ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2015Von schräg unten: Unterlagen

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Unterlagen

Dtsch Arztebl 2015; 112(23): [96]

Böhmeke, Thomas

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Medizin ist eigentlich ganz einfach, so pflege ich meine Angestelltinnen wahlweise zur Weißglut oder zum Schwarzsehen zu treiben; man braucht nur genügend exakte Informationen, die, mit gebotener Ernsthaftigkeit betrachtet, das optimale Prozedere wie von selbst vorgeben. Wagt jemand an dieser Stelle ein Widerwort, so zitiere ich aus dem Sozialgesetzbuch V, das des Pudels Kern unseres Tuns mittels gestochen scharfer juristischer Formulierung unmissverständlich und humorlos auf den Punkt bringt. Nur ebendiese Präzision zählt, so auch heute.

„Herr Böhmeke! Ich bringe meinen Vater zu Ihnen, weil wir eine zweite Meinung hören wollen!“ eröffnet ein jüngerer Mann in Begleitung eines älteren die Anamnese, und der Entzug meines Doktortitels lässt keinen Zweifel daran, dass er höchste akademische Ansprüche auf Augenhöhe voraussetzt und nur auf dieser Ebene zu kommunizieren wünscht. „Mein Vater war im Krankenhaus, dort hat man eine Arterie mit 4 cm oder so gemessen, jetzt wollen wir wissen, was davon zu halten ist! Muss operiert werden?!“ Aha. Ich bin maximal gefordert, heißt es doch, die Untersuchungsbefunde bis ins letzte Detail kritisch zu durchleuchten, das Originalmaterial zu sichten, um sich über das bildgebende Verfahren, die Qualität der Abbildungen und die Präzision der Befundung ein umfassendes und unbestechliches Bild zu verschaffen. Schließlich geht es um Leben und Wohlsein, um Prognose und Gesundheit. Oder so. „Hier die Berichte der Klinik!“

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Hochkonzentriert gehe ich die Unterlagen durch, die mir mitteilen, dass für gesetzlich Versicherte 91,57 Euro für ein 1-Bett-Zimmer in Rechnung gestellt werden. Ich wage den zarten Hinweis, dass es sich hier offensichtlich um Wahlleistungsvereinbarungen handelt, die leider keinen Aufschluss über den medizinischen Befund gestatten. „Sind Sie sicher?! Sie haben sich nicht vertan oder so?!“ Die Entgelte für Beleghebammen werden nicht abgegolten, so lese ich ihm aus Seite 3 vor. „Dann ist dies der Arztbericht!“ und überreicht ein zusammengefaltetes Stück Papier. Ich setze die Denkermiene auf, um das Dokument besser studieren zu können. 2 Pfund Spargel, Staudensellerie, Schnittlauch. Nein, so muss ich leider mitteilen, hier steht nichts über Schnittbilddarstellungen großer Gefäße, sondern über sprachlich oder morphologisch verwandte Gemüsesorten. Oder so.

„Dann müssen Sie halt ohne die Befunde zurechtkommen! Dafür haben wir die Blutdruckwerte notiert!“ und überreicht ein mehrlagiges Stück Papier, das den differenzialdiagnostischen Schluss zulässt, dass die Blutdruckwerte im Badezimmer notiert werden, und glücklicherweise sonst unbenutzt ist. Ich lobe die akribische Form der Aufstellung, mit der Zeit wird man dankbar für jede irgendwie verwertbare Information. Ein Mobiltelefon klingelt. „Einen Augenblick! Ja, bitte? Ich bin hier beim Arzt, aber irgendwie kommen wir hier auch nicht weiter, ich weiß nicht, warum!“ In Gedanken blättere ich im SGB V. Die Versicherten sind für ihre Gesundheit verantwortlich, so steht es dort, sie sollen durch gesundheitsbewusste Lebensführung sowie durch aktive Mitwirkung an Krankenbehandlung und Rehabilitation dazu beitragen, den Eintritt von Krankheit und Behinderung zu vermeiden und ihre Folgen zu überwinden. Kaum zu glauben, wie viel Humor unsere Juristen haben.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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