ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2015Psychotherapie und Philosophie: Der optimierte Mensch und das gute Leben

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Psychotherapie und Philosophie: Der optimierte Mensch und das gute Leben

PP 14, Ausgabe Juni 2015, Seite 258

Goddemeier, Christof

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Den Fragen nach dem Sinn von Optimierung, dem Streben des Menschen sich zu verbessern, nach ihrer Wünschbarkeit und ihren Grenzen widmete sich die erste der diesjährigen Lindauer Psychotherapiewochen.

Friedrich Nietzsche zufolge ist der Mensch das „noch nicht festgestellte Tier“, seiner kontinuierlichen Verbesserung oder Steigerung, seinem „Enhancement“, sind demnach theoretisch keine Grenzen gesetzt. Seit ihrem Beginn haben Menschen versucht, sich zu verbessern, ihr Wunsch nach Selbststeigerung gehört zu ihrem evolutionären Programm. Im engeren Sinn kennzeichnet der Begriff „Enhancement“ Strategien, die über moralische Erziehung, körperliches Training und schulisches Lernen hinausgehen. In einer zunehmend ökonomisch geprägten Lebensform liegen die Vorteile auf der Hand: Die Optimierten erlangen signifikante Vorteile im Kampf um knappe, begehrte und kostbare Güter, etwa attraktive Arbeitsplätze, Ansehen und Wohlstand. Doch kann der Mensch überhaupt optimiert werden? Und wie vertragen sich Optimierung und der damit verbundene Perfektionsdruck mit dem guten Leben, also mit einer Auffassung von Glück, das bestimmte Werte anzustreben, andere zu vermeiden lehrt?

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Mit Blick auf Theodor W. Adornos Diktum „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ skizziert Prof. Dr. phil. Susan Neiman, Potsdam, im Eröffnungsvortrag Möglichkeiten eines guten Lebens. „Falsch“ ist nach Adorno unsere Gesellschaft mit ihrer „grenzenlosen Anhäufung von Spielzeug“ (Neiman). Dem stellt Neiman Immanuel Kant und seine Aufforderung an den einzelnen gegenüber, sich aus selbst verschuldeter Unmündigkeit zu befreien. Dabei bedeutet ihr zufolge „grenzenloses Misstrauen statt grenzenlosem Vertrauen“ noch keine Mündigkeit. Einer infantilen Gesellschaft stellt Neiman das Erwachsenwerden als subversiv gegenüber. Damit meint sie nicht Resignation („Die Welt ist trübe, aber es tut nicht mehr so weh“), sondern die Fähigkeit, Ungewissheiten hinzunehmen und auszuhalten. Nach Kant ist die Welt nicht vernünftig. Die Vernunft helfe uns, das nicht zu akzeptieren, und versuche, der Welt einen Sinn abzugewinnen – laut Neiman ein „schwieriger Balanceakt“, der nur mit Mut zu bewerkstelligen sei.

Schattenseite der Autonomie

Prof. Dr. med. Ulrich Streeck, Göttingen, zeichnet die Entwicklung nach, die zur Selbstoptimierung als „zeitgenössischem Imperativ“ geführt habe. Bis Mitte der 60er Jahre sei „Selbstverwirklichung“ kaum bekannt gewesen, Veränderungen zielten vor allem auf die äußeren Verhältnisse. Mit zunehmender Individualisierung, also abnehmender Bindung an eine soziale Klasse und normgebende Institutionen, richteten Menschen ihre Aufmerksamkeit auf die „Natur, die wir selber sind“. Damit einher gingen eine Steigerung der Einkommen und eine Reduktion der Arbeitszeit. 1998 sprach Alain Ehrenberg in seinem Buch „Das erschöpfte Selbst“ von der „Strapaze, man selbst zu sein“ und vermutete in der Depression die Schattenseite der Autonomie: Eine Gesellschaft, die sich zunehmend auf persönliche Initiative, Wahlfreiheit und Selbstverwirklichung gründet, enthüllt Mängel in der Ich-Strukturierung, die in einer disziplinierenden Gesellschaft gar nicht aufgefallen sind. Autoren wie Diana Diamond und Christopher Lasch sehen die neurotische durch die narzisstische Persönlichkeit abgelöst, wobei laut Streeck eine Zunahme narzisstischer Persönlichkeitsstörungen nicht belegt ist. Ihm zufolge sind Medizin und Psychotherapie an dieser Entwicklung beteiligt: Während eine ehemals „reine Reparaturmedizin“ ihren Blick heute selbstverständlich auch auf die Gesundheit und ihre Erhaltung richte, beschränke sich Psychotherapie nicht mehr auf die Behandlung psychischer Erkrankung, sondern erweitere ihren Auftrag etwa auf Fragen des „guten Lebens“. In der anschließenden Diskussion wird deutlich, dass sich in grenzenloser Selbstoptimierung auch eine Angst vor dem Tod sowie der Wunsch zeigen kann, den Tod zu überwinden. Nicht zuletzt werde mit der Nachfrage nach Selbstoptimierung in einer Marktwirtschaft Geld verdient.

