ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2015Sexualisierte Gewalt: Destruktive Langzeiteffekte

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Sexualisierte Gewalt: Destruktive Langzeiteffekte

Bühring, Petra

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Medica mondiale führte 20 Jahre nach Ende des Krieges in Bosnien und Herzegowina eine Studie zu den Folgen von sexualisierter Gewalt durch. Die Betroffenen brauchen noch immer Unterstützung.

Das Frauentherapiezentrum Medica Zenica bietet Unterstützung in psychologischen, medizinischen und rechtlichen Fragen. Foto: Cornelia-Suhan
Das Frauentherapiezentrum Medica Zenica bietet Unterstützung in psychologischen, medizinischen und rechtlichen Fragen. Foto: Cornelia-Suhan

Während des Krieges in Bosnien und Herzegowina von 1992 bis 1995 wurden zwischen 20 000 und 50 000 Frauen und Mädchen systematisch vergewaltigt und sexualisierter Gewalt in Konzentrationslagern ausgesetzt. Viele wurden mehrfach und über Wochen und Monate hinweg missbraucht. Die internationale Traumaforschung zeigt, dass Krieg und Vergewaltigung als die am zerstörerischsten traumatischen Erfahrungen gelten. Bei Kriegsvergewaltigung ist zu erwarten, dass sie zu massivem Leid bei den Überlebenden führt und sowohl deren psychische und physische Gesundheit als auch ihre Beziehungen nachhaltig beeinflusst.

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Es gibt kaum systematische Forschung zum Thema Kriegsvergewaltigung, ihren Langzeitfolgen und den Bewältigungsstrategien von Überlebenden. Deshalb führten die Frauenrechtsorganisation medica mondiale und ihre bosnische Partnerorganisation Medica Zenica, von Juni 2013 bis Februar 2014 eine Studie mit 51 Frauen durch, die in der Zeit während und nach dem Krieg Unterstützungsangebote von Medica Zenica in Anspruch genommen hatten. „Wir wurden verletzt, doch wir sind mutig und stark“, lautet der Titel der Studie.

Die Forschungsergebnisse im Einzelnen: 51 Frauen im Alter zwischen 33 und 81 Jahren ließen sich zu vier Forschungsfeldern befragen: Erstens ging es darum, wie die erlebte Gewalt den Alltag der Frauen beeinflusst. Zweitens wurde erfragt, wie die bosnische Gesellschaft mit Überlebenden umgeht. Dritter Schwerpunkt waren die Bewältigungsmechanismen und viertens sollten die Frauen bewerten, wie hilfreich die Hilfsangebote des Frauentherapiezentrums Medica Zenica für sie waren.

Die Studie zeigt auch zwanzig Jahre später eine alarmierende Gesundheitssituation: über 93 Prozent der Frauen haben nach wie vor gynäkologische Probleme, 76 Prozent schildern Schlafstörungen und 57 Prozent leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Mehr als 70 Prozent der Befragten gaben an, die Vergewaltigungen beherrschten noch immer ihr Leben, vor allem in Form von immer wiederkehrenden, belastenden Erinnerungen, Nervosität und Problemen in engen Beziehungen. Mehr als ein Viertel der Frauen berichtet, die Weitergabe der unbewältigten Traumata habe das Leben ihrer Kinder vollständig beeinflusst. Diese Resultate belegen die destruktiven Langzeiteffekte von Kriegsvergewaltigungen.

Die betroffenen Frauen erleben keine soziale Anerkennung in ihrem Land: Seit 2006 können Überlebende sexualisierter Kriegsgewalt in Bosnien und Herzegowina den „Status des zivilen Kriegsopfers“ beantragen. Dieser umfasst eine monatliche Rente von circa 275 Euro sowie Weiterbildungen, Unterstützung bei Arbeitslosigkeit oder der Wohnungssuche. Bislang haben nur knapp tausend von 20 000 bis 50 000 der damals vergewaltigten Frauen und Mädchen den Status beantragt. Als Gründe dafür nennen sie die schlechte Informationspolitik der bosnischen Regierung, den hohen Verwaltungsaufwand und das entwürdigende Verfahren, bei dem die Frauen wiederholt die Vergewaltigungen schildern müssen. Immerhin 76 Prozent der Frauen in der Forschungsgruppe haben den Status erlangt. Hingegen nutzen nur acht Prozent von ihnen die Programme zu Arbeit, Bildung und Wohnen, obwohl sie dazu berechtigt wären.

