ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2015Germanwings-Flug: Helfen wir wirklich?
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Frau Bühring macht einem Moderator den Vorwurf, er würde Ängste schüren. Ich persönlich glaube nicht, dass man da viel schüren muss, ich jedenfalls kann es völlig nachvollziehen, dass Menschen sich ihre Gedanken machen, wenn ein Pilot 149 Menschen und sich selbst tötet.

Und ich denke, es ist auch nicht zu weit hergeholt, festzustellen, dass er psychisch krank war – egal, ob es dafür einen ICD- oder DSM-Code gibt oder nicht, egal ob die Erkrankung bereits diagnostiziert wurde oder nicht – jemand, der so eine Tat vorsätzlich durchführt, und am Vorsatz gibt es nach Auswertung des Flugschreibers meines Wissens keine Zweifel mehr, ist psychisch krank. Man wird ihn jedenfalls schwerlich als geistig gesund bezeichnen können.

Die Frage, die gestellt werden muss, und die von Frau Bühring nicht einmal angedeutet wird, ist die nach der Wirksamkeit der Behandlungen, die wir anbieten. Der Pilot war ja in der Vergangenheit und auch kurz vor dem Absturz in Behandlung (wie die Krankschreibung belegt) und es ist trotzdem passiert. Nun ist mir natürlich klar, dass man immer Fälle haben wird, denen man nicht helfen kann. Aber die Frage muss man trotzdem stellen! Und Fehler, die im Rahmen der Beantwortung dieser Frage entdeckt werden, muss man eingestehen und korrigieren.

Anzeige

Ich möchte verdeutlichen, was ich meine. Kürzlich wurde mir aus erster Hand von der stationären Behandlung eines Angstpatienten berichtet, der bereits sieben Psychopharmaka bekam (parallel), und dem jetzt zusätzlich ein achtes Psychopharmakon verabreicht wurde, da sich die Störung nicht besserte. Meines Erachtens kann die Wechselwirkung dieses Cocktails aus sieben Medikamenten schon niemand abschätzen, und bevor man da noch eins draufsetzt, sollte man bitteschön zunächst mal innehalten und die Therapie grundsätzlich überdenken.

Wir sollten uns als Ärzte ehrlich fragen: Helfen wir wirklich, oder stellen wir nur ruhig?

Vor dem Hintergrund von 150 Toten darüber zu jammern, dass jemand Patienten stigmatisiert, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, ob nicht von ärztlicher Seite etwas besser hätte gemacht werden können, ist völlig unangebracht.

Dr. med. Björn Lotz, 81245 München

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige
Anzeige