ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2015Infektionskrankheiten: Klimawandel als Katalysator

MEDIZINREPORT

Infektionskrankheiten: Klimawandel als Katalysator

Dtsch Arztebl 2015; 112(23): A-1043 / B-877 / C-847

Grunert, Dustin

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Durch Stechmücken werden jährlich mehr als 300 Millionen Menschen allein mit Malaria infiziert. Foto: dpa
Durch Stechmücken werden jährlich mehr als 300 Millionen Menschen allein mit Malaria infiziert. Foto: dpa

Höhere Temperaturen begünstigen die Ausbreitung von pathogenen Erregern nach Norden. Die „neglected tropical diseases“ stehen auch auf der Tagesordnung des diesjährigen G7-Gipfeltreffens.

Das globale Klima hat sich im letzten Jahrhundert verändert. Der CO2-Ausstoß, der seit Beginn des industriellen Zeitalters durch den Menschen verursacht wurde, hat dafür gesorgt, dass sich die globale Durchschnittstemperatur um bis zu 0,7 Grad Celsius erhöht hat (für das kommende Jahrhundert werden bis zu vier Grad erwartet). Obwohl diese Steigerung nur gering erscheinen mag, zieht sie weitreichende, meist unumkehrbare Folgen nach sich: Das Schmelzen von Gletschern und Polarkappen sowie Überschwemmungen und Dürren gehören dazu. Die Klimaveränderung wird aber auch große Auswirkungen auf die globale Gesundheit haben.

Neben Todesfällen durch extreme Wetterbedingungen und durch Luftverschmutzung werden sich vor allem Infektionskrankheiten, die schon jetzt die zweithäufigste Todesursache weltweit darstellen, weiter ausbreiten. Insbesondere vektorübertragene, also durch Tiere auf den Menschen übertragene Krankheiten sowie Zoonosen, also Krankheiten, bei denen eine Übertragung vom Tier auf den Menschen und umgekehrt möglich ist, werden extrem durch ein verändertes Klima beeinflusst. Derzeit treten die meisten dieser Infektionen in der Subsahara-Region auf, doch auch in Europa werden sie in Zukunft zunehmen. Die Voraussetzungen sind aber grundlegend anders.

Obwohl Malaria bis vor rund 150 Jahren in Deutschland noch häufig vorkam und erst Mitte der 50er Jahre ausgerottet wurde, ist es unwahrscheinlich, dass die Krankheit in Mittel- und Nordeuropa wieder heimisch wird. Zwar benötigt der Erreger der Malaria – Protozoen der Gattung Plasmodium – eine Mindesttemperatur, um sich zu entwickeln. Und auch die Ausbreitung des Vektors, die Anophelesmücke, wird durch tropische Temperaturen begünstig. Dennoch konnte bisher kein eindeutiger Zusammenhang zwischen klimatischen Veränderungen und der Ausbreitung von Malaria hergestellt werden. Die Erkrankung wird vielmehr durch sozio-ökonomische Faktoren begünstigt.

Flut exotischer Krankheiten in Europa möglich

So wie die europäischen Gesundheitssysteme aufgestellt sind, ist eine Ausbreitung in der EU auch in Zukunft sehr unwahrscheinlich. Der Großteil der bis zu 500 Millionen Erkrankungen wird wohl auf Afrika beschränkt bleiben und laut Schätzungen der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) bis 2050 auf bis zu eine Milliarde Fälle steigen.

Zu sorglos sollte man in Europa aber trotzdem nicht in eine Zukunft mit einem wärmeren Klima sehen. Es gibt nämlich durchaus Infektionserreger deren Ausbreitung in Richtung Norden durch höhere Temperaturen begünstigt wird. Und mit ihnen könnte es zu einer Flut neuer exotischer Krankheiten in Europa kommen.

Zecken sind ein Musterbeispiel dafür, wie sich vektorübertragene Krankheiten durch veränderte klimatische Bedingungen verbreiten können. Die Spinnentiere können Überträger der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) und der Lyme-Borreliose sein. Erhöhte Temperaturen begünstigen die Entwicklung und Vermehrung der Zecken. Durch mildere Winter und ein erhöhtes Nahrungsangebot erhöht sich die Überlebensrate von Nagetieren, die als Wirtstiere der Zecken gelten.

Mittlerweile sind Zecken sogar in den nördlichen Regionen Schwedens und Norwegens zu finden. Und die FSME „wandert“ in Deutschland immer weiter nordwärts. Baden-Württemberg gilt bereits vollständig als Risikogebiet, Bayern zu einem Großteil. Auch einige andere Bundesländer sind mittlerweile betroffen.

Doch nicht nur vor der Weiterverbreitung von Infektionskrankheiten muss sich Europa in Acht nehmen. Es werden wahrscheinlich auch Erreger von anderen Kontinenten importiert und heimisch werden. Mückenpopulationen stellen das größte Risiko in Bezug auf viele vektorübertragene Infektionskrankheiten dar. So beobachtet man seit Jahren die Ausbreitung der Tigermücke, die sowohl Dengue-, Chikungunya- als auch Gelbfieberviren übertragen kann.

Obwohl wahrscheinlich die weltweite Mobilität von Menschen und Gütern die Einschleppung dieser Art verursacht hat, können sich diese sowie andere Mückenarten erst durch die veränderten klimatischen Bedingungen in Europa festsetzen und vermehren. Nach einer Übertragung auf den Menschen sind zum Beispiel bei Dengue die wesentlichen tierischen Wirte der Krankheit (Affen) nicht mehr von Bedeutung. Eine große Mückenpopulation ist ausreichend, um das Virus zu verbreiten.

Dustin Grunert

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