ArchivDeutsches Ärzteblatt21-22/2015Madagaskar: Hilfe, die nach und nach wächst

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Madagaskar: Hilfe, die nach und nach wächst

Richter-Kuhlmann, Eva

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Es ist eine kleine Erfolgsgeschichte: Seit seiner Gründung vor vier Jahren konnte der gemeinnützige Verein des jungen deutschen Arztes Julius Emmrich schon viel in Süd-Madagaskar bewegen.

Personal und Patienten freuen sich über den gespendeten Unimog, einen allradgetriebenen Kleinlaster. Fotos: Ärzte für Madagaskar e.V.
Personal und Patienten freuen sich über den gespendeten Unimog, einen allradgetriebenen Kleinlaster. Fotos: Ärzte für Madagaskar e.V.

Vier Jahre ist es jetzt etwa her, dass Julius Emmrich im Deutschen Ärzteblatt (DÄ, Heft 22, 2011) über den madagassischen Chirurgen Dr. Elson Randrianantenaina berichtete. Viel hat sich seither getan: Randrianantenainas Arbeitsethos beeindruckte den jungen Arzt damals so nachhaltig, dass er noch 2011 den Verein „Ärzte für Madagaskar“ gründete, dessen Vorsitzender er jetzt ist. Seitdem wächst die Hilfe für die Menschen in Madagaskar. Zwar absolviert Emmrich derzeit eine Weiterbildung zum Facharzt für Neurologie an der Charité in Berlin – die Lebensverhältnisse in Madagaskar sind für ihn dennoch immer präsent. „In Madagaskar gibt es nur für die Wenigsten eine Kran­ken­ver­siche­rung. Wer nicht zahlen kann, stirbt im schlimmsten Fall vor den Toren des Krankenhauses“, berichtet er dem Deutschen Ärzteblatt.

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Julius Emmrich auf der Baustelle des Partnerkrankenhauses in Fotadrevo
Julius Emmrich auf der Baustelle des Partnerkrankenhauses in Fotadrevo

Zu Randrianantenaina pflegt Emmrich immer noch einen intensiven Kontakt. Der madagassische Chirurg ist für „Ärzte für Madagaskar“ der Ansprechpartner vor Ort. Der Verein unterstützt seine Arbeit durch Einwerben von Geld- und Sachspenden und Organisation von Ärzteeinsätzen. „Angesichts der gewaltigen Schwierigkeiten wollen wir diese Zusammenarbeit noch intensivieren und erweitern“, erklärt Emmrich. Konkret arbeitet der madagassische Arzt am 2012 eröffneten Krankenhaus Zoara in Fotadrevo, mitten in der Savanne im Südwesten Madagaskars. „Er ist der einzige Chirurg für etwa eine Million Menschen. Entsprechend groß sind Zahl und Schwere der Fälle, die dort behandelt werden“, erklärt Emmrich. Die Verhältnisse sind prekär. „Medikamente werden rationiert, Dutzende Patienten verbringen die Nacht im Freien und müssen oft tagelang auf ihre Behandlung warten.“

Besonders dramatisch wird die Situation, wenn Menschen eine Behandlung brauchen, die sie sich finanziell nicht leisten können. Für solche Fälle hat der Verein einen Nothilfefonds eingerichtet. Dieser Fonds dient der Kostenübernahme bei lebensrettenden Operationen, die von einheimischen Ärzten durchgeführt werden. Das sind zum Beispiel Kaiserschnitte, OPs bei Bauchhöhlenschwangerschaft, Not-OPs bei schweren Verletzungen nach Unfällen oder Gewalteinwirkungen, chirurgische Eingriffe bei Verbrennungen oder auch bauchchirurgische Eingriffe, wie bei Darmwandruptur durch Typhus. „Die durchschnittlichen Kosten für eine lebensrettende OP belaufen sich auf 65 Euro“, berichtet Emmrich. Auch die Ernährung Tuberkulosekranker stellt „Ärzte für Madagsakar“ für die Zeit von deren Behandlung sicher. Die Inanspruchnahme wird sorgsam mit Fingerabdrücken im Ausgabenbuch dokumentiert.

Mittlerweile hat der Verein schon viel bewegt und sich vergrößert:
Zwei Teams, in Deutschland und in Großbritannien („Doctors for Madagascar UK“ wurde 2013 von Peter Emmrich, dem Bruder Julius Emmrichs, gegründet), arbeiten eng zusammen, um Geldspenden einzuwerben und Sachspender zu gewinnen. Seit einigen Monaten betreibt der Verein auch ein Büro in Antananarivo. Bisher konnten sechs staatliche und kirchliche Krankenhäuser mit Sach- und Geldspenden unterstützt werden. Geld für die Nothilfefonds in Fotadrevo und Ejeda wurde im vergangenen Jahr auch im Rahmen eines Benefizkonzertes in der Berliner Philharmonie unter dem Motto „Musik erleben – Leben retten“ gesammelt. „Schirmherr war Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier“, berichtet Emmrich nicht ohne Stolz. „Die mehr als 12 000 Euro, die durch dieses Konzert zusammenkamen, reichen aus, um unseren Nothilfefonds für 2015 zu finanzieren.“ 

Seit Juni 2014 wird die Klinik im Dorf Fotadrevo um zusätzliche Gebäude erweitert.
Seit Juni 2014 wird die Klinik im Dorf Fotadrevo um zusätzliche Gebäude erweitert.

