Einerseits wird das Problem von den behandelnden Kardiologen, die nur den lebensrettenden Aspekt des ICD sehen, nicht angesprochen. Andererseits zeigt die Erfahrung aber auch, dass viele Patienten darüber nicht sprechen wollen.“ Ärzte fühlten sich aus juristischen und medizinischen Gründen unwohl, ICDs zu deaktivieren, und seien auch auf die entsprechenden Gespräche nicht gut vorbereitet.

„Es ist aber allen Beteiligten zu empfehlen, sich möglichst früh um eine Patientenverfügung zu kümmern, was mit dem ICD am Lebensende passieren soll“, sagte Ertl. Das betreffe nicht zuletzt die Betreuung im Hospiz, dort sollte das Gespräch mit ICD-Patienten gesucht werden. „Am besten wäre es, wenn das schon viel früher, idealerweise vor der Implantation, geschähe.

Mit der Frage der ICD-Deaktivierung am Lebensende beschäftigt sich die interdisziplinäre DGK-Projektgruppe „Ethik in der Kardiologie” unter der Leitung von Prof. Dr. med. Johannes Waltenberger, Universitätsklinikum Münster. Ziel der Gruppe ist es, hierzu grundlegende Empfehlungen zu erarbeiten. EB

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Avatar #645038
Erbguth
am Dienstag, 9. Juni 2015, 21:56

ICD "abschalten" ist keine "aktive" Sterbehilfe

Der zitierten Formulierung, dass das Deaktivieren eines ICD im Falle seiner zusätzlichen Funktion als Herzschrittmacher "aktive" Sterbehilfe darstelle - und somit verboten sei, kann nicht gefolgt werden. Das Urteil des BGH in Sachen "Durchschneiden" einer PEG vom 25.06.2010 (2 StR 454/09) hat klar gestellt, dass auch ein "aktives Tun" z.B. durch Abschalten eine nicht mehr eingewillgte Behandlung beenden dürfe. Ein Leitsatz des Gerichts lautete: "Ein Behandlungsabbruch kann sowohl durch Unterlassen als auch durch aktives Tun vorgenommen werden". Also handelt es sich stets um "passive Sterbehilfe", wenn ein ICD deaktiviert wird; sei es, weil er nicht mehr indiziert ist (z.B. Sterbephase) oder weil in seine weitere Funktion nicht mehr eingewilligt wird. Ihn in solchen Situationen nicht zu deaktivieren, wäre Körperverletzung.
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