ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2015Rumänien: Der weiße Aderlass

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Rumänien: Der weiße Aderlass

Dtsch Arztebl 2015; 112(24): A-1084 / B-906 / C-878

Roser, Thomas

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Ärzte und Krankenschwestern aus Rumänien sind begehrte Arbeitskräfte in Westeuropa. In ihrer Heimat sind Ärzte unterbezahlt – und werden zunehmend rar: Vor allem in ländlichen Regionen steht das Gesundheitssystem vor dem Kollaps.

Die Klinik in Cluj steht noch relativ gut da – in der Universitätsstadt finden sich noch genug junge Assistenzärzte.

Der Zeitenlauf prägt auch den Berufsalltag. So bewegt wie die Geschichte seines Landes, so unterschiedliche Phasen hat Aurel Bizo in seiner 33-jährigen Karriere als Arzt erlebt. Zu sozialistischen Zeiten sei Rumäniens Gesundheitswesen „schwächer und schlechter“ gewesen, konstatiert der Chef der Ärztekammer in Cluj (Klausenburg). Doch ein Vierteljahrhundert nach Rumäniens blutiger Wende blickt der 61-Jährige eher pessimistisch und ratlos durch seine dicke Hornbrille in die Zukunft seines Berufsstands.

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Jedes Jahr kümmere sich die Politik „noch weniger“ um das Gesundheitswesen, klagt der langjährige Kinderarzt: „Der Gesundheitssektor interessiert unsere Politiker nicht, hat für sie keine Priorität: Sie lassen sich ohnehin in ausländischen Privatkliniken behandeln.“ Doch wenn der Trend der Abwanderung nicht gestoppt werden könne, „wird uns der Ärztemangel dramatisch treffen“. Nein, verärgert sei er über die emigrierten Kollegen keineswegs – im Gegenteil, er verstehe sie: „Es ist einfach unannehmbar, dass ein junger Assistenz-arzt gezwungen ist, sich von seiner Familie aushalten zu lassen.“

Der weiße Aderlass scheint nicht zu stoppen. Seit Rumäniens EU-Beitritt 2007 haben 14 000 Ärzte ihre Heimat bereits verlassen. Die Zahl der abgewanderten Krankenschwestern und Pfleger beziffert Stefan Roman, der Chef der „Sanitas“-Gewerkschaft in Cluj, gar auf zwei bis drei Mal so viel. Den Hauptgrund für das Leerbluten des Gesundheitswesens sieht der Gewerkschafter in der kargen Bezahlung.

Umgerechnet 219 Euro im Monat verdienten Berufsanfängerinnen als Krankenschwester, deren magerer Lohn auch bis zum Renteneintritt nur selten über 500 Euro steige, so Roman. Nicht viel besser sehe es bei der Bezahlung der noch knapp 40 000 Ärzte des Landes aus. Das Einstiegsgehalt eines Assistenzarztes liege bei maximal 269 Euro pro Monat, das im Laufe des Berufslebens bis auf durchschnittlich 700 Euro ansteige: „In Westeuropa, den USA und Australien verdienen unsere Ärzte zehn bis 20 Mal so viel.“

An den Grenzen der Belastung

In Westeuropa sind gut ausgebildete Ärzte und Krankenschwestern aus Rumänien begehrte Arbeitskräfte. In ihrer Heimat sind sie unterbezahlt – und zunehmend rar. Die Folgen des „Exodus“ seien „katastrophal“, berichtet der frühere Laborangestellte Roman. Der Personalmangel in Rumäniens Gesundheitswesen werde selbst von der Regierung insgesamt auf 42 000 Ärzte und Pflegerinnen geschätzt: „Die Arbeitsbelastung ist in den Krankenhäusern schon jetzt drei bis vier Mal so groß wie sie sein sollte. Physisch und psychisch ist das verbliebene Personal völlig überlastet. Vor allem die Krankenschwestern stehen unter Druck, werden völlig ausgezehrt: Statt 15 Betten – wie vorgeschrieben – hat jede meist 30 bis 50 Betten zu betreuen.“ Der latente Personalmangel schlage sich auch in der verschlechternden Qualität nieder: „Diejenigen, die noch hier sind, tun, was sie können. Aber jeder stößt einmal an seine Grenzen.“

Ihren richtigen Namen will Oana lieber nicht veröffentlicht wissen. Seit vier Jahren arbeitet die 29-Jährige als Assistenzärztin in der Intensivstation einer Klinik in Iasi. Die chronische Personalnot und die oft sehr fordernden und unhöflichen Patienten empfindet die Internistin als die „größte Herausforderung“ ihres Jobs. Vor allem bei der 24-stündigen „Notfallschicht“ gerieten selbst junge Ärzte an die Grenzen ihrer körperlichen Belastbarkeit: „Oft kann ich mich kaum mehr auf den Beinen halten.“

Chronisch überarbeitete Ärzte seien natürlich auch für die Patienten ein Risiko, so Oana. Doch obwohl sie für ihren auszehrenden Job nur ein Monatsgehalt von 1 300 Lei (295 Euro) plus Zulage in Form von maximal 20 Lebensmittelkarten erhält, verschwendet die Jungärztin im Gegensatz zu anderen Kollegen an eine Emigration keine Gedanken. Für ihren Beruf nehme sie schon jetzt viele Opfer in Kauf und sie wolle ihm nicht auch noch ihr Privatleben opfern: „Meine Freunde und mein Gemütszustand sind mir wichtiger als Geld.“

