ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2015Psychotherapeutische Versorgung: Mehr Flexibilität für alle

EDITORIAL

Psychotherapeutische Versorgung: Mehr Flexibilität für alle

PP 14, Ausgabe Juni 2015, Seite 241

Bühring, Petra

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Die Struktur der psychotherapeutischen Versorgung muss sich grundlegend ändern. Sie muss zusätzlich zur zweifellos notwendigen Richtlinienpsychotherapie flexiblere Angebote machen können, die alle psychisch Kranken erreichen. Menschen mit einer Borderline-Störung, Psychose oder Suchterkrankung sind häufig unterversorgt, weil das starre Gerüst der Richtlinien nicht den Bedürfnissen ihrer Erkrankung entspricht. „Die Psychotherapie muss sich an den Patientenbedürfnissen orientieren und nicht umgekehrt“, urteilte so auch Prof. Dr. med. Fritz Hohagen, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Lübeck, bei einem Symposium der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Notwendig seien kurzzeitige intensive Behandlungen in Krisen. Aber auch eine jahrelange niederfrequente psychotherapeutische Unterstützung zur Stabilisierung des Erreichten müsse möglich sein. Flexiblere Settings, Verbundpraxen sowie eine bessere Vernetzung zwischen dem stationären und dem ambulanten Bereich wünscht sich Hohagen. Denn: „Wir werden in unseren Institutsambulanzen überschwemmt mit Patienten.“

Die Überführung vom stationären in den ambulanten Bereich ist aber nicht nur aufgrund der starren Richtlinien schwierig, sondern auch, weil die Wartezeiten auf ein erstes Gespräch bei einem Psychotherapeuten sehr lang sind. Viele, gerade schwer psychisch Kranke, bleiben dabei auf der Strecke. Abhilfe schaffen könnte eine Bedarfsplanung, die ihren Namen auch wirklich verdient. Die aktuelle Änderung am Entwurf für das GKV-Versorgungsstärkungsgesetz (GKV-VSG) verhindert nun zumindest Schlimmeres: Die strikte Aufkaufsverpflichtung für Arzt- und Psychotherapeutenpraxen in überversorgten Zulassungsbezirken wurde entschärft. Erst ab einem Versorgungsgrad von 140 Prozent ist jetzt eine Soll-Regelung vorgesehen; unterhalb dieses Wertes bleibt es bei der bestehenden Kann-Regelung. Bisher sah der Gesetzentwurf die Grenze für einen Zwangsaufkauf bereits bei einem Versorgungsgrad von 110 Prozent vor.

Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) könnte einen Teil von Hohagens Wünschen erfüllen, wenn die Psychotherapie-Richtlinie entsprechend der Vorgaben im GKV-VSG überarbeitet wird. Dazu gehört auch die Einführung von Sprechstunden bei Psychotherapeuten, was auch der Reduzierung von Wartezeiten dienen soll. In einem aktuellen Änderungsantrag werden die Sprechstunden dahingehend präzisiert, dass sie auch die frühzeitige diagnostische Abklärung, Akutversorgung und Rezidivprophylaxe ermöglichen sollen. Dr. Julian Dilling vom GKV-Spitzenverband gab bei dem DGPPN-Symposium einen Einblick in die aktuellen Diskussionen im G-BA beziehungsweise in die Vorstellungen der Krankenkassen zu den Sprechstunden: Nicht alle Leistungserbringer müssten daran teilnehmen. Geeignet finden die Kassen in erster Linie Psychiater, Psychosomatiker und ärztliche Psychotherapeuten. Psychologische Psychotherapeuten (PP) sind in dem Konzept nur in Klammern und in Kooperation mit einem Arzt vorgesehen. Das erstaunt, denn gerade die Praxisstruktur von PP sollte ja zusätzlich zur Richtlinienpsychotherapie geöffnet werden.

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Avatar #79783
Practicus
am Sonntag, 14. Juni 2015, 00:59

unredlich

diese dumme Situation der ungebremsten Nachfrage bei gebremsten Geldmitteln trifft doch die somatische Medizin in viel größerem Umfang als die wirtschaftlich wesentlich unbedeutendere Psychotherapie.
Warum sollen aber die Psychotherapeuten, die nicht zu einer "zwei.Minuten-Abfertigung" ausweichen können, die Misere alleine ausbaden?
Die Sprechzimmer der somatischen Medizin quellen über von Menschen, denen nichts fehlt außer Lust auf Arbeit oder ein Gesprächspartner zuhause, oder denen wir Ärzte immer mehr normale Gesundheitszustände als krankhaft verkaufen sollen, weil gerade wieder ein neuer Wirkstoff erfunden wurde. Gerade kommt mit der "female sexual dysfunction" die nächste für ein Arzneimittel erfundene Krankheit auf uns zu. Genauso, wie der Somatiker seine "Verdünnerscheine" hat, gibt es auch beim Psychotherapeuten Fälle, die "leicht" und mit wenig Aufwand behandelt werden können, aber dennoch eine ganze Stunde in Anspruch nehmen... seien sie den Psychotherapeuten doch gegönnt, auch somatische Mediziner sind froh, wenn nicht jeder Ratsuchende wirklich schwer krank ist.
Avatar #621410
jsbielicki
am Samstag, 13. Juni 2015, 10:23