Die am häufigsten genannte Bewältigungsstrategie ist Ablenkung. 60 Prozent der Befragten nutzen regelmäßig Psychopharmaka, um ihre Nervosität zu lindern und ihr tägliches Leben meistern zu können. Wichtigste Faktoren zur Stabilisierung seien der Austausch mit Gleichgesinnten und deren emotionale Unterstützung sowie Hobbies und Spiritualität, erklärten die Frauen. Auf die Frage „Heilt die Zeit?“, antworteten 40 Prozent mit Ja, 28 Prozent mit Nein und 28 Prozent sagten aus, es sei gleich schwierig.

Als sehr hilfreich beschrieben die Teilnehmerinnen der Studie die Unterstützungsangebote von Medica Zenica. Mehr als 80 Prozent berichteten, dass sie dort psychologische Hilfe, medizinische Unterstützung, Nahrung und Kleidung erhalten haben. Das Frauenhaus von Medica Zenica gewährte ungefähr 50 Prozent der befragten Frauen Zuflucht. Sie erfuhren durch die Mitarbeiterinnen emotionale Unterstützung, finanzielle Hilfe und Hilfe bei der Kinderbetreuung. Die Betroffenen schlossen Berufsbildungskurse ab und absolvierten Computer- oder Englischkurse. Besonders betonten die Betroffenen die Möglichkeit zu sprechen und mit anderen, die Ähnliches erlebt hatten, die Erfahrung zu teilen.

Petra Bühring

@Die ausführlichen Studienergebnisse: http://d.aerzteblatt.de/NK28RG96

3 Fragen an . . .

Dr. med. Monika Hauser, Gynäkologin und Gründerin der Frauenrechtsorganisation medica mondiale

Foto: Ulla-Burghardt
Foto: Ulla-Burghardt

DÄ: Welche Forderungen leiten Sie aus den Ergebnissen der Studie ab?

Monika Hauser: Gemeinsam mit unserer bosnischen Partnerorganisation Medica Zenica fordern wir langfristige psychosoziale, gesundheitliche, rechtliche und ökonomische Angebote für Überlebende von Kriegsvergewaltigungen und ihre Familien. Dafür braucht es natürlich auch langfristige Finanzierungen. Außerdem drängen wir darauf, dass bosnische Politiker – und mit ihnen die gesamte Gesellschaft – das an den Frauen verübte Unrecht endlich anerkennen und die Täter angeklagt und bestraft werden.

DÄ: Ist Medica Zenica mit anderen psychosozialen Zentren vernetzt?

Hauser: Unsere Kolleginnen arbeiten eng mit anderen bosnischen Nichtregierungsorganisationen und den Behörden zusammen. Dabei ist inden letzten Jahren ein institutionelles Unterstützungsnetzwerk entstanden, das in neun von insgesamt zehn Kantonen tätig ist. Mitarbeiterinnen dieses Netzwerks begleiten Überlebende, wenn sie den „Status des zivilen Kriegsopfers“ beantragen oder sich auf ein Strafverfahren gegen den Vergewaltiger vorbereiten. Außerdem finden Trainings für alle beteiligten Behörden statt, bei denen den Mitarbeitern ein trauma-sensibler Umgang mit Überlebenden sexualisierter Kriegsgewalt vermittelt wird.

DÄ: Warum beantragten nur tausend Frauen den „Status des zivilen Kriegsopfers“?

Hauser: Die Befragten in der Studie nennen als Gründe dafür, die mangelnde Aufklärung durch die bosnische Regierung und das entwürdigende Verfahren, bei dem die Frauen wiederholt die Vergewaltigungen schildern müssen. Hinzu kommt die Stigmatisierung. Als Beispiel dafür möchte ich ein Zitat nennen: „Bist Du eine dieser vergewaltigten Frauen?“, wurde eine Frau vom Postboten gefragt, als er ihr den Brief einer Hilfsorganisation für Überlebende zustellte.

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