ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2015Körperbilder: Keith Haring (1958–1990) – Der durchlöcherte Mann

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Keith Haring (1958–1990) – Der durchlöcherte Mann

Dtsch Arztebl 2015; 112(24): [60]

Schuchart, Sabine

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Seine skizzenhafte Leichtigkeit und scheinbar naive Ikonografie, seine leuchtenden Farben und durchgehenden Linien verführen dazu, den inhaltlichen Gehalt seines in gut einem Jahrzehnt entstandenen Werks zu unterschätzen. Tatsächlich war Keith Haring, der 1990 mit 31 Jahren an den Folgen seiner Aids-Erkrankung verstarb, ein eminent politischer Künstler, wie die reizvolle Münchener Ausstellung „Gegen den Strich“ mit 160 Exponaten vorführt. Ob auf Papier, Wänden oder Plastikplanen, ob in Bild oder Skulptur – Haring bezog während seiner kurzen, intensiven Karriere im New York der 1980er Jahre Position gegen gesellschaftliche und soziale Missstände, setzte sich mit Themen wie Rassismus, sexueller Unterdrückung, Gewalt und Tod auseinander.

Keith Haring: „Ohne Titel (Gelbe Figur)“, 1982, Einbrennlack auf Metall, 109,2 × 109,2 cm: Durch die ovale Öffnung im Bauch einer gesichtslosen Figur mit erhobenen Armen springen Hunde wie Zirkustiere durch einen Dompteurring. Keith Haring entwickelte schon früh seine typische Symbolsprache: den Hund, hier als Zeichen des Angriffs und der Rebellion, und das große Loch im menschlichen Körper als Ausdruck von Bedrohung und Verletzung. Foto: Sammlung Larry Warsh ©The Keith Haring Foundation
Keith Haring: „Ohne Titel (Gelbe Figur)“, 1982, Einbrennlack auf Metall, 109,2 × 109,2 cm: Durch die ovale Öffnung im Bauch einer gesichtslosen Figur mit erhobenen Armen springen Hunde wie Zirkustiere durch einen Dompteurring. Keith Haring entwickelte schon früh seine typische Symbolsprache: den Hund, hier als Zeichen des Angriffs und der Rebellion, und das große Loch im menschlichen Körper als Ausdruck von Bedrohung und Verletzung. Foto: Sammlung Larry Warsh ©The Keith Haring Foundation

So auch in seiner „Gelben Figur“ von 1982, mit der er auf die Ermordung John Lennons zwei Jahre zuvor reagierte: „Am nächsten Morgen wachte ich auf und hatte das Bild von dem durchlöcherten Mann vor Augen – ich habe dieses Bild immer mit dem Tod von John Lennon assoziiert.“ Das Motiv hatte Haring im selben Jahr auch schon in Riesengröße auf Vinylplane verewigt – seinem lange Zeit bevorzugten Malgrund. Grundlage waren seine berühmten „Subway Drawings“: Zwischen 1980 und 1985 fertigte er in rasender Geschwindigkeit, immer in Gefahr, von der Polizei entdeckt zu werden, Tausende weißer Kreidezeichnungen auf den schwarz überklebten freien Werbeflächen in der New Yorker U-Bahn an – kleine Geschichten, die sich an die Millionen vorbeifahrender Menschen richteten, schnell verstanden werden mussten und oft kurze Zeit später wieder mit neuen Werbeplakaten zugekleistert wurden. Dies erklärt, warum Haring immer wieder auf dieselben hieroglyphenartigen Icons und klaren Silhouetten zurückgriff, die er jeweils zu neuen Kontexten verdichtete. Bilder sollten für ihn wie Wörter funktionieren und eine breite Öffentlichkeit erreichen, denn der Documenta-Teilnehmer sah als sein eigentliches Publikum weniger die Museumsbesucher als die Menschen in der U-Bahn an. Doch deren Reaktion ärgerte ihn dann doch: Mit seiner zunehmenden Popularität stieg auch die Zahl derer, die seine Zeichnungen entwendeten, indem sie diese aus den großen Werbeträgern herausschnitten. Sabine Schuchart

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Ausstellung
„Keith Haring. Gegen den Strich“

Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, Theatinerstr. 8, München; www.kunsthalle-muc.de

tgl. 10–20 Uhr (außer 4. Juli: 10–17 Uhr); bis 30. August 2015
Kunsthalle Rotterdam, 17. September 2015 bis 8. Februar 2016

1. „Keith Haring: Gegen den Strich“, Katalog zur Ausstellung, gebundene Ausgabe, 256 Seiten, Prestel 2015; 49,95 Euro

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