Wer sich mit der Optimierbarkeit des Menschen beschäftigt, kommt an der Schwangerschaft und den ersten beiden Lebensjahren nicht vorbei. Prof. Dr. phil. Dr. rer. nat. Gerhard Roth, Bremen, fragt nach der Wirkung vor- und nachgeburtlicher Umwelteinflüsse auf Gehirn und Psyche. Psychobiologische Tierstudien zeigen epigenetische Effekte früher Beziehungserfahrungen (1): So beeinflusst Roth zufolge das Fürsorgeverhalten über den Serotoninspiegel die Genexpression des Stresshormons Cortisol. Diese Phänomene sind vererbbar. Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung hinterlassen also auch (epi)genetische Spuren.

In einer Hauptvorlesung widmet sich Prof. Dr. med. Joachim Bauer, Freiburg, den neurobiologischen Perspektiven des „guten Lebens“. Der Begriff des gelungenen Lebens (Eudaimonia) geht auf Aristoteles zurück und ist eher Gegenstand eines philosophischen und gesellschaftlichen Diskurses. Die Neurowissenschaften können laut Bauer lediglich einen Rahmen von Lebensmöglichkeiten beschreiben, der dem Menschen zuträglich sei. Sigmund Freud hielt das Lustprinzip für gefährlich und seine Ersetzung durch das Realitätsprinzip, also eine „zeitweilige Duldung der Unlust“, für unabdingbar. In diesem Sinn ist laut Bauer das limbische System keineswegs die „Pforte zum Paradies“, sondern eine mögliche „Quelle des Bösen“. Denn fehlende Zugehörigkeit, soziale Ausgrenzung, auch Trennungserfahrungen frustrieren und begünstigen sowohl Aggression und Gewaltbereitschaft als auch Depression. Bauer zufolge sind Selbstkontrolle und -steuerung „Teil der biologischen Bestimmung des Menschen“, mithin sein „Erfolgsticket“: „Kämpfen, beißen, kratzen können andere viel besser.“ Den „Hoffnungsträger eines guten Lebens“ sieht er im präfrontalen Cortex, erst die „frontolimbische Schleife“ mache den Menschen zum Menschen: Im präfrontalen Cortex sind Ich und Du als „Ich-Du-Kopplung“ kodiert, hier wird entschieden, antizipiert und abgewogen, auch die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, ist dort lokalisiert. Dabei seien diese Zentren zum Zeitpunkt der Geburt „informationell leer“, in den ersten 18 bis 24 Monaten entwickle ein Mensch seine Repräsentanzen von Ich und Du. Laut Bauer muss dieser Prozess bis etwa zum Ende des zweiten Lebensjahres dyadisch verlaufen und ist störbar – etwa durch Vernachlässigung, Gewalterfahrung, dysfunktionale Rückspiegelungen an das Kind und personell unzureichend ausgestattete Kindertagesstätten. Erst mit dem Beginn des dritten Lebensjahres bilden sich „exekutive Funktionen“ aus, wie kognitives Lernen, Arbeitsgedächtnis, Anpassung des Verhaltens an neue Regeln. Fehlt die Fähigkeit zur Selbstkontrolle, resultieren schlechtere körperliche Gesundheit, eine größere Neigung zu Depression und Substanzabhängigkeit, höhere Straffälligkeit, instabile Partnerschaften und niedrigerer sozioökonomischer Status (2).

