ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2015Humanitäre Hilfe: Alltägliche Katastrophe

POLITIK

Humanitäre Hilfe: Alltägliche Katastrophe

Dtsch Arztebl 2015; 112(23): A-1030 / B-864 / C-837

Bühring, Petra

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Medico international sieht die humanitäre Hilfe an ihren Grenzen angelangt – zum Beispiel in Syrien.

Die krisenhaften Entwicklungen der Welt nehmen immer dramatischere Ausmaße an. „Die humanitäre Hilfe stößt an ihre Grenzen – wir sehen einen wachsenden Bedarf und eine klaffende Lücke zu den zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel“, sagte Thomas Gebauer, Geschäftsführer von medico international, bei der Jahrespressekonferenz der sozialmedizinischen Hilfs- und Menschenrechtsorganisation in Berlin. Das Spendenaufkommen von medico ist im vergangenen Jahr um 14 Prozent auf 1,2 Millionen Euro gestiegen. „Das ist kein Grund zur Freude, sondern Ausdruck der vielen Krisen“, erklärte Gebauer. Die Ebola-Epidemie in Westafrika, der Gaza-Konflikt, der Krieg in Syrien mit inzwischen rund zwölf Millionen Flüchtlingen seien Beispiele, bei denen medico mit der Unterstützung lokaler Partner aktiv ist.

„Hilfsorganisationen wie medico stärken die Selbsthilfe und Zivilgesellschaft vor Ort. Das ist wichtig, es geht aber nicht ohne die Hilfe der Politik. Wir brauchen größere Lösungen“, forderte Gebauer. Ebola beispielsweise habe sich nur in diesem Maße ausbreiten können, weil es kaum gesundheitliche Versorgung in Westafrika gab. „Die Ebola-Epidemie ist erst vorbei, wenn es der internationalen Politik und der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) gelingt, Liberia und Sierra Leone darin zu unterstützen, nachhaltige Gesundheitssysteme aufzubauen“, erklärte er.

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Über die nationalen Grenzen hinweg müssten Gelder bereitgestellt werden. Den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank sieht Gebauer hier in der Pflicht. Die WHO müsse die Koordination übernehmen, forderte er. Die Bundesregierung habe gerade eine fünfprozentige Erhöhung der Pflichtbeiträge zur Finanzierung der WHO mitbeschlossen. „Das ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber nicht genug“, sagte Gebauer.

„Der Krieg in Syrien ist ohne Lösungsmöglichkeit – die alltägliche Katastrophe geht immer weiter“, sagte Martin Glasenapp, Referent von medico für den Nahen und Mittleren Osten. Medico sei eine der wenigen Hilfsorganisationen, die im kurdisch-syrischen Kobane tätig sind und dort medizinische Hilfe leisteten. „Wir nutzen die lokalen Strukturen der Zivilgesellschaft als Partner“, erläuterte Glasenapp. Lokale Akteure würden sich am besten auskennen, oftmals ginge es aufgrund der Gefahrenlage auch gar nicht anders: „In Aleppo beispielsweise setzt der Islamische Staat eine hohe Belohnung schon für den Hinweis auf ausländische Helfer aus.“

Fluchtursachen in den Focus

Im Hinblick auf die Situation der zwölf Millionen syrischen Flüchtlinge forderte medico die Bundesregierung auf, sich stärker zu engagieren. „Wenn ein kleines Land wie der Libanon zwei Millionen Flüchtlinge aufnehmen kann, sollte Deutschland viel mehr leisten können“, sagte Gebauer. Europa dürfe nicht einfach die Flucht bekämpfen, sondern müsse vielmehr auf die Ursachen von Flucht schauen. „Die syrischen Flüchtlinge, die es geschafft haben, nach 13 Grenzen mit Geheimdienstkontrollen das Mittelmeer zu erreichen, sagen, jetzt könne sie kein Boot mehr schrecken“, berichtete Glasenapp. Die Ursachen für die Flucht lägen in Syrien; die Schlepper würden von den Betroffenen als Helfer wahrgenommen.

Petra Bühring

@zum Jahresbericht 2014:
http://d.aerzteblatt.de/GH88BL29

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