ArchivDeutsches Ärzteblatt22/199650 Jahre Nürnberger Kodex: Entwicklung, Wirksamkeit und künftige Bedeutung ethischer Kodizes in der Medizin

THEMEN DER ZEIT: Tagungsberichte

50 Jahre Nürnberger Kodex: Entwicklung, Wirksamkeit und künftige Bedeutung ethischer Kodizes in der Medizin

Gerst, Thomas

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LNSLNS 1997 werden fünfzig Jahre vergangen sein, seit mit dem "Nürnberg Code" in der Urteilsbegründung des Nürnberger Ärzteprozesses zum erstenmal international anerkannte ethische Grundsätze für die Durchführung von medizinischen Versuchen an Menschen formuliert wurden. Aus diesem Anlaß soll vom 11. bis 15. Oktober 1997 ein internationaler Kongreß "Ethical Codes in Medicine 1947–1997: History – Impact – Implications" stattfinden, veranstaltet von der Akademie für Ethik in der Medizin e.V. in Zusammenarbeit mit dem Institut für Geschichte der Medizin und dem Zentrum für Ethik und Recht in der Medizin an der Freiburger Universität. Der inhaltlichen Vorbereitung dienten zwei interdisziplinäre Tagungen – vom 19. bis 21. April und vom 10. bis 12. Mai – in Freiburg*).


Gibt es eine historische Traditionslinie, in die sich der Nürnberger Kodex einordnen läßt? Welche Bedeutung hatten vor Nürnberg ethische Normen für das ärztliche Handeln? Welche Wechselwirkungen bestanden in der Folge zwischen ethischen Kodizes und deren gesetzlicher Verankerung? Inwieweit konnten die seit 1947 erfolgte Weiterentwicklung ethischer Kodizes und die inzwischen institutionalisierten Formen medizinischethischer Ausbildung und Kontrolle den Erfordernissen einer nicht nur durch rasanten medizinischen Fortschritt, sondern auch durch einen tiefgreifenden Wandel im Arzt-Patienten-Verhältnis geprägten Entwicklung gerecht werden? Besteht eine Chance zur Durchsetzung weltweit akzeptierter Ethik-Standards in der Medizin, oder müssen kulturelle Unterschiede Berücksichtigung finden?
Dies waren einige der zentralen Fragestellungen, mit denen sich zwei Tagungen über ethische Kodizes in der Medizin im April und Mai dieses Jahres auseinanderzusetzen hatten. Der Durchführung der beiden Tagungen – der einen mit Englisch, der anderen mit Französisch als Tagungssprache – lag das Konzept zugrunde, die aus verschiedenen Mentalitäten und Rechtstraditionen erwachsenen Unterschiede in der Rezeption medizinethischer Kodizes deutlich werden zu lassen.
Betrachtet man die Zeit vor 1947, so wurde am Beispiel der USA deutlich, daß dort etwa in bezug auf medizinische Experimente am Menschen ethische Prinzipien innerhalb der Ärzteschaft sehr wohl bekannt waren, es aber in der Praxis – und dies nicht nur im geheimen, sondern auch publiziert in Fachzeitschriften – immer wieder zu Verstößen gegen diese Grundsätze kam. Auffällig dabei war die Unfähigkeit der American Medical Association zur internen Durchsetzung verbindlicher Regeln, bedingt auch durch das Fehlen einer Disziplinargewalt. Mit dem Nürnberger Kodex nahm der Druck auf die Ärzteschaft von außen zu. Auch wenn die unmittelbaren Auswirkungen in den USA – betrachtet man etwa die radioaktiven Experimente mit Menschen bis in die 70er Jahre hinein – nicht überschätzt werden sollten, so boten die vom Nürnberger Gericht formulierten Grundsätze den Ausgangspunkt für eine weiterführende kritische Diskussion. Überraschend ist, daß der Nürnberger Kodex hier wie auch in anderen Ländern erst seit den 80er Jahren in einer mehr und mehr für medizinethische Fragestellungen sensibilisierten Öffentlichkeit Beachtung fand.