Psychokratie – eine neue Nomenklatura in Deutschland

Psychokratie – eine neue Nomenklatura in Deutschland

Es gibt zweierlei Ethik, die Ethik der Moral und die Ethik der Verantwortung.
Die Ethik der Moral begnügt sich mit dem Alarmismus der permanenten Gefahr des nahenden Weltuntergangs und ruft zur immer stärkeren Finanzierung der Wanderprediger auf, die heute als Psychotherapeuten durch die Medienlandschaft ziehen.
Die Ethik der Verantwortung überlegt die realen Möglichkeiten der psychotherapeutischen Hilfe, auch die Grenzen dessen, was der Behandler und der Patient in einer Psychotherapie leisten und erreichen können.
In regelmäßigen Zeitabständen schlagen Vertreter der psychokratischen Nomenklatura Alarmglocken, daß das Heil der Menschheit gefährlich bedroht sei und daß Tätigkeitsfelder der Psychotherapeuten ausgeweitet werden müssen, damit sie die Leidenden dieser Welt durch ihren Ruach (Atem Gottes) von der Pein des Daseins befreien können. „Traumatisierung“ heißt die Erbsünde heute, die überall lauert, und die ein Psychotherapeut heilen könne, alleine durch seinen guten Willen, denn von Indikation, Methode, Wirksamkeit wird unter Psychotherapeuten gar nicht mehr diskutiert. „Jedem alles und zwar sofort!“ – heißt die Devise, und immer mehr Psychotherapeuten dafür immer mehr vom Mammon. Denn nur wenn es ums Geld geht, wird Kommunikation unter Psychotherapeuten lebhaft. Wenn Deutsche von Moral reden, dann geht es ihnen ums Geld. Wenn jeder jeden wird heiraten können, bald auch Individuen sich selbst, wenn sie sich nur stark genug selbst lieben, oder ihr geliebtes Haustier, mit dem schon manche heute Sex treiben, dann kann ein Psychotherapeut jeden psychotherapieren, auch wenn der Patient sich mit dem Psychotherapeuten nicht verbal verständigen kann, keinerlei Bildung hat, ein Analphabet ist und von Reflektion und Meinungsaustausch noch nie gehört hat. Everything goes! Halleluja! Die Psychotherapie in Deutschland ist zu einer religiösen Sekte geworden und eine ihrer Propheten ist Petra Bühring, die Redakteurin des Deutschen Ärzteblattes. Zuletzt hat sie zwei Apostelbriefe veröffentlicht, „Psychotherapeutische Versorgung: Mehr Flexibilität für alle“ in PP 14, Ausgabe Juni 2015, Seite 241 und „Gesundheitsversorgung von Migranten: Asylbewerber haben Anspruch auf Psychotherapie“ in PP 14, Ausgabe Juni 2015, Seite 246.
Dabei zeigt die TK-Studie, daß immer mehr Menschen mit der Diagnose Depression krankgeschrieben werden. Von 2000 bis 2013 nahmen die Fehlzeiten in Unternehmen aufgrund von Depressionen um fast 70 Prozent (sic! ) zu. Aber das reicht den Psychotherapeuten immer noch nicht, es müssen noch Flüchtlinge, Bundeswehrsoldaten, diese und solche und jene Gruppen in die Behandlungszuständigkeit der Psychotherapeuten verschleppt werden, immer mehr und immer mehr – und das Geld der Krankenkassen dafür natürlich auch, denn wo kämen wir hin, wenn jemand seine Behandlung, mindestens zum Teil, selbst bezahlen müßte? Nein, im Raubtiersozialismus muß der Staat alles zahlen, nix Selbstverantwortung!
Dem gegenüber möchte ich hier erinnern, daß eine Psychotherapie nur eine solche ist, wenn der Psychotherapeut erklären kann, was er und sein Patient in einer Psychotherapie denn konkret machen, wozu und mit welchen Mitteln, und wie lange es voraussichtlich dauern und wieviel das Ganze kosten wird? Diese einfache Frage geht aber in dem kosmischen Überschwang der guten Absicht unter. Gut gemeint ist aber schlecht gemacht. Mit den Mitteln der ambulanten psychodynamischen Psychotherapie (TfP, PA) sollen unbewußte neurotische Konflikte und ihre krankhaften Folgen geklärt und aufgehoben werden. „Trauma“ ist einfach ein schweres Erlebnis, es fängt also mit dem Geburtstrauma an, so daß die ganze Menschheit nach dem Prinzip der „Traumabehandlung“ behandelt werden müßte, wenn es nach Frau Bühring und ihresgleichen ginge. Mit dem Trick des „Traumas“, wird die Ursache des neurotischen Leidens aus dem geistigen Inneren des Individuums in die äußere Welt verschoben, der Mensch ist im Konzept des Traumas lediglich wie eine Billiardkugel, die von Aussen angestoßen wird, und hat keine Verantwortung mehr für sein Leiden, er ist einfach nur noch ein Opfer und Bührings sind seine himmlischen Retter. Nix Psychotherapie, nur noch eine Sekte mit Heilungsritualen, mit Kammern als Betroffenheits- und Empörungskanzeln und den Krankenkassen, also wir alle als Solidargemeinschaft, die diese psychokratischen Wanderprediger bezahlen sollen. Ich bin Psychoschmalzvertretern nicht solidarisch.