Manuale und Leitlinien

Auch die Psychotherapeuten selbst müssen sich mit Fragen ihrer Optimierung auseinandersetzen. Dazu leisten Manuale und Leitlinien einen Beitrag. Prof. Dr. med. Stephan Doe-ring, Wien, zeichnet die Entwicklung dorthin nach: Einer ersten Phase psychoanalytischer Behandlung (1895–
1912) folgen erste Operationalisierungen, etwa das „Container“-Modell (1912) und das Abstinenzgebot (1915). Ab 1975 werden Manualisierungen verfasst. Doering weist darauf hin, dass Manuale für die Psychotherapieforschung entwickelt wurden und kein Lehrbuch ersetzen können und sollen. Ab 1990 werden Manuale zunehmend störungsspezifisch. In der „Glanzzeit der biologischen Psychiatrie“ ging es wesentlich auch darum, gegenüber den mit großem Aufwand betriebenen Wirksamkeitsnachweisen medikamentöser Behandlung die Wirksamkeit von Psychotherapie zu belegen. Kritik an der Manualisierung von Psychotherapie hat etwa William P. Henry geäußert: eine Fokussierung auf die Störung, Betonung der Technik und eine Entwertung „unbewiesener“ Therapien. Zudem liefern Manuale keine Evidenz der Veränderungsmechanismen eines Verfahrens. Doering spart die Schwächen dieser Art von Psychotherapieforschung nicht aus: Unter „Labor-Bedingungen“ würden monomorbide Patienten behandelt, die es in der Wirklichkeit meistens gar nicht gebe. Daraus leitet sich die Forderung nach „Feld-Studien“ ab, die etwa Komorbiditäten angemessen berücksichtige. Doerings Fazit: Ein Manual macht aus einem schlechten Therapeuten keinen guten Therapeuten, aber es könne einem guten Therapeuten helfen, ein besserer zu werden.

Prof. Dr. phil. Heidi Möller, Kassel, berichtet schließlich aus einer auf vier Jahre angelegten eigenen Studie zur „Kompetenzentwicklung von Psychotherapeutinnen in Ausbildung“, an der sich bundesweit 17 Institute beteiligen. Untersucht werden Bindungsverhalten, wer welches Verfahren wählt sowie professionelles und privates interpersonelles Verhalten. Für die Selbsterfahrung ist laut Möller vor allem die „Entwicklung eines freundlichen, selbstfürsorglichen Introjekts entscheidend“, die Länge spiele praktisch keine Rolle. Am Ende der Ausbildung sind 81 Prozent sicher gebunden, davon 15 Prozent mit „erworbener Sicherheit“ („earned secure“). Dass eine größere Arbeitszufriedenheit resultiert, wenn Psychotherapeuten ein Verfahren wählen, das zu ihnen passt, überrascht nicht. Die Mehrheit von ihnen würde den Beruf wieder ergreifen. Den Kandidaten sowie den unterschiedlichen Verfahren lassen sich keine signifikanten Persönlichkeitsunterschiede zuordnen. Bezüglich der therapeutischen Haltung sehen Verhaltenstherapeuten indes eher Unterstützung, Psychoanalytiker eher Einsicht als kurativen Faktor.

Christof Goddemeier

1.
Zhang TY, Meaney MJ: Epigenetics and the Environmental Regulation of the Genome and Its Function. Annual Review of Psychology 2010; 61: 439–66.
2.
Moffitt TE, et al.: A gradient of childhood self-control predicts health, wealth, and
public safety. Proceedings of the National Academy of Science 2011; 108: 2693–98.
Beispiel Michael Meaney 2010
1.Zhang TY, Meaney MJ: Epigenetics and the Environmental Regulation of the Genome and Its Function. Annual Review of Psychology 2010; 61: 439–66.
2.Moffitt TE, et al.: A gradient of childhood self-control predicts health, wealth, and
public safety. Proceedings of the National Academy of Science 2011; 108: 2693–98.
Beispiel Michael Meaney 2010

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