Den Ärzten geht es nicht allein ums Geld, meint Kranken­hausmanagerin Sanda Patrichi. Fotos: Thomas Roser

Eilig hasten Pfleger durch die hellgrün getünchten Gänge der 1978 eröffneten Rehabilitations­klinik in Cluj. Das 400-Betten-Krankenhaus genieße einen guten Ruf und sie habe in der Universitätsstadt „keinerlei Probleme“, junge Assistenzärzte zu finden, versichert in ihrer Dienststube die Krankenhausmanagerin Sanda Patrichi: „Denn von überall her kommen die Leute nach Cluj, um hier zu studieren.“ Doch mehr oder weniger seien alle Krankenhäuser Rumäniens vom Problem der Ärzte-Emigration betroffen: „Es sind nicht nur die geringen Gehälter, warum die Leute gehen. Oft sind auch mangelhafte Arbeitsbedingungen und die fehlende Anerkennung der Grund.“

Ärzte verzweifelt gesucht

Nicht nur die weitverbreiteten Klagen über die Korruption im Gesundheitswesen, sondern auch reißerische Berichte der Medien über die Missstände in den Krankenhäusern bescheren Rumäniens Ärzten ein eher geringes Sozialprestige. Für viele seien die Ärzte das Symbol aller Probleme des Gesundheitssektors, klagt Kammerpräsident Bizo über das fehlende Verständnis für deren Arbeitsbedingungen.

Cluj hat Glück. Zwar wandern laut den Statistiken der regionalen Ärztekammer auch in der wirtschaftlich starken Region jährlich über zehn Prozent Ärzte ins Ausland ab. Doch die Anwerbung von Ersatz fällt den Kliniken in der populären Uni-Stadt nicht schwer. Düsterer sieht es in der Provinz aus. In Tulcea steht beispielsweise die Kinderklinik des Bezirkskrankenhauses vor der Schließung, weil sich keine Ärzte für vakante Stellen finden. Und im 411 000 Einwohner zählenden Landkreis Botosani findet sich mittlerweile kein Neurochirurg mehr. Am gefragtesten seien im Ausland vor allem Fachärzte mit Erfahrung auf der Intensivstation, berichtet Kammerpräsident Bizo: Die populärsten Zielländer der Abwanderer aus Cluj seien Deutschland, Großbritannien und Schweden.

In den Westen gingen in der Regel qualifizierte Ärzte und Pfleger, in deren Ausbildung der rumänische Staat „viel Geld investiert hat – und nichts dafür zurückerhält“, ärgert sich Gewerkschafter Roman. Er fordert zumindest Kompensationszahlungen der reichen EU-Partner zur Erneuerung von Rumäniens Krankenhäusern: „Sie erhalten schließlich Ärzte, in deren Ausbildung sie keinen Euro investieren mussten.“ Doch Ärzteausbildung ist in Rumänien auch ein Geschäft. Ein Drittel der rund 6 000 Studenten der renommierten Universität für Medizin und Pharmazie (UMF) in Cluj kommt mittlerweile aus dem Ausland. Und im ledernen Direktorsessel im sechsten Stock des funkelnagelneuen Verwaltungsgebäudes der UMF sieht der Blick auf die irdischen Probleme des heimischen Gesundheitswesens denn auch völlig anders aus.

„Für uns ist es eine Ehre, dass unsere Absolventen in ganz Europa eine Arbeit finden“, versichert UMF-Rektor Alexandru Irimie lächelnd: Im Zeitalter der Globalisierung „bestimmen sie selbst, wo sie ihren Beruf ausüben und leben werden“. Den „Exodus“ der Ärzte hält der Chirurg für kein Problem: An den Universitäten würden ohnehin mehr Spezialisten ausgebildet, als das Land „absorbieren“ könne. An die „neue Beweglichkeit“ im Sektor werde man sich eben gewöhnen müssen: „Jeder sucht immer nach etwas Besserem – ob auf der finanziellen oder professionellen Ebene.“ Doch wie sieht Rumäniens leerblutendes Gesundheitssystem in 20 Jahren aus? Möglich, dass man zunächst mit „Billigärzten“ aus Asien oder dem angrenzenden Moldawien versucht, die Lücken zu füllen, orakelt Kammerpräsident Bizo: „Die Zahl der öffentlichen Krankenhäuser in den Bezirken wird sicher sinken. Um sich behandeln zu lassen, werden die Leute vor allem auf dem Land länger warten und reisen müssen.“ Gelassener sieht Rektor Irimie die Zukunft: „Eines Tages werden die Ärzte zurückkehren – und das Land wird von ihren im Ausland erworbenen Kenntnissen auch profitieren.“

Grundlegender Wandel nötig

Ärzte mit Auslandserfahrung bereicherten den Arbeitsalltag. Das ist auch die Erfahrung von Klinikmanagerin Patrichi. Doch ohne ein besseres Einkommen, gute Arbeitsbedingungen und eine andere Einstellung der Gesellschaft gegenüber dem Gesundheitswesen und dem Ärztestand werde „sich nichts ändern“. Nur mit einer spürbaren Annäherung ihrer Gehälter der Ärzte an das Lohnniveau der EU lasse sich deren Exodus stoppen, ist auch Gewerkschafter Roman überzeugt. Leider zeigten sich die heimischen Politiker meist nur im Wahlkampf über die Lage des Gesundheitssektors besorgt: „Danach bleibt alles beim Alten. Aber wenn sich nichts ändert, droht unser ganzes Gesundheitssystem in einem tiefen schwarzen Loch zu versinken.“

Thomas Roser

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