Ethik versus Staatsraison
Wie erschreckend groß die Diskrepanz zwischen bereits verbindlich vorgeschriebenen medizinethischen Verpflichtungen und deren Umsetzung in der Praxis sein kann, macht gerade das deutsche Beispiel deutlich. Mit den vom Reichsministerium des Innern 1931 vorgegebenen "Richtlinien für neuartige Heilbehandlung und für die Vornahme wissenschaftlicher Versuche am Menschen" war eine bis dahin im internationalen Vergleich einmalige und geradezu vorbildliche Regelung dieser Materie getroffen worden. In welch furchtbarer Weise dessenungeachtet deutsche Mediziner unter dem Nationalsozialismus "wissenschaftliche" Versuche am Menschen durchgeführt haben, dürfte inzwischen hinlänglich bekannt sein.
Daß die Durchsetzung medizin-ethischer Grundsätze immer wieder aus Gründen einer als übergeordnet empfundenen Staatsraison vernachlässigt wurde, wurde am Beispiel der Behandlung japanischer Medizinverbrechen während des 2. Weltkriegs aufgezeigt. Die Menschenversuche japanischer Mediziner bei der Erforschung der Wirksamkeit biochemischer Kampfstoffe blieben ungesühnt, obgleich sich Vertreter der Siegermacht durchaus bewußt waren, daß Art und Ausmaß der Experimente ein Gerichtsverfahren ähnlich dem Nürnberger Ärzteprozeß erfordert hätten. Doch überwog hier das staatliche Interesse am Erhalt der unter Mißachtung medizinischer Ethik erzielten Forschungsergebnisse, so daß die Kooperation der für die Menschenversuche verantwortlichen Mediziner mit dem Verzicht auf ein strafrechtliches Verfahren entlohnt wurde.
Der hippokratische Eid, von vielen immer noch als ein Maßstab und eine Verpflichtung für ethisches Handeln in der Medizin angesehen, entpuppt sich bei näherer Analyse als ein mythisches Konstrukt, das in seiner Unverbindlichkeit und Widersprüchlichkeit wenig geeignet ist zur Aufrechterhaltung ethischer Standards innerhalb der Ärzteschaft, sondern eher als ein Mittel des Statuserhalts instrumentalisiert werden kann.


Die Entwicklung nach Nürnberg
Seit Ende der 50er Jahre verstärkte sich die Debatte um eine Weiterentwicklung des Nürnberger Kodex, der in einigen Punkten zu eng auf das Gerichtsverfahren zugeschnitten war und mit der Nicht-Unterscheidung zwischen Forschungs- und therapeutischen Experimenten den Erfordernissen einer sich in einem dynamischen Entwicklungsprozeß befindlichen Medizin nicht gerecht zu werden schien. Die Deklarationen des Weltärztebunds von Tokio (1962) und Helsinki (1975) bedeuteten so eine Weiterentwicklung der 1947 aufgestellten ethischen Grundsätze zur medizinischen Forschung am Menschen.
Ein seit Ende der 60er Jahre in den anglo-amerikanischen Staaten und Westeuropa zu konstatierender gesellschaftlicher Wandel, der eine Auflösung der bis dahin eher paternalistischen Strukturen im ArztPatienten-Verhältnis nach sich zog, verstärkte den Druck von außen auf die ärztliche Profession, sich mehr als bisher mit ethischen Aspekten auseinanderzusetzen. Diese Entwicklung findet ihren Ausdruck in der seit etwa zwei Jahrzehnten stetig wachsenden Zahl von Deklarationen verschiedenster Organisationen zu medizinethischen Fragen. Unterschiedlich ist, wie in der Folge in verschiedenen Ländern, sei es durch Gesetzgebung oder durch Maßgabe der ärztlichen Standesorganisationen selbst, Formen der medizinethischen Diskussion, Kontrolle oder Ausbildung eine institutionalisierte Ausprägung gefunden haben. Übereinstimmung herrschte bei den Tagungsteilnehmern darüber, daß Deklarationen oder sonstige Willensbekundungen allein nicht ausreichten, sondern daß eine dauerhafte Überführung medizinethischer Essentials in geltendes Recht notwendig sei.
Gerade bei der Behandlung ethischer Fragestellungen im Rahmen der medizinischen Ausbildung scheint eine Reihe von Ländern im Vergleich mit Deutschland schon weiter vorangeschritten zu sein. So findet etwa in Italien Ethik als Pflichtfach innerhalb des Grundstudiums sehr starke Be-rücksichtigung. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Frage, ob eher eine Diskussion allgemeiner Grundsätze ethischen Handelns oder aber die Arbeit mit konkreten Fallbeispielen aus dem medizinischen Alltag dazu geeignet ist, die Medizinstudenten auf ihre spätere Tätigkeit vorzubereiten.
Daß eine Weiterentwicklung medizinethischer Kodizes unabdingbar ist, wurde am Beispiel der durch die Erfolge der Genmedizin (Stichwort: Vorhersagbarkeit aufgrund genetischer Merkmale) aufgeworfenen neuen Problemstellungen deutlich gemacht. Auch die Tatsache, daß zukünftig nur beschränkte Ressourcen bei der medizinischen Versorgung zur Verfügung stehen werden, erfordert einen vor allem an ethischen Prinzipien orientierten neuen Handlungsansatz, der stärker als bisher das Solidaritätsprinzip in den Vordergrund rückt. Die Durchsetzung weltweit geltender medizinethischer Kodizes kann dort an ihre Grenzen stoßen, wo etwa – wie bei der Forderung nach freier Selbstbestimmung der Probanden – kulturell bedingte Unterschiede in der Familienstruktur einem in der westlichen Welt entwickelten Konzept entgegenstehen. Doch herrschte Übereinstimmung darüber, daß dies nicht der Formulierung und Einforderung unverzichtbarer, transkulturell anwendbarer medizinethischer Prinzipien im Wege stehen dürfe. Thomas Gerst

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