Helmut Remschnidt schrieb in „Psycho-Boom: Alle entdecken die Seele“ im Deutschen Ärzteblatt 2013; 110(13): A-604 / B-537 / C-537: „Was wir brauchen, ist wieder die Zusammenführung erprobter Therapiemaßnahmen und die Ausgliederung jener, für die es keinerlei Wirksamkeitsnachweise gibt. Was wir brauchen, ist eine ärztliche Ausbildung, die notwendiges Spezialwissen und die Verpflichtung zur Übersicht zu vereinbaren weiß.“
Petra Bühring fordert die Ausweitung der Psychotherapie auf Gebiete außerhalb der Richtlinienpsychotherapie, wohlwissend daß dann eine solche Behandlungsfreiheit grenzenlos wäre. Gottseidank setzen (aber wie lange noch?) Psychotherapierichtlinien und die damit verpflichteten Kontrolleure (sog. Gutachter) dem realitätsfernen megalomanen Anspruch der Psychotherapeuten Grenzen, gegen welche diese immerwieder anrennen.
Zur Erinnerung:
„Schicksalhafte Ereignisse, biographische Schwellensituationen, Fehlverhalten des sozialen Umfelds des Patienten, frühkindliche Traumatisierungen, Auseinandersetzungen am Arbeitsplatz, Belastungen durch Organminderwertigkeiten usw. – solche Faktoren im weiten Bedingungsfeld der Biographie eines Patienten erbringen allein durch ihr Vorhandensein nicht schon den Nachweis der psychischen Ätiologie einer neurotischen Störung, deren Behandlung damit ausreichend begründet wäre.“ (Siehe Faber/Haarstrick Kommentar Psychotherapie-Richtlinien 9., aktualisierte und ergänzte Auflage, S.17)
„Die vorwiegend strukturell geprägten Persönlichkeitsstörungen, ohne konflikthafte neurotische Aktualproblematik, gehören nicht zum Indikationsbereich der Psychotherapie, weil sie nicht als „seelische Krankheit“ gelten können. Wohl aber können vorwiegend strukturelle Störungen zum Indikationsbereich der psychosomatischen Grundversorgung und vor allem der Psychiatrie gehören und dort in der vertragsärztlichen Versorgung einer verbalen Intervention zugänglich sein.“ (R: C § 21, besonders § 21a 1). (Siehe Faber/Haarstrick Kommentar Psychotherapie-Richtlinien 9., aktualisierte und ergänzte Auflage, S.20)
Gerd Rudolf weist in Forum der Psychoanalyse 2013/3 darauf hin, „dass nicht jedes aktuelle Lebensunglück und gar jede biografische Belastung zwangsläufig eine Traumatisierung bedeutet, dass ferner nicht jede Opferselbstzuschreibung gleichbedeutend ist mit einer posttraumatischen Störung und dass vor allem ein unkritisches therapeutisches Eingehen darauf eher das Risiko einer therapeutischen Schädigung als die Chance eines therapeutischen Nutzens beinhaltet. Wenn mittlerweile in einem erheblichen Teil der tiefenpsychologischen Anträge – und der verhaltenstherapeutischen Anträge ebenso – die genannten Probleme auftauchen, dann liegen die bedenklichen Folgen nicht in den „Nöten der Gutachter“, sondern in der Gefährdung von inadäquat behandelten Patienten; ein Thema, vor dem man nicht die Augen verschließen sollte, wenn man an der Qualität des psychotherapeutischen Versorgungssystems interessiert ist.“
Der psychotherapeutischen Tätigkeit würde es gut tun, wenn Psychotherapeuten mehr sachlich und konkret über die realen Möglichkeiten und Notwendigkeiten ihres Berufes diskutieren würden, anstatt daß sie eigene tatsächliche oder angebliche Kompetenz universal als das einzig denkbar heilende für jede Not marktschreierisch propagieren und dafür immer mehr staatliche Gelder fordern.

Mehr auf:
L’Allemagne est malade!

https://psychosputnik.wordpress.com/2014/08/24/904/

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