Auch Anfang dieses Jahres war Emmrich wieder in Madagaskar. „Während meines Aufenthalts zogen zwei tropische Wirbelstürme über den Süden der Insel. Nicht einmal unser Geländefahrzeug konnte den nächstgelegenen Flughafen erreichen, so dass ich auf Madagaskar festhing.“ Das derzeit wichtigste Projekt seines Vereins, der Bau des Partnerkrankenhauses Zoara in Fotadrevo, kam dennoch voran: Die neuen Klinikgebäude können jetzt in Betrieb genommen werden. Geplant ist zudem ein zunächst auf drei Jahre angelegtes Schulungsprogramm für ärztliches und pflegerisches Personal in Süd-Madagaskar, das jährlich von einem Team der Charité evaluiert wird.

Wer als europäischer Arzt in Madagaskar tätig wird, muss um einige Besonderheiten im Umgang mit Krankheiten und Kranken wissen: „Die erste Anlaufstelle sind oft traditionelle Wunderheiler“, erzählt Emmrich. Erst wenn sich deren kostspieligen und langwierigen Behandlungen als unwirksam oder gar schädlich herausstellten, würden sich die Menschen auf den Weg zu einem Krankenhaus machen. Kein Wunder also, dass nur die schwersten Fälle dort landen: komplizierte Entbindungen, Messer-, Speer- und Schusswunden, Infektionen und Karzinome. Im Krankenhaus selbst werden die Patienten dann von Angehörigen versorgt, die für sie kochen, sie füttern und waschen. „Trotz der schwierigen Bedingungen leisten die einheimischen Ärzte gute Arbeit. Mit großer Sachkenntnis, Erfahrung und Improvisationstalent gelingen ihnen selbst komplizierte Operationen“, sagt Emmrich.

„Ärzte für Madagaskar“ kooperiert auch mit den Vereinen „Wasser ohne Grenzen“ und „Technik ohne Grenzen“: So konnte eine biologische Kläranlage und eine Verbrennungsanlage für infektiösen Abfall errichtet werden. Bislang wurde Wasser aus öffentlichen Brunnen und offenen Wasserlöchern geschöpft und mit Ochsenkarren ins Dorf gebracht. „Auf diesem Wege bezog auch die Klinik ihr Wasser“, erklärt Emmrich. Inzwischen konnte ein Tiefbrunnen im Krankenhausgelände gebaut werden, der über Wasserfilter ausreichend trinkbares Wasser liefert.

Auch Elektroenergie ist keine Selbstverständlichkeit am Hopitaly Zoara. „Die Klinik ist zwar an das öffentliche Stromnetz angeschlossen, die Stromversorgung aber ist instabil – selbst an guten Tagen gibt es am Abend nur für etwa drei Stunden elektrischen Strom“, berichtet der junge Arzt. Eine große Erleichterung sei es gewesen, als vor zwei Jahren eine kleine Solaranlage installiert werden konnte. „Damit steht nun rund um die Uhr ausreichend Energie zur Verfügung, um einen Solarkühlschrank für Medikamente und Impfseren sowie mehrere Nachtlichter auf den Stationen betreiben zu können.“

Aus Platzgründen wird auch im Freien campiert und manchmal auch behandelt. Ins Krankenhaus kommen nur die Menschen mit schwersten Erkrankungen – Messer-, Speerund Schusswunden, Infektionen, Karzinomen und komplizierten Entbindungen.
Aus Platzgründen wird auch im Freien campiert und manchmal auch behandelt. Ins Krankenhaus kommen nur die Menschen mit schwersten Erkrankungen – Messer-, Speerund Schusswunden, Infektionen, Karzinomen und komplizierten Entbindungen.

Immer wieder denkt Emmrich an die bescheidenen Anfänge der Klinik Zoara zurück: zwei kleine gemietete Häuser mit einigen Krankenbetten und einem behelfsmäßigen OP, sechs Angestellte, von denen die meisten nachts auf dem Boden der Apotheke schliefen. „Aber seitdem hat sich viel getan. Das Hopitaly Zoara ist eine funktionierende kleine Klinik geworden, in der auch große Operationen durchgeführt werden können. Lazarettzelte ermöglichen es, zusätzlich Patienten unterzubringen, und die gespendete Medizintechnik aus Deutschland erlaubt weiterreichende Behandlungen“, erläutert Emmrich.

Alle Geräte und Einrichtungsgegenstände – OP-Leuchten, Tische, Absaugvorrichtungen, Röntgen-, Narkose- und Ultraschallgeräte sowie Labormaterial – sind übrigens Spenden von niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern in Deutschland. „Die Geräte wurden vor dem Versand von einem Team ehrenamtlich tätiger Medizintechniker in Leipzig auf Funktionstüchtigkeit überprüft, katalogisiert und, soweit erforderlich, repariert“, so Emmrich. Von Medizinern stamme auch ein großer Teil der Geldspenden. „Denn Kollegen wissen, welche Hilfeleistungen wirklich etwas verändern können und dass ihre Beiträge direkt der Hilfe vor Ort zugutekommen.“

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

@Weitere Informationen unter:
www.aerzte-fuer-madagaskar.de

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