ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2015Männliche Entwicklung: Horizonterweiternde Wirkung zur Geschlechterfrage

BÜCHER

Männliche Entwicklung: Horizonterweiternde Wirkung zur Geschlechterfrage

Krutzenbichler, Sebastian; Essers, Hans

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Das Buch ist ein beeindruckendes, qualitatives Forschungsprojekt klinischer Praxis, mit hohem Aufwand erstellt, das nachdenklich innehalten und Fragen zur eigenen Praxis entstehen lässt, zu denen die gültigen Antworten schon längst gegeben scheinen.

Im ersten Abschnitt des Buches werden „Biologische, psychische und soziale Entwicklungsprozesse von Jungen und Männern“ mit Fokus auf die Unterscheidung von „Sex“ und „Gender“ und die Geschlechterforschung, biologische Faktoren in der männlichen Entwicklung, unbewusste Einschreibungen der Eltern bei der Bildung der Geschlechtsidentität, die Bedeutung des Vaters, Phallizität und Ödipalität, Entwicklung im Jugendalter, sexuelle und unbewusste Fantasien und Vaterschaft referiert und diskutiert.

Anzeige

Didaktisch hervorragend ist hier die Struktur eines kritisch-konstruktiven Interview-Trialogs, wobei die unterschiedlichen Standpunkte der Autoren und die verschiedenen theoretischen Konzeptionen gerade nicht dichotomisierend, sondern sich ergänzend dargestellt werden. Hierdurch wird der Leser angeregt, einen Perspektivwechsel vorzunehmen und die Neugier auf weiterführende Literatur wird geweckt.

Die Bandbreite der diskutierten theoretischen Ansätze sowie die Zeitachse der Entwicklung des Diskurses, die man bei der Lektüre über die psychosexuell-soziokulturelle männliche Entwicklung in Kindheit und Jugend unaufdringlich angeboten bekommt, ist groß. Klassische und neuere, alternative psychoanalytische Positionen, Entwicklungs- und Sozialpsychologie, Genderforschung und Queer-Theory, immer bezogen auf die Geschlechterfrage im psychotherapeutischen Prozess.

Der zweite Teil des Buches beinhaltet neun Behandlungsberichte, nachvollziehbar geschildert, sprachlich eingängig, zum Teil sehr berührend, vor allem wenn deutlich wird, wie klippenreich das Übertragungsgeschehen werden kann, wenn äußere dramatische Ereignisse auf unverarbeitete Traumatisierungen treffen. Gerade an diesen Stellen wird klar: Die Psychoanalyse wird in jeder Behandlung neu kreiert, ohne das Rad der Psychoanalyse neu erfinden zu müssen. Die neun Falldarstellungen zeichnen verschiedenste Symptomkomplexe im Zusammenhang mit der psychosexuellen Entwicklung von Männern anschaulich nach, beginnend im Alter von sechs bis zehn Jahren, über die Adoleszenz bis hin zu erwachsenen Männer unterschiedlichsten Alters.

Das „Herzstück“ des Buches besteht nun darin, dass die Behandler ihre Arbeit mit Kollegen des jeweils anderen Geschlechts diskutieren. „Dadurch werden das Geschlecht und die Geschlechterspannung im Verstehensprozess als wichtige Dimension eingeführt und aufeinander bezogen.“ Es leuchtet dem Leser sofort ein, wie hellsichtig der Blick des jeweils anderen Geschlechts auf die eigene, geschlechtsspezifische Arbeit Begrenztheiten aufzeigen und damit horizonterweiternd wirken kann. In ihrem Abschlusskommentar zur Falldiskussion resümieren Ilka Quindeau und Johannes Döser: „Wir haben dieses besondere, ungewöhnliche Setting ausprobiert, um herauszufinden, ob sich in seinem Arrangement spezifische ,blinde‘ Wahrnehmungsflächen leichter erkennen, aufheben und reduzieren lassen, wenn wir die libidinösen Potenziale der Geschlechterspannung erkenntnisbildend in den Fokus der Aufmerksamkeit zurückholen und darin zu nutzen versuchen.“ Das ist den Autoren mit diesem lohnenswerten Buch gelungen.

Sebastian Krutzenbichler, Hans Essers

Ilka Quindeau, Frank Dammasch: Männlichkeiten. Wie weibliche und männliche Psychoanalytiker Jungen und Männer behandeln. Klett-Cotta, Stuttgart 2014. 285 Seiten, gebunden, 34